Dénesh Ghyczy (sprich: Gitsi) ist kein Mathematiker, sondern Maler, seine Arbeiten erinnern mich allerdings trotzdem ein bissl an einen Mathematikerwitz, der ungefähr so geht: Warum braucht ein Mathematiker keine Heizung? Weil er sich einfach nur in eine Ecke stellen muss, um sich aufzuwärmen. Dort hat es immer 90 Grad. Ach, und daran muss ich denken, weil die Bilder des Deutschen, die derzeit in der Galerie Suppan Fine Arts hängen, vier Ecken haben? Nein, denn eigentlich hab ich ja diese andere Scherzfrage gemeint: Wie befreit sich ein Mathematiker aus einem Käfig? Er definiert: Hier ist draußen.

Bei den gemalten Räumen, die nun zwar als drinnen definiert sind, handelt es sich jedenfalls um Interieurs mit Aussicht. VIEL Aussicht. Die – gläserne – Grenze zwischen Innen- und Außenwelt verschwimmt in der gesamten Ausstellung, die transparente Scheibe, die beides sowohl physisch trennt als auch optisch verbindet, zieht sich nämlich als Motiv durch: "Das offene Fenster." Okay, meistens ist es geschlossen, dafür öffnet es die ARCHITEKTUR großzügig. Und das Licht fensterlt, steigt stimmungsvoll ein in die Wohnzimmer, Palmenhäuser und Hallenbäder, paart sich geradezu impressionistisch mit den delikaten Reflexionen.

Dénesh Ghyczy hält den Palmen die Tür auf: "Biosphere." 

 - © Copyright: Dénesh Ghyczy, Courtesy: Suppan Fine Arts, Foto: Lars Wiedemann
Dénesh Ghyczy hält den Palmen die Tür auf: "Biosphere."


- © Copyright: Dénesh Ghyczy, Courtesy: Suppan Fine Arts, Foto: Lars Wiedemann

Nur die Kakteen waren Zeuge

Einmal schießt zwischen den Bäumen der Fernsehturm vom Alexanderplatz in die Höhe (der Künstler lebt und arbeitet in Berlin), meist bleiben die Gewächse freilich anonym. Natur HINTER Glas (vorm Fenster), IM Glas (im Glashaus), oder das Grünzeug ist stubenrein und geht herinnen quasi aufs Töpfchen (eine sogenannte Zimmer- oder Topfpflanze). Und selbstverständlich ist der Mensch ebenfalls ein Naturprodukt. Der ist ein Tier, das sich eben SELBST domestiziert hat, von SELBST häuslich geworden ist. (Die einzige fensterlose Ausnahme ist der "Cold Lake": Da taucht eine Schwimmerin direkt, mit dem ganzen Körper, nicht allein mit den Blicken, ins Gebirgspanorama ein, in den Bergsee.)

Bloß sporadisch verirrt sich jemand in Ghyczys "Innenräume" hinein, dann herrscht Hopper-Stimmung. (Edward Hopper: bekannt für seine einsamen Figuren, die die Zeit verstreichen lassen.) Einer meditiert in der Wärme des hereinspechtelnden Tages (wer im Glashaus sitzt, kann ja ruhig mit Oms werfen), während seine Gitarre wie die leibhaftige Stille tonlos an der Wand lehnt. Dagegen wirken die aufgereihten Kakteen vor einer andern Glasfront wie Spanner, die neugierig eine Frau beobachten, die gerade an der Fesselspange ihrer Peeptoes hantiert.

Good Vibrations

Die Schaulust SEINES Publikums befriedigt Ghyczy aber bereits mit seinem vitalen Strich, der zuckt, sich zitternd wellt und dabei die Statik der Architektur sowie die Strenge der Komposition und der gerasterten Fenster in eine vibrierende Dynamik auflöst, wo sich abstrakte Gesten zu einem lebendigen Realismus verdichten. Ein pittoreskes Schmankerl: der Besuch seines aufgeregten Pinsels in jenem Haus und Atelier, das Le Corbusier für den französischen Ur-Puristen Amédée Ozenfant entworfen hat.

Apropos Entwurf. Die Vorzeichnung wird auf der Leinwand von den Öl- und Acrylfarben nicht kurzerhand erstickt, die darf vielmehr mitspielen. Die andeutenden, skizzierenden Linien scheinen außerdem in dieser flotten Malerei besonders gut zu gedeihen, aus dieser förmlich zu sprießen, mit ihr zu amalgamieren. Der kann halt was, der Ghyczy.