Der Streit um das Denkmal des Bürgermeisters Karl Lueger lässt leider immer eine Frage aus: es geht eigentlich nicht um einzelne Person und deren Taten und Werte, die bei Aufstellung entlang der Ringstraße um 1900 eine gewichtige Rolle spielten. Heute fahren wir an den vielen Dienern der Monarchie vorbei - Kaiser Franz Joseph in römischer Toga schaut noch vom Giebel des Parlaments auf uns herab - und stellen uns nicht einmal mehr die Frage, warum wir die museale Situation nicht besser aktualisieren. Ein Museum braucht auch Werkerläuterungen. Die wäre nicht nur für den derzeit abwesenden Tourismus, sondern vor allem für uns selbst wichtig, denn es ist nicht einfach, die Protagonisten der Vergangenheit auf heutige demokratische Wertvorstellungen abzustimmen.

Denkmalgerecht sollte man über den musealen Geschichtsunterricht hinaus aber mehr über Österreichs Werte heute im öffentlichen Raum erfahren. Weniger das Lueger-Denkmal ist da das Problem als eine fehlende Begleittafel mit seinen positiven Taten, aber auch seinem Vorantreiben des Antisemitismus in Wien. Im Gesamtkonzept sind zeitgemäß die einzigen realen Frauen, die an der Ringstraße Denkmäler haben, zwei Kaiserinnen. Keine Bertha von Suttner, keine wichtige Politikerin oder Widerstandskämpferin. Schade.

Gut, Johanna Dohnal, Hertha Firnberg oder Margarete Schütte-Lihotzky mit Bruno Kreisky vor den Kaiser in den Parlamentsgiebel geblendet, wird wohl nicht genügen. Die Damen haben auch (heute passender) Schulen und Plätze mit ihrem Namen, der "Sonnenkönig" genannte Kanzler einen Park. 1925 entschied man sich immerhin, Marie von Ebner-Eschenbach eine Tafel im Arkadenhof der Universität zu widmen, 2016 folgten sieben weitere Wissenschafterinnen und seit 2009 gibt es Iris Andrascheks Projekt "Der Muse reicht’s". Es geht also doch mit der Aktualisierung im öffentlichen Raum.

Breitbeiniger Goethe

Maria Theresia thront eindrucksvoll landesmütterlich über dem nach ihr benannten Platz, einem Teil des unvollendeten Kaiserforums, von Caspar von Zumbusch mit Architekt Carl Hasenauer samt ihren am Sockel platzierten Ministern 1887/88 in Szene gesetzt. Die Kunstgeschichtsschreibung des Historismus macht sie nicht nur zum Fotomotiv, sondern sie ist auch unsichtbar für die heutige junge Szene, die im Park Party macht und Tonnen an Mist um sie ablagert. Gegen den Retrocharme des Wientourismusslogans vom imperialen Wien gibt es künstlerische Reaktionen, die sie für uns sichtbar machen wie das Foto Matthias Herrmanns. Er zeigt die thronende Altmutter der Nation von der Rückseite in nächtlicher Schneeatmosphäre als alljährlich zur Weihnachtsmarktzeit verklärtes Stadtmöbel, macht uns die Problematik unseres verkitschten Geschichtsbilds klar.

So müssten wir auch Kaiserin Elisabeth, die durch die Sisi-Filme im Nachkriegskitsch versunken bleibt, näher rücken. Sie sitzt versteckt in einer Nische neben dem Theseus-Tempel im Volksgarten von Bildhauer Hans Bitterlich mit Architekt Friedrich Ohmann in bürgerlichem Auftrag 1907 aufgestellt. Dermaßen "entrückt" funktioniert weder sie noch der Tempel inhaltlich für eine Geschichte des Orts. Der Tempel blieb 1890 ohne die "Theseus-Gruppe" Antonio Canovas (heute im Aufgang des KHM) als leere Hülle zurück, die bekam 1921 einen nackten Jüngling vor die Fassade. Dieser "Sieger", vom österreichischen Sportverband gewidmet, ist von Josef Müllner wie ein weiterer Männerakt in der Aula der Akademie zum Gedenken der gefallenen Kollegen im 1. Weltkrieg. Müllner ist als Rektor und späterer Anhänger des Nazi-Regimes vielseits kritisch kommentiert, wie von der Plattform Geschichtspolitik, die seit 2009 fehlende Texte zu den Denkmälern Wiens online publiziert, doch sollten diese vor Ort sichtbar werden oder abrufbar sein.

So bleiben die Teilaspekte männlicher National-Narrationen von Ehre und vaterländischen Kriegen über die ganze Ringstraße unzeitgemäß entleert. Das ist so irrational wie die alleinige Zuständigkeit des Militärs für ein nicht mehr zeitgemäß funktionierendes Heeresgeschichtliches Museum.

Wir fahren am "Ring" vorbei an nackten Männern, Siegern und Reiterhelden von Prinz Eugen, Feldmarschall Radetzky oder Karl von Schwarzenberg. Von den bedeutenden Politikern und Dichtern sitzt etwa der ehemalige Staatsminister und Geheimrat Goethe breitbeinig an der Ringstraße, während der ehemalige Revolutionär Schiller nach hinten gerückt auf seinem Platz stehen muss - dieser politische Akzent ist wichtiger als ihre Reduktion auf den kunsthistorischen Denkmalwert für das Gesamtkunstwerk Ringstraße.

Entgiftung ist nötig

Die 2. Republik versucht das "Heldentor" aus Monarchie und Diktatur in die Rituale unserer Demokratie herüberzuretten, hatte aber noch kürzlich Probleme, die gemäßigte Moderne eines Karl Renner-Kopfes von Alfred Hrdlicka am Rand des Rathausparks durchzusetzen. Peter Noever eroberte 1986 bis 2011 als Direktor des MAK für die Gegenwartskunst einige Plätze entlang der Ringstraße, immerhin steht Philip Johnsons "Wiener Trio" am Schottenring, Franz Wests Lemuren an der Wien-Brücke zum Stubentor und das Museum erstrahlt allabendlich durch James Turrells Lichtinstallation. Die berühmten Töchter Österreichs fehlen freilich immer noch.

Irene Nierhaus wies schon vor dreißig Jahren auf die Diskrepanzen der männerbündischen Ringstraßendenkmäler hin und doch streiten wir weiter um Einzelne, der Blick aufs Ganze fehlt. 2004 wurde die städtische Institution KÖR für die neuen künstlerischen Interventionen im öffentlichen Stadtraum etabliert, sie sollte sich mit (Kunst-)Universitäten und dem Haus der Geschichte um neue Bezüge zu den Denkmälern der Ringstraße bemühen. Denn es bleibt auch neben Lueger vieles problematisch - keine Stellungnahme zu den beiden austrofaschistischen Adlern am Burgring und vieles mehr, die unangenehmen Teile unserer Geschichte bleiben unausgesprochen, die Kunstwerke stumm, ohne Kommentar. Den deutschnationalen Siegfriedkopf, auch ein Werk Müllners, aus der Eingangsaula der Hauptuni zu entfernen und Straßenteile umzubenennen allein, entgiftet uns nicht.

Besser für ein neues Geschichtsempfinden sind aktualisierende Kunstinterventionen. Wir müssen uns wie die BRD nach 1945 endlich zur Nachfolge der Jahre 1938 - 1945 entschließen und die entstandene Propagandakunst kennzeichnen, nicht auf stumm schalten oder verstecken. Neben den neuen Mahnmalen von Rachel Whiteread (2000) bis PRINZGAU/Podgorschek (2018) sind konzeptuelle Interventionen nötig, auch umstrittene Akzentuierung kann ästhetisch auf Schuld und historische Fehler hinweisen. In diese Narration sollten wir dann auch die Statue Karl Luegers einbinden.