In der Seilerstätte bleibt die Tür für Besucher in nächster Zeit zu, stimmt, doch an der Zweitadresse der Galerie LAYR im World Wide Web, da kommt man rund um die Uhr rein. Lockdown hin oder her. Und kann sich durch die Ausstellung wenigstens durchklicken (https://www.emanuellayr.com/exhibition/gaylen-gerber-2).

Man sieht es den Exponaten nicht unbedingt an (und das muss man mir jetzt einfach glauben, weil mir noch der Luxus vergönnt war, sie in der "richtigen" Realität zu begutachten), aber es handelt sich durchwegs um Malerei. Auch bei den Skulpturen? BESONDERS bei denen. Nein, Gaylen Gerber ist kein Magier, der mit seinem Zauberstab, dem Pinsel, Malerei in eine Skulptur zu verwandeln vermag, indem er also oben auf den schlichten Holzsockel, statt das Objekt leibhaftig draufzustellen, eines drauf-PINSELT, geschickt Volumen vorgaukelt und sein Publikum optisch täuscht (und womöglich sind die Sockel selbst bloß Bodengemälde mit geilen 3D-Effekten). Vielmehr macht er – im Gegenteil – aus Skulpturen Malerei. Technik: Öl auf Marmor oder Bronze. Illusionskunst ist das trotzdem irgendwie. Schließlich wirken die Originale durch die präzise aufgetragene, matte, weiße Farbschicht plötzlich wie Gipsabgüsse. (Die Sockel sind freilich wirklich aus MDF-Platten zusammengezimmert und nicht Stein oder Beton, in einem "Holzton" gestrichen.)


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LAYR

www.emanuellayr.com

Gaylen Gerber
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Ménage-à-trois: Jugendstil-Dame, Gockel und Gaylen Gerbers Großvater Henry.   - © Foto: Paul Levack, Courtesy: Gaylen Gerber und LAYR, Vienna
Ménage-à-trois: Jugendstil-Dame, Gockel und Gaylen Gerbers Großvater Henry.
 
- © Foto: Paul Levack, Courtesy: Gaylen Gerber und LAYR, Vienna

Wer sagt, dass Gemälde flach sein müssen?

Nicht zufällig lautet der Titel dieser zeitlosen, nämlich nicht datierten Serie "Support", und das bedeutet, aus dem Englischen übersetzt, neben Unterstützung, Pflege, Halt eben außerdem Unterlage. Und der amerikanische Maler (oder "Über-Maler") verwendet hier als "Unterlage", als Malgrund, nun einmal die skulpturalen Werke anderer. Porträtbüsten mit lächelnden oder versonnenen anonymen Gesichtern. (Gut, die Künstler werden SCHON gewusst haben, wie ihre Modelle heißen.)

Gaylen Gerber übermalt Francois-Raoul Larche. Öl aufMarmorbüste. 
 
- © Foto: Paul Levack, Courtesy: Gaylen Gerber und LAYR, Vienna

Gaylen Gerber übermalt Francois-Raoul Larche. Öl aufMarmorbüste.

- © Foto: Paul Levack, Courtesy: Gaylen Gerber und LAYR, Vienna

Dafür sind die Bildhauer aus Italien, Frankreich, Großbritannien, die mir zugegebenermaßen bislang völlig unbekannt waren, zumindest bedeutend genug, um einen Wikipedia-Eintrag zu haben: Adolfo Cipriani (1857 bis 1941), Francois-Raoul Larche (1860 bis 1912 – seine Art-Nouveau-Dame wird auf der Seite eine Auktionshauses übrigens auf 2000 bis 3000 Dollar geschätzt, eine nackerte Leinwand wäre definitiv die billigere "Unterlage" gewesen) sowie William Reid Dick (1879 bis 1961). Und mittendrin Gerbers Großvater Henry, modelliert von jemandem, den nicht einmal Google kennt: Michele Guballo.

Der den Kojoten bemalt

Und der präparierte Kojote, dem Gerber einen neuen Anstrich verpasst hat? (Grau: seine andere Lieblingsfarbe.) Ein waschechter Amerikaner. Das Leben selbst wird nach dem Tod ausgestopft, der Tod zu einer lebensechten Skulptur. Der ist vielleicht ebenfalls keine Berühmtheit (der Kojote, nicht der Tod), ist zum Beispiel nicht dieser Little John, der dem Joseph Beuys, dem Herrn des Filzes und des Fetts, bei seiner legendären schamanistischen Aktion "I like America and America likes me" assistiert hat (1974 während der mehrtägigen Eröffnung einer Galerie in New York), sondern IRGENDEIN Kojote. Aber JEDER repräsentiert quasi die USA, den Wilden Westen, oder? JEDER Präriewolf. (Immerhin ein heiliges Tier der nordamerikanischen Ureinwohner.)

Nicht, dass Gerber nicht auch Bilder übermalen würde. Flache. Gleich mitsamt dem Rahmen allerdings. Aus dem üppigen Blumenstillleben eines Jan-van-Huysum-Nachfolgers wird schlagartig abstrakte Kunst. Maximaler Minimalismus. Monochromie in Grau. Und wenn er sich nicht das Opus des Jüngers vorgenommen hätte? Wenn er stattdessen zu einem vom Meister selbst gegriffen hätte? Wäre der gebürtige Texaner, der in Chicago lebt und arbeitet, dann ein Banause? (Laut Wikipedia gilt Jan van Huysum, der mir wieder nix sagt, ja als "Phönix der Blumen- und Fruchtmaler". Und wer den Phönix so gründlich unter der Asche, unter einem blickdichten Grau, begräbt, dass sich dieser garantiert nimmer davon erholt, ist mindestens ein Barbar, ein Kunstschänder. Oder ist die Zerstörung in Wahrheit eine Wiedergeburt? Wird der altvatrische holländische Ölschinken als zeitgenössische Kunst reanimiert?)

Schwarze Quadrate waren gestern

He, warum malt er nicht über seine EIGENEN Sachen drüber? Tut er eh. Die unscheinbaren grauen Quadrate seiner frühen Serie "Untitled" (1980er und 90er Jahre) sind nämlich nicht die Wandgräber von Kasimir Malewitschs schwarzen Quadrat-Ikonen, dafür haben sie schlichtweg die falschen Maße. (Das "Schwarze Quadrat" von 1915 des russischen Avantgardisten war 79,5 mal 79,5 Zentimeter groß, das von 1923 106 mal 106 Zentimeter und jenes von 1929 80 mal 80 Zentimeter, während die zwei Quadrate, die bei LAYR hängen, eine Seitenlänge von 96,5 Zentimetern aufweisen.) Abgesehen davon, dass die Tretjakow-Galerie in Moskau und das Russische Museum in Sankt Petersburg ihre Schätze wohl nicht freiwillig herausgegeben hätten. Und was IST unterm Grau? Keine Ahnung. Je länger man hinschaut, desto mehr diffuse Formen scheint der unbunte Nebel anzunehmen, sogar Farbe zu kriegen.

Hm. Wie nennt man Gaylen Gerbers Stilrichtung überhaupt? Vandalismus? Oder Kommunismus, weil kein Unterschied gemacht wird zwischen einem trivialen Allerwelts-Gockelhahn aus Eisen und einer museumsreifen Büste, zwischen Bild und Rahmen, Natur und Kunst? Die vermeintlich neutrale weiße oder graue Oberfläche macht alles gleich. Und ist insgeheim hochemotional, schockiert, verstört, provoziert, amüsiert, stellt die Frage nach der Autorschaft und hinterfragt das Wertesystem Kunst grundsätzlich. Was ist Kunst, wer oder was bestimmt ihren Wert und wem gehört sie? Dem Künstler, dem Sammler oder der gesamten Menschheit? Und darf der Käufer echt alles mit der Kunst machen, für die er bezahlt hat? Anscheinend ja. (Sofern er selber Künstler ist, jedenfalls.) Konsequent hinterfotzig.