Auf den Bildern sind ja überhaupt keine Menschen drauf. (Na und? In der Galerie, in der sie hängen, befinden sich doch auch keine.) Ob die sich grad alle irgendwo IN den gemalten und fotografierten Häusern verstecken? Wegen der Ausgangssperre? "Urbane Residenzen" heißt die Schau und handelt von verlassener und bewohnter Architektur und einem angeblich unbewohnbaren Baudenkmal. Und zum Glück residiert die Galerie Gans an zwei Orten gleichzeitig: in Wien und – im Internet (www.galerie-gans.at).

Okay, eine Person ist sehr wohl zu sehen. Moni K. Huber, die ein Faible für Gebäude mit Vergangenheit hat, für Bauten, die außer Betrieb sind (verwaiste Kinderheime, Hotelkomplexe . . .), posiert auf einer der Ausstellungsansichten (https://www.galerie-gans.at/ausstellungen/urbane-residenzen/) vor einem Relikt aus der Fußball-WM 1978: einem Kiosk, den sie sich anhand von Fotos, die ihr eine Freundin aus Argentinien geschickt hat, und mit ihrer intuitiven Collage-Technik erarbeitet, regelrecht zusammengepuzzelt hat. Zeichnung, Malerei, Fotografie verschmelzen zu einer lebendigen Dekonstruktion voller Spiegelungen, optischer Echos und räumlicher Brüche. Zugleich ein Nachhall ihrer eigenen Biografie, hat sich die gebürtige Salzburgerin doch vor Jahren ebenfalls in diesem südamerikanischen Land aufgehalten (und das Hüttl mit der einprägsamen Überdachung aus glasfaserverstärktem Polyester – "Eine Form, die nichts Reguläres hat" – damals gewissermaßen "übersehen"; dafür sieht sie heute umso genauer hin, zerlegt das Ding mit ihrem analytischen Blick in seine abstrakten Details).

Relikt aus der Fußball-WM von 1978: Moni K. Huber analysiert

einen Kiosk. 
 
- © Copyright: Galerie Gans

Relikt aus der Fußball-WM von 1978: Moni K. Huber analysiert
einen Kiosk.

- © Copyright: Galerie Gans

Die Architektur als Knautschzone

Die beiden Deutschen haben sich NICHT vor ihren Werken aufgestellt, sind NICHT ins Risikogebiet Österreich eingereist. Von Hein Spellmann (Berlin): strenge Fassaden (https://www.galerie-gans.at/portfolio-item/hein-spellmann/). Mehr Knautschzone als Foto. Sinnlich originelle Wandpölster (schaumstoffunterlegte, silikonversiegelte Prints mit Holzkern), die nicht nur ein Blickfang sind, sondern obendrein sämtliche Finger in ihrer Umgebung anziehen. (Ja, die "Foto-Kissen" sind tatsächlich weich. Kann ich bestätigen.) Ein Ministerium, ein Hotel, eine HNO-Praxis. Selbst die Abstraktion im Endstadium (der Mondrian zum Wohnen) ist kindersicher, hat nämlich abgerundete Ecken. Und hinter den Fenstern lassen sich die Bewohner erahnen. "Ordnungswidrigkeiten" bei den Rastern (schiefe Rollos!) erzählen menschliche Geschichten.

Architektur zum Knautschen: Wandpolster "Dorm",nein, nicht von Ikea, von Hein Spellmann. 
 
- © Copyright: Galerie Gans

Architektur zum Knautschen: Wandpolster "Dorm",nein, nicht von Ikea, von Hein Spellmann.

- © Copyright: Galerie Gans

Und der Dritte im Bunde? Aus Bonn. Bei Tobias Stutz (https://www.galerie-gans.at/portfolio-item/tobiasstutz/) verdankt sich die plastische, fast greifbare Räumlichkeit freilich keiner Aufpolsterung, das ist Perspektive. Und die tiefen Bühnen für diverse Gebirgskulissen? Die Dioramen für den Lebensraum der Bergsteiger? Bloß ein 3D-Effekt. Und die geformten Leinwände (verzogene Sechsecke, keine herkömmlichen Vierecke) basteln an der Illusion fleißig mit. Der Guckkasten als Rahmen für die Sehnsuchtslandschaft. (Die Berge hat er übrigens extra für die Ösis gemalt, der Stutz, hat er in einem alten Buch von Reinhold Messner gefunden.) Seine Malerei ist sowieso ein Hybrid aus Sachlichkeit und Romantik. Immer wieder kombiniert er die schnörkellose Klarheit der klassischen Moderne, von Bauhaus und Internationalem Stil mit "Stimmung". Ein guter Beleuchter, der weiß, wie man das Licht anmacht. (Und jedes ist da eigentlich künstlich, auch das natürliche. Weil es gemalt ist. Logisch.)

Eine Bar inmitten der Einsamkeit

Das Farnsworth House von Mies van der Rohe bei Sonnenuntergang. (Im Prinzip ein Glashaus auf der Wiese, wo je nach Blickwinkel entweder die Natur im Schaufenster ist oder die Hausbesitzerin, wobei die ursprüngliche, eine Ärztin aus Chicago, nicht müde geworden ist, die Unbewohnbarkeit der Weniger-ist-mehr-Glas-Stahl-Konstruktion zu bemängeln. Ihr Wochenendhäuschen sei "durchsichtig wie ein Röntgenbild". Aber was sogar von einem offiziellen LEGO-Bausatz geadelt worden ist, das kann man vermutlich echt nimmer abreißen.)

Und Edward Hoppers weltberühmtes American Diner mit Nachtschwärmern setzt der Maler endgültig in der totalen Trostlosigkeit aus, im Nichts unterm Sternenhimmel, schmeißt die letzten Gäste raus. Noch brennt allerdings Licht, hat keiner "Eddy’s Night Bar" den Strom abgedreht. Ein einfühlsames Porträt der Einsamkeit im Lockdown, in Zeiten von Social Distancing und geschlossenen Lokalen? Womit wir wieder am Anfang wären: Die Galerien sind zu. Huhuu!