Das Künstlerpaar Doris Krüger und Walter Pardeller arbeitet seit 2005 zusammen an ortsspezifischen Projekten im Außenraum und installativen Spielräumen im Innenraum, wobei sie bei einzelnen Objekten auch mit Forschern, Musikern und Performern zusammenarbeiten. Auch im Fall des von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) und den Wiener Linien 2014 ausgelobten Wettbewerbs der Gestaltung des Vorplatzes der U-Bahn-Station Seestadt stellten sie einen wissenschaftlichen Kontext mit dem Ort her. Das Duo stellt Grundsatzfragen zur Utopie einer neuen Wohnstadt, dem Wandel von Plätzen und erinnert etwa daran, dass in Aspern 1912 der erste Flughafen Österreichs eröffnet wurde.

Eine Fachjury entschied sich einstimmig für "Zukunft eine Vision" von Krüger & Pardeller als Platzgestaltung, die 2020 nach Bauverzögerungen zur Ausführung kam und von einer Publikation begleitet wird, in der die Wiener Urbanistik im 20. Jahrhundert kritisch und gründlich zur Sprache kommt. Die Bewohner der Seestadt werden mit Elementen feststehender Skulptur aus Stein und Bodenverstrebungen aus Bronze an den 1977 geschlossenen und in den letzten Jahren überbauten Flughafen Apern erinnert. Möbelhafte Module sind nach den Vektoren und ihrer Ausrichtung der alten Flugbahnen einerseits wie ein verkleinertes Modell gebaut, andererseits bieten sie als Environment mit einer Platane und Bänken an drei Seiten das Verweilen im öffentlichen Raum an. Das Objekt ist betretbar und besitzbar, (nicht nur) Kinder können spielend mit den Schuhen die Bronzeteile zum Glänzen bringen.

Eine Tafel informiert über die Planung und den Flughafen Aspern. Nach einer britischen Luftaufnahme des Flughafens vom 5. April 1945 wurden die Vektoren in ihrer Ausrichtung übernommen; zur Verkleinerung hat das Künstlerpaar die Reste der Betonbahnen vor deren Entfernung vermessen und in Bezug zur menschlichen Größe gesetzt. Damit erinnern sie an Le Corbusiers 1942 bis 1955 entwickelten "Modulor", ein durch eine Figur symbolisiertes Proportionssystem für Architektur, orientiert am menschlichen Maß nach dem römischen Vorbild Vitruv (Marcus Vitruvius Pollio). Einen anderen wissenschaftlichen Hinweis gibt das Schriftband der auslaufenden Flugbahn nach Westen und einige Kürzel von Plan-Grundrissen: Diese erinnern durch Kombination von Worten, Zahlen und Informationsgrafik an Denkmodelle Otto Neuraths aus dem "Roten Wien" 1925. Mit dem Schriftband "Vision, durch Interpretation vieler, als Transformation der Vision" lassen Krüger & Pardeller für uns vor Ort offenes Assoziieren zu.

Dabei kann im Fall von Aspern neben großen männlichen Reformern urbanistischer Moderne, die von den Austrofaschisten und Nationalsozialisten verworfen wurde, auch an die Warnung der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner gedacht werden, die das militärische Aufrüsten 1912 eine "Barbarisierung der Lüfte" nannte. Diktaturen und Luftbombardements standen dem Flughafen Aspern da noch bevor. 1945 wurde er sowjetische Basis, der Zivil-Flughafen Schwechat expandierte. Als der seine zweite Piste bekam, kollidierten die Flugbahnen von Aspern mit der neuen Einflugschneise.

Karge Ästhetik

Die karge Ästhetik führte zu Diskussionen, doch dieser kommunikative Prozess war und bleibt Teil der Intention. Für ein Publikum kann das wissenschaftliche Modell pädagogisch wirksam werden, denn die heutige Wohnstadt ist nicht weit entfernt von Napoleons Schlachtfeld mit 50.000 Toten, Graf Zeppelin und Kaiser Karl mit Familie waren hier, viele Flugzeuge wie die frühe Etrich-Taube wurden hier getestet, Flug-Post transportiert, Jochen Rindt und Niki Lauda fuhren hier ihre ersten Rennwagen-Runden. Daher spricht dieser Platz, anders als etwa der Praterstern, nicht von Überwachung oder Angst nächtlicher Überquerung.