In Zeiten sich jagender Onlinepräsentationen fast aller Wiener Museen bietet das Sigmund-Freud-Museum eine griffigere Alternative an: Der zur Wiedereröffnung im August präsentierte Sammlungskatalog wird auf Bestellung versendet. Es handelt sich dabei, ganz im Freud’schen Sinn, um ein die Sammellust stimulierendes Buchkunstobjekt. Etwas Schönes und Inhaltsreiches unbedingt in Händen halten zu wollen, kann nicht nur Freuds Begriffe "Vorlust" und "Sublimierung" erklären, sondern auch die haptischen Freuden des leidenschaftlichen Kunstsammlers erklären, der seine antiken Figurinen gerne betastete. Der Seelenarzt aus der Berggasse 19 bleibt international ein Medienereignis zwischen Heldenverehrung und Psychoanalyse-Bashing. Aber Nobelpreisträger Eric Kandel hat längst die sachliche Versöhnung zwischen Neurowissenschaft, Psychoanalyse und Kulturtheorie versucht. Antifreudianer Michael Onfray liefert einen interessanten Aspekt zum besessenen Kunst- und Büchersammler, nämlich die Behauptung, die von Freud entwickelte Wissenschaft sei eigentlich nichts anderes als eine erweiterte Autobiografie. Der Vergleich der Methode sprachlichen Vordringens in Tiefenschichten der Seele mit den Ausgrabungsprofilen der Archäologen ist bekannt, weniger jedoch, dass der gerne mit seiner Schwägerin Minna Bernays reisende Freud in jeder Stadt Antiquitätengeschäfte erspähte, frequentierte und auch welche imaginierte, wo keine waren.

"Dreckige Götter"

3.000 Antiken, samt ein paar Fälschungen, dazu 4.500 Bücher, versammelte er in zwei eher kleineren Hinterhofräumen. Über diese und die restlichen Räume und Umtriebe in Hochparterre und Mezzanin Berggasse 19 liefert der Katalog viel sachliche wie humorige Information.

Objekte wie diesen "Bärtigen Krieger" hielt Freud auch gern während der Arbeit in der Hand. - © Freud Museum
Objekte wie diesen "Bärtigen Krieger" hielt Freud auch gern während der Arbeit in der Hand. - © Freud Museum

Das Cover des Katalogbuchs, das von Größe und Gewicht her gut handhabbar auch im Bett lesbar ist, verbindet einen farblich harmonisch abgestimmten Leinenrücken mit der besonderen Optik eines Bildausschnitts der Zeichnung von Robert Longo. Aus dieser Kohlezeichnung nach einer Fotografie Edmund Engelmans von 1938 ist vorne der Blick auf die Pölster der Behandlungscouch und hinten der Fauteuil des Therapeuten ausgewählt. So wie sich das Buch gut angreift, war auch Freud seine Kunstsammlung haptisch wichtig, er hielt die kleinen Götterstatuen und Uschebtis selbst bei der Arbeit gerne in Händen. Die Fülle an Vitrinen, Stellagen und Extratischchen vor und neben den Bibliothekswänden war enorm, auch am Schreibtisch standen Kunstobjekte. Diese prähistorischen und antiken Götter, Tiere und Vasen regten seine Vorstellung von unserer Traumwelt als einer Bildabfolge an, zudem waren sie über die geistigen Bezüge hinaus Lustgewinn wie Lebenströstung. Leider haben nur wenige Vertreter des Fachs Kunstgeschichte das bis heute methodisch genützt, so ist Freud immer noch mehr Ideengeber der Künstler.

Anhand der "dreckigen Götter" (von Freud so bezeichnet in einem Brief an Wilhelm Fließ 1899) gilt es die Beziehung zur Art Brut und ihrer Bedeutung für die Etablierung der Moderne noch zu entdecken. Auch seine Auswirkungen auf die Mythenforschungen Aby Warburgs in einem Bilderatlas als Heimholung von Verdrängtem sind von Horst Bredekamp mit animistischen Modellen in Bezug gebracht worden. Als anregende Vorbedingung der Analyse waren die Haptik der die Hand schmeichelnden Kunst-Fetische für Freud zusätzlich von Bedeutung, auch wenn diese inhaltlich und ästhetisch nicht dem Geschmack des Historismus entsprachen, da sie aus Prähistorie, altem Orient und Altägypten stammten. Damit nahm Freud das vorweg, was viel später Claude Levi-Strauss als das "wilde Denken" durch besondere Anregungsquellen erhob. Die geringe Anzahl an klassisch griechischen oder römischen Objekten zeigt einen weiter zurück in schamanistischen Naturreligionen vordringenden Blick Freuds, der damals unpopulär war, allerdings in Wien um 1900 den Beginn der Moderne förderte, die von Avantgardekünstlern wie Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka bewusst vollzogen wurde. Als archäologischer Vermittler von Klimt und Freud gilt Emmanuel Löwy, der nach Wien in Rom Professor war. Bezogen auf damaligen Normalgeschmack wirkt ein etruskisches Gorgonenhaupt roh und primitiv, die gefletschten Zähne des archaisch-horribel lächelnden Mondgesichts haben aber die erotische Assoziation einer "Vagina dentata" (für Freuds Theorie der Kastrationsangst) ausgelöst.

Befremdete Patientinnen

Wie befremdet die Patientinnen (mehr als Patienten) waren, wenn sie im Behandlungszimmer mit Massen an "dreckigen Göttern" dieser Art konfrontiert waren, können wir nach mehr als hundert Jahren im Katalog erfahren. Nach Freuds erzwungenen Emigration und Abgabe von einem Drittel seines Vermögens als "Reichsfluchtsteuer" konnten die Götter und der Hausrat nach London nachgeschickt werden. Wären es Figuren der griechischen Klassik gewesen, hätten die Nationalsozialisten sie sicher nicht freigegeben. Tochter Anna Freud, die weltbekannte Kinderpsychologin, schenkte einige von ihnen neben ausgesuchten Möbeln, vor allem Büchern und wichtigen Gegenständen (wie die beiden Türschilder) an das 1971 in Wien eröffnete Museum, doch es bleiben - nun nach dem Umbau, trotz Erweiterung durch die größte psychoanalytische Bibliothek und Forschungsbereich im 1. Stock - viele Leerstellen gegenüber dem vollen Museum in London, Maresfield Gardens Nr. 20.

Leerstellen wurden im letzten Wiener Behandlungszimmer vor 1938 von Architekt Hermann Czech, Walter Angonese und Artec-Architekten zeitgemäß als Spurenfreilegungen in bis auf Fotos und Vitrinen leere Räume sensibel akzentuiert. Die berühmte Behandlungscouch, von Freud nur Divan genannt, ist in London, doch hier sind die Löcher an der Wand freigelegt, die für die Haken der Teppichbefestigung dahinter eingeschlagen wurden. Eine Farb-Spurenlesung ist in der rechten Ecke möglich: Zu den schwarzen Möbeln, den geometrisch ornamentalen Teppichen an Boden, Wand und auf dem Divan muss die dunkelrote Farbe zum dunklen Gesamteindruck addierte werden. Es war eine Gelehrtenhöhle und ein ganz persönliches Museum, in dem Freud seine Patienten empfing. Wie zu erfahren ist, haben nur wenige Damen die Sitzungen fluchtartig verlassen, unter ihnen eine, der er die sexuelle Belästigung durch einen Familienfreund nicht als negative Erfahrung abnahm. Neben seinen Irrtümern wie Penisneid und Ödipuskomplex billigte Freud Frauen gegen die Ansicht vieler Kollegen lustvollen Umgang mit Sexualität gleich den Männern zu und forderte prinzipiell einen offeneren Umgang der Gesellschaft mit diesen Fragen.