Diese Ausstellung lässt offenbar tief blicken: "SEHN SIE TIEF." Andererseits ist das womöglich einfach nur eine etwas persönlichere, deutschere Schreibweise für ein abgehobenes Fremdwort, das so viel bedeutet wie "besonders empfindlich, feinfühlig", nämlich für "sensitiv". Der Rest des Titels ist noch kryptischer: "9975 – 15432 – 32718." Ein Rätsel? Ich zumindest bin NICHT draufgekommen, wie die nächste Zahl in der Reihe lautet.
Okay, vielleicht weil das gar keine Denksportaufgabe IST. Mehr ein Selbstporträt des Künstlers und eine Antwort auf die Frage: "Wo woa mei Leistung?" Christian Eisenberger (Mitte) im Zentrum seines Schaffens. 15.432 war schließlich sein Alter zum Zeitpunkt der Eröffnung der Schau am 5. November (klarerweise nicht in Jahren, vielmehr sind seine TAGE gezählt – sozusagen) und flankiert wird er von der Anzahl seiner bis dahin im öffentlichen Raum platzierten Pappfiguren (links) und diverser A4-Skizzen (rechts). Quasi die Vermessung seiner Welt.
Trotzdem bleibt der gebürtige Steirer unberechenbar, zumal er äußerst experimentierfreudig ist: "Ich mach’s halt nicht gern so wie andere." Und sichtlich nicht einmal gern so wie er selbst. Seine Arbeiten in der Galerie Krinzinger (und bis zur Wiedereröffnung nach dem Lockdown muss man sich eben mit Installation Views begnügen) könnten sogar von mindestens DREI Künstlern stammen. Von einem abstrakten Expressionisten (und einem figurativen?), einem, der Objektkunst macht, einem Land-Art-Künstler, ach ja: und einem Heimwerker. Hier kriegt man also eine multiple One-Man-Show geboten. Jeder Raum ein anderer Eisenberger.

Malen bis zum Dammbruch

Zum Einstieg ein bissl Doppeldeutigkeit (und Humor), wenn sich der OBJEKTKÜNSTLER Eisenberger originell lapidar in zwei verwaiste Nischen einfühlt, indem er aus einem nüchternen Kompositum ("Farbstoff") einen Hybriden aus Leinwandbild (Farbe auf Textil) und Skulptur macht, ein altes Kleidungsstück kurzerhand in Dispersionsfarbe tunkt: "Früher war da so a Venus in der Nische und jetzt isses die steife Wäsche." Stimmt. Steif und hart. (Eisenberger macht den Klopftest mit dem Finger.)
Im bunten Salon: Welch ein lustiges Treiben auf den Wänden (und Leinwänden)! Wobei die Linie das Einzige ist, was der wüsten Farb-Orgie Einhalt gebietet. Wie ein Damm der Flut. Ohne die haptische Zeichnung aus Sanitärsilikon wären’s lauter genüsslich abstrakte Schüttbilder. Ein Haufen Farbe. Und überall Zitate aus dem Bildarchiv der Erinnerungen und der Sehnsüchte: Alpinkitsch, Fleischeslust, ein narzisstischer Tod (an dem ist KEIN Fleisch mehr dran) bewundert sich selbstverliebt im Wasser, und Max und Moritz, die Racker, sind grad mit ihrem sechsten Streich zugange, plumpsen beim Stibitzen der Brezeln in den frischen Teig: "Schwapp!! – Da liegen sie im Brei."
Apropos liegen. Riesige leere Verpackungskartons tun das ebenfalls. Oder inzwischen sind sie NIMMER leer, sind sie mit Porträtmalerei gefüllt, mit maskenhaften Fratzen, die aus ovalen Löchern starren wie aus Bilderrahmen. Waren da vorher Mega-Flachbildfernseher drin? Falsch. Überhaupt nix mit Ecken und Kanten. Dasselbe Prinzip wie bei der Tiefkühlpizza: Das Runde muss ins Eckige, ins Schachterl. Bloß, dass ein Fahrrad gleich ZWEI perfekte Rundungen besitzt. (Fahrrad? Im Ernst? Ja.)
So, das Schlafzimmer (nein, eh jugendfrei). Was normalerweise gemütlich im Bett liegt, hängt auf einmal exponiert an der Wand, bis auf den Federkern entblößt, während sich die Acrylfarbe dran festklammert wie ein Albtraum: Die Rede ist natürlich von Matratzen. Menschen wachen allerdings irgendwann wieder auf, die Farbe wohl nicht mehr, die TROCKNET früher oder später. (Und sie träumt anscheinend nichts Angenehmes.)

Romantik ist nichts für Pollenallergiker

Diese Bilder hat der Christian Eisenberger gemalt. Mit dem Klebeband. Die Fundstücke auf dem Boden sind dafür klassische Aluminiumgüsse. - © Galerie Krinzinger und Christian Eisenberger
Diese Bilder hat der Christian Eisenberger gemalt. Mit dem Klebeband. Die Fundstücke auf dem Boden sind dafür klassische Aluminiumgüsse. - © Galerie Krinzinger und Christian Eisenberger

Und der UNBUNTE Salon, der schwarzweiße? Acryl auf Leinwand. Hm. Klingt klassisch, Pinsel war freilich KEINER involviert, dafür jede Menge Klebeband. Und warum sieht man keins? Eisenberger: "Das kann man sehr schwer abstrakt erzählen. Vielleicht hol ich lieber a Klebeband." Aha. Irgendwas mit Draufpicken und wieder abziehen und das ein paar 1000 Mal. Die farblich ideale Kulisse für den grauen Alltag. Beziehungsweise den silbernen. Für die Alu-Abgüsse von Fundstücken aus Haushalt (Tetrapaks, die Zahnbürsteln der Familie . . .) und Natur. Letztere hat im hintersten Winkerl ihren großen Auftritt, wenn man folglich ganz tief in die Galerie hineinblickt. Und dann durch das Guckfensterl einer mysteriösen Hütte.
Holzlatten, schwarze Plastikfolie und viel, echt viel . . . Klebeband: Ziemlich brutal zusammengeschustert, dieses traute Heim. ("Das gibt’s halt nicht fertig zum Kaufen. Das muss man sich selber basteln. Drum schaut’s so aus.") Die Wildnis muss in Quarantäne. Damit sie einem nicht um die Ohren fliegt, wenn man die weißen Flocken (Schilf-Samen vom Neusiedlersee) tüchtig mit den Schneeschaufeln, die von draußen zu bedienen sind, aufwirbelt. (Jö, eine romantische Schneekugel! Tschuldigung: ein Schnee-WÜRFEL! – Gut, für Pollenallergiker die Hölle.) Außerdem wäre das sonst sicher sexuelle Belästigung. Ein Bestäubungsversuch, hallo?

Wie man in den Wald hineinschießt . . .

Warten auf den nächsten Zug: Wie Christian Eisenberger Schach spielt. - © Galerie Krinzinger und Christian Eisenberger
Warten auf den nächsten Zug: Wie Christian Eisenberger Schach spielt. - © Galerie Krinzinger und Christian Eisenberger

Das Beste kommt tatsächlich zum Schluss. Fotos dokumentieren flüchtige, biologisch abbaubare Interventionen in der Landschaft, erzählen poetisch von der Vergänglichkeit und dem fragilen Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Leben und Tod. (Wie nennt man das? Naturalismus? Land-Art!)
Gesichtshälften aus Blättern und Ästchen an Ufern von Tümpeln und Lacken vervollständigen sich im Wasserspiegel zu Totenköpfen. Kugeln, die eigentlich Leben schenken (die Köpfchen von Pusteblumen), formieren sich in der Wiese zur Silhouette einer Pistole. (Wieder zweideutig. Sagt das Kind zum Löwenzahn: "Ich puste dir den Schädel weg!") Die Bäume im Wald werden zu Schachfiguren und lassen sich Zeit für den nächsten Zug. (Eisenberger, der ihnen ein Schachbrett aus Fichtenzapfen zu Füßen, nein: zu Wurzeln gelegt hat: "Bis der nächste Baum als Pferd wächst, dauert’s 100 Jahre.") Und die Jäger gehören plötzlich zur "Zielgruppe", seit ein Land-Art-Künstler (einer, der sich so intensiv mit der Natur auseinandersetzt, dass er sogar mit der Stirnkamera auf Bäume kraxelt) ihre Hochstände ins Visier genommen hat. Nicht mit der Flinte zwar, doch immerhin hat er die Lauer-Kanzeln mit Zielscheiben vollgetackert, als Beute getarnt. Fällt das nicht unter "gefährliche Drohung"? Na ja, wie man in den Wald hineinschießt . . . (Hab ich nicht unlängst wo die Schlagzeile gelesen: "Hirsch entreißt Jäger Gewehr"? Letzteres soll sich nämlich im Geweih verfangen haben und der zudringliche Bock nachher mit der Waffe abgehauen sein.)
Wer hätte gedacht, dass man mit "armen" Materialien, ungeniertem Improvisieren und einem offenen Bekenntnis zu handfester Unvollkommenheit eine so abwechslungsreiche Ausstellung voller Sinnlichkeit, Originalität und Witz zusammenbringt? Ich jedenfalls nicht.