Schön langsam könnte man echt in eine apokalyptische Stimmung verfallen. Das Ende ist nah und so weiter. Zum Glück hört aber eh nicht die GANZE Welt auf, doch zumindest der Peter Lindner mit seiner Galerie. Was? Warum? Na ja, erstens hat er zwei Enkerln, die er öfter sehen will, bevor sie groß sind, und zweitens – "Ich mein, es REICHT auch" – sind 35 Jahre eine verdammt lange Zeit.
Angefangen hat er 1985 in der Mollardgasse mit Holzschnitten, Radierungen und Zeichnungen von Erich Steininger (da hatte er sich eben noch nicht auf Konkrete Kunst, Minimal Art und Visuelle Poesie spezialisiert), die Lokalität in der Schmalzhofgasse hat er dann bereits mit Heinz Gappmayr eingeweiht, dem visuellen Poeten (am 10. 12. 1993), hat als Architekt aufgehört, und im Moment ist er dort, wo ALLE Galerien gerade sind: im Lockdown, ansonsten allerdings nach wie vor in der Schmalzhofgasse, wo er sich fürs Finale, als passenden Abschluss, einen wahren Meister der komplexen Schlichtheit ausgesucht hat: den Gerhard Frömel (Ausstellungsansichten, weil mehr kriegt man dieser Tage ja nicht).

Schaust du noch oder siehst du schon?

Im Grunde schneidet, faltet und lackiert der "einfach" Aluplatten, der Frömel, dekoriert die Wände mit seiner vermeintlich simplen Geometrie, mit Drei-, Vier- und sonstigen Ecken. Treibt ein ausgeklügeltes Spiel mit Linie, Fläche, Raum und Perspektive, mit dem Vorne und dem Hinten, Schwarz und Weiß, mit formalen "Durchdringungen". Die Fläche kippt in den Raum (in den echten oder den illusionistischen), der Raum in die Fläche, und die präzise Lackierung (nicht umsonst hat der 1941 in Grieskirchen geborene Künstler eine Schildermalerlehre absolviert) vermittelt raffiniert zwischen der zweiten und der dritten Dimension, zwischen den Ebenen.
Auf Trab halten einen diese unaufdringlichen Objekte, die so harmlos tun, obwohl sie in Wahrheit ziemlich hinterfotzig sind, sowieso. Mit ihren sanften Irritationen. Zunächst sucht man vielleicht bloß den idealen Betrachterstandpunkt, von dem aus sich alles zu unmissverständlicher Klarheit zusammenfügt, zur makellosen konstruktiven Ordnung. Oder sich ein Sechseck wundersam in einen Sechsflächler verwandelt, in die Illusion eines Würfels. (Schaust du noch oder siehst du schon?) Quasi ein Puzzle, das man mit den Füßen lösen muss. Denn was man nicht im Blick hat, das muss man in den Beinen haben.

Gerhard Frömel zählt sehr genau: "Sechs Quadrate"(2020). Acryllack auf Aluminium. - © Galerie Lindner/Eduard Tauss
Gerhard Frömel zählt sehr genau: "Sechs Quadrate"(2020). Acryllack auf Aluminium. - © Galerie Lindner/Eduard Tauss

Tarnen, täuschen – und zählen

Und nachher kommt man erst recht nicht zur Ruhe, will man endlich durchschauen, wie’s funktioniert, wie die Dinger gebaut sind, kriecht förmlich hinein in ihre Geheimnisse, in ihre Intimregionen, will wissen, was dahinter, was darunter ist. (Hört sich direkt verboten an. Wie dieses Upskirting. Das voyeuristische Fotografieren oder Filmen unter den Rock.) Die Ausstellung in der Galerie Lindner heißt zwar unspektakulär "schwarz auf weiss", manchmal entdeckt man freilich sogar ein Schwarz UNTER einem Weiß. Oder ein Gelb auf einem Weiß unter einem Schwarz. Oder ein Rot AUF einem Weiß und zugleich UNTER einem. Oder überhaupt ein Magenta.
Ein minimalistisches Origami? Nur, dass der Frömel halt nicht aus einem Quadrat einen Kranich faltet, sondern aus einem Quadrat SECHS Quadrate macht. (Zum Beispiel.) Okay, nicht allein durch Faltmanöver. Er viertelt es (das macht in Summe fünf Quadrate) und zeichnet obendrein ein sechstes drauf. Da ist einer offenbar besonders gut im Tarnen (tarnt seine exakt kalkulierten, anspruchsvollen Gebilde als unkomplizierten, spartanischen Minimalismus) und Täuschen (des Auges). Und im Zählen. Und der andere? Der Peter Lindner? Ist er ein bissl wehmütig, jetzt, wo er bald endgültig zusperrt? (Vorher wird er aber noch einmal aufsperren.) Knappe Antwort: "Na." Klipp und klar wie das, was er ausgestellt hat.