Im Endeffekt geht’s doch immer um Leben und Tod. Mindestens. Und nach dem Lockdown kann man sogar wieder SELBER gehen. Nämlich hin. Zu den Krinzinger Projekten. Die bieten noch dazu jede Menge Platz für Babyelefanten und für gleich zwei Ausstellungen (Malerei von Stefanie Gutheil und Filmisches von Bianca Kennedy), die sich nicht in die Quere kommen und in denen derzeit tatsächlich viel gelebt wird. (Und auch ein bissl gestorben.)

"Zwei Null Zwei Null" – das globale Annus horribilis, in dem man sich als Mensch dauernd wie ein Außerirdischer fühlt, wie auf dem falschen Planeten. Besonders seit man bei der Arbeit womöglich eine Jogginghose trägt, ohne Jogger von Beruf zu sein, und folglich die Kontrolle über sein Leben verloren hat. (Ja eh, das wird von einem Gfrast bestimmt, das so winzig ist, dass man es ohne Mikroskop nicht einmal sehen kann.)

Banane, die (oder doch der?): Stefanie Gutheils "BananaDyke". 
- © Studio Gutheil

Banane, die (oder doch der?): Stefanie Gutheils "BananaDyke".

- © Studio Gutheil

Maskenträger sind Augenmenschen

Stefanie Gutheil hat es im Frühling quasi in letzter Sekunde vor dem Lockdown aus New York nach Berlin zurückgeschafft und war dann während ihres "Atelierarrests" (beim Malen ist man sowieso allein, hält einem keiner die Hand) ziemlich fleißig. Hat eine Leinwand nach der andern farbstark gefüllt, mit wuchtiger Naivität, hat in die fröhliche Buntheit und die lustigen Muster aber immer zugleich etwas Unbehagen und Irritation hineingemischt.

Wir sitzen alle im selben Bad: Installation view von BiancaKennedys Drei-Kanal-Projektion "We're all in this together" (2018). 
- © Krinzinger Projekte

Wir sitzen alle im selben Bad: Installation view von BiancaKennedys Drei-Kanal-Projektion "We're all in this together" (2018).

- © Krinzinger Projekte

Alle machen da große Augen, haben ein markantes Gschau (na ja, Mund-Nasen-Schutz-Träger sind eben Augenmenschen), blicken verstört und verunsichert (oder misstrauisch?) um sich, vermeiden Blickkontakt mit dem Betrachter/der Betrachterin oder starren ihn/sie umso eindringlicher, herausfordernder an. Die Masse (Markenklamotten, Handy) bedeckt Mund und Nase (Gutheil: "Ich hätte gelogen, hätt‘ ich’s nicht gemalt. Es gehört zum Outfit") und stellt sich brav mit Abstand an. Selbst zusammengepfercht im Gruppenbild ist jeder für sich, scheint sich unwohl zu fühlen, bloß noch aus dem Bild rauszuwollen und panisch den Ausgang zu suchen. Eine Hausfassade mit zahllosen Fenstern, aus denen die Bewohner vorsichtig herausspechteln (oder offensiver und etwa dem Nachbarn, der aufs Hamstern vergessen hat, mit Klopapier aushelfen, ihm ein paar Meter abrollen), die wird überhaupt zu einer Sammlung von Einzelporträts (höchstens Doppelporträts mit Hund oder Katze, wobei der Mensch im Grunde selber ein Haustier ist) in Petersburger Hängung ("Quarantäne").

"Dirty Dancing" mit dem Sessel

Nicht, dass diese Bilder also gänzlich humorlos wären (siehe die Klopapier-Wohltäterin). Lockdown, na und? Lernt man in der Gefängniszelle halt derweil fliegen. Wie in "Dirty Dancing" (die legendäre Hebefigur). Freilich mit Stuhl statt mit Patrick Swayze. Und wenn das "Baby" sich schon an Ausgangssperren halten muss, kann es ja wenigstens seine Brüste in die Freiheit entlassen, oder? (Den BH ablegen.) Okay, die düstere Leichenwagen-Karawane, dieser anonyme Corona-Tod, vorbeifahrende Zahlen in der Statistik, begleitet von unheimlichen schwarzen Gestalten mit Schandmasken (Pestdoktoren? Statistiker?) deprimiert einfach nur. Dafür regen mysteriöse Grobstrick-Geister zu wilden Spekulationen an. Wandelnde Handarbeits-Traumata, die einen seit dem Werkunterricht verfolgen? (Posttraumatische Stress-Halluzinationen.) Oder Ganzkörpersturmhauben? Sturm-Burkas sozusagen? (Sich und seine Lieben einstricken – ebenfalls eine Möglichkeit, sich zu beschäftigen, bis die Geschäfte wieder aufmachen.) Die Künstlerin selbst beschreibt sie als "eine Mischung aus Pussy Riot, einem Fetisch und ner Socke".

Apropos Mischwesen. Chimären sind ihr zweites großes Thema neben Corona. Gestrandete Meerjungfrauen, eine lebt mit einer Kentaurin und einem Hund zusammen ("Gutheil: "Einen Hund hab ich auch"), und am FKK-Strand kann man ohnehin nix mehr verstecken. Den langen gestreiften Lemurenschwanz zum Beispiel. (Eine deutsche Nudistin? Tennissocken in den Sandalen!) Und der – deutsche – Hermaphrodit weiß nicht so recht, was er mit einem Flügel allein anfangen soll.

"Dieses Hybridgefühl ist für mich normal", sagt Stefanie Gutheil, die selbst dabei ist, sich zu transformieren, Oskar zu werden ("beziehungsweise: Ich werde immer dazwischen sein"), und in ihrer Kunst lustvoll mit den Geschlechterklischees spielt, einer Barbusigen keck eine Banane in die Badehose steckt. Bananenneid? Nein, warum? Die HAT doch eine Banane. Und kann sich jederzeit im Supermarkt eine neue kaufen. Poppig, dieser Expressionismus.

In "Psycho" wird leider nur geduscht

Und Bianca Kennedy? In ihrer Drei-Kanal-Projektion, ihrem Kino mit drei Leinwänden nebeneinander, kommt einem praktisch jeder bekannt vor. Kein Wunder, das sind lauter Ausschnitte aus mehr oder weniger berühmten Spielfilmen. Und der Titel ist heute vielleicht sogar aktueller als damals, 2018, als die in Berlin lebende gebürtige Leipzigerin fertiggeworden ist: "We’re all in this together." Denn wann, wenn nicht jetzt, sitzen wir alle im selben Boot? Oder im selben Bad, weil DIESES Boot längst mit Wasser vollgelaufen ist und trotzdem nicht absäuft. Ein intimes Kammerspiel wird einem geboten, respektive ein Nassraumspiel. Nicht, dass es hier ums Händewaschen im Film ginge. (Andererseits: Beim Baden wäscht man sich die Hände unweigerlich mit. Und definitiv länger als 30 Sekunden.)

Mit der "Taucherbrille" in den virtuellenBadespaß: Nicht auf den Bällchen von Bianca Kennedys Fußbad ausrutschen! 
- © Krinzinger Projekte

Mit der "Taucherbrille" in den virtuellenBadespaß: Nicht auf den Bällchen von Bianca Kennedys Fußbad ausrutschen!

- © Krinzinger Projekte

In der Wanne, da spielt es sich ab: das komplette Leben. Von der Zeugung bis zum Tod. Quer durch sämtliche Genres. Komödie, Tragödie, Drama, Thriller, Horror (feuchte Albträume von Freddy Krueger), Science-Fiction (ja, auch E.T. nimmt ein Bad, Meerjungfrauen – Fantasy –geben noch Salz rein), Erotik, Musical (gut, Julia Roberts‘ badeschaumgeborene Cover-Version von "Kiss" in "Pretty Woman" ist eventuell nicht supertalentreif) . . . Und wo, bitte, ist "Psycho"? Kennedy: "In ,Psycho‘, das ist leider eine Dusche." Stimmt.

Und beim geschickten Zusammenschneiden der Szenen (äh, telefoniert der Ted, dieser politisch unkorrekte Teddybär, am Ende gar mit Doris Day? Nein, eh mit dem Handy, Doris Days Telefon dagegen ist noch angeleint), da ist der Künstlerin was aufgefallen. Wenn FRAUEN Suizid begehen, sieht man sie in der Regel von OBEN in ihrem Blut baden, Männer eher von der Seite und die lassen einen Arm raushängen. Jack Nicholson macht das in "About Schmidt" zwar ebenso (einen Arm raushängen lassen), aber der schläft nur ein (und nicht aus Lebensmüdigkeit), nämlich als er einen Brief an sein Patenkind Ndugu in Tansania schreibt, und posiert dabei wie der sterbende französische Revolutionär auf Jacques-Louis Davids klassizistischem Meisterwerk "Der Tod des Marat" (wobei besagter Marat sich wiederum nicht selber umgebracht hat, sondern ermordet worden ist).

Baden, ohne nass zu werden

Eine grafisch konzentrierte, abgeklärte Serie von Zeichnungen schärft den Blick noch weiter, lenkt ihn mit dem Filzstift auf die Farbe des Wassers, das Fliesenmuster. Reduziert die Körper auf die nüchterne, eindimensionale Linie. Übersetzt Dutzende filmische Bildsprachen in Kennedys eigenen präzisen Jargon.

Nicht bloß zuschauen darf man. Damit sich niemand ausgeschlossen fühlen muss, lässt Bianca Kennedy dem Besucher/der Besucherin zum Schluss ein Bad ein. VOR Corona hätte sie eine Wanne vollständig mit Bällchen gefüllt, mit diesen Badeperlen aus Plastik. "Jetzt ist das nicht machbar." Drum ist’s in der abgespeckten Pandemie-Version ein Fußbad geworden. Doch immerhin kriegt man eine "Taucherbrille". Zum Eintauchen in die virtuelle Realität. Planschen in einer lebendig gewordenen Zeichnung. (Jö, flackernde Kerzen!)

Ja, die andern haben alle einen Sitzplatz und man selber muss stehen. Aber man steht mittendrin – in der 360-Grad-Animation. Badet mit einem Apnoe-Taucher, einem Pärchen (Kennedy: "Wo man nicht weiß: Töten oder lieben sie sich?"), Kindern . . ., während sich über einem beschaulich ein Deckenventilator dreht. Und, he, man muss sich nachher nicht abtrocknen.