Da erzählt also jemand Geschichten vom Ende, nein, nicht der gesamten Welt, bloß eine nicht näher bezeichnete Straße ist anscheinend aus. "End of the Road" – natürlich gibt’s auch einen Song, der so heißt. Von der Boygroup Boyz II Men. Liebeskummer, Herzschmerz, "Girl you know we belong together" und so weiter. War 1992 wochenlang auf Platz eins diverser Charts. An den hat der Hans Weigand trotzdem nicht gedacht, als er seine Ausstellung in der Gabriele Senn Galerie "Tales from the End of the Road" genannt hat. Obwohl er überaus gern zitiert. ("Einer der Gedanken war: Es geht eine gesellschaftliche Ära positiver, sozialer Utopien endgültig zu Ende und übrig bleiben nur Trümmer der 68er Ideen.")

Théodore Géricaults auch psychologisch monumentales Ölgemälde "Das Floß der Medusa" (nach einer wahren Begebenheit; Schiffbrüchige bauen sich aus den Masten und Rahen ihrer auf Grund gelaufenen Fregatte "Méduse" ein Floß und werden zu Kannibalen) kommt zwar nicht direkt vor, das unruhige Meer ist freilich allgegenwärtig und den Künstler hat außerdem "das Drama auf engstem Raum" schon immer berührt und inspiriert. Weigand: "Im weitesten Sinne könnte man das Floß als Symbol für die Leinwand sehen." Oder eben für das Tafelbild, sind die präsentierten Arbeiten doch großteils komplexe Mischtechniken auf Holz, auf Druckstöcken. Holzschnitt und Malerei in einem, raffinierte Dialoge zwischen geschnitzten und nichtinvasiven Linien, zwischen höchst disziplinierten Schraffuren und expressiven Gesten. Und die eine oder andere Platte könnte man tatsächlich gleich so auf Papier drucken.

Gefühle für den Werktag, Laokoon am Sonntag: halbgeöffneter Flügelaltar von Hans Weigand. 
- © kunst-dokumentation.com

Gefühle für den Werktag, Laokoon am Sonntag: halbgeöffneter Flügelaltar von Hans Weigand.

- © kunst-dokumentation.com

Die Schlange beißt nicht, sie schießt

Das Bild als Rettungsfloß, auf dem sich die Motive, die mit der Bilderflut der Kunst- und übrigen Geschichte mitgetrieben sind, und die Techniken drängen? Auf dem Flügelaltar beispielsweise. Der kann vielleicht nicht fliegen, dafür aber vermutlich schwimmen. (Holz, hallo?) Außen auf der Werktagsseite (im geschlossenen Zustand): eine abstrakte bunte Gefühlslandschaft, ein geradezu barockes Gewurl, pure Emotion. Drinnen auf der Sonntagsseite (mit ausgebreiteten Flügeln): Laokoon und seine beiden Söhne kämpfen mit einem Schlangen-Cyborg (der Kopf des Reptils ist eine Schusswaffe). He, ist das da im Hintergrund ein Stargate?

Hans Weigand sieht Marc Aurel als "SurfWarrior from Mururoa". 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel

Hans Weigand sieht Marc Aurel als "SurfWarrior from Mururoa".

- © kunst-dokumentation.com / Manuel

Überall Natur- und sonstige Katastrophen. Heile Welt darf man sich zumindest KEINE erwarten. (Die wäre allerdings sowieso langweilig.) Trotz der Surfbretter. Sogar dem Marc Aurel klemmt Weigand eines unter den Arm, lässt den Philosophenkaiser hoch zu Ross durchs seichte Wasser traben (eine Kopie von dessen bronzenem Reiterstandbild steht übrigens in Tulln), macht ihn zum Wellenreiter, zum Surf-Krieger ("Surf Warrior from Mururoa"), hat ihm nämlich obendrein eine furchteinflößende ozeanische Maske aufgesetzt. Moment: Mururoa? Dieses Sperrgebiet? Dieses unbewohnte (und unbewohn-bare) Atoll im Südpazifik, das die Franzosen mit ihren Atomwaffentests radioaktiv verseucht haben?

Hm. Und die andere "exotische" Figur? Die, in deren Leib quasi ein ECHTES Schnitzmesser und das ABBILD von einem solchen gleichzeitig eindringen? Wird die jetzt eigentlich erschaffen oder (der Kunst) geopfert? Liegt sie auf der Werkbank ihres Schöpfers oder einem Opfertisch? Vermutlich auf beidem.

Hurrikan verwüstet den kalifornischen Traum

"Pacific Dreams and Big Sleep at the End of the Road": ein Requiem für den kalifornischen Traum, den ein Hurrikan mitsamt dem Strandhaus völlig verwüstet hat, während sich einer, der im Leben Schiffbruch erlitten hat, an ein angeschwemmtes Surfbrett kauert? Eine moderne Apokalypse (die Drohne am Himmel trägt die Zahl des Antichrist: 666) mit Klimawandel und Krieg? Die harmonischen Schönwetter-Gesänge der Beach Boys sind jedenfalls NICHT der Soundtrack zu dieser Szene, in die ein persönliches Erlebnis des Künstlers eingeflossen ist. Aus seiner Zeit in Los Angeles (in den 90er Jahren), wo er mitgekriegt hat, wie weit der propagierte "California Dream" ("Das Surfen schwebt über allem, ähnlich wie man denkt, dass jeder Österreicher super Ski fahren kann") und die Wirklichkeit (mit ihren sozialen Problemen, der Polizeigewalt und dem offenen Rassismus) auseinanderklaffen. Damals ist er einem alten, obdachlosen Korea-Veteranen spontan zu Hilfe geeilt. Statt der Rettung kam die Feuerwehr "und die haben ihn dann auf den brütend heißen Gehsteig gelegt, und da ist er unter schönen Palmen gestorben".

Assoziationsreiche, dichte Bildwelten von einem, der nicht klaut, sondern kreativ findet.