Der Martini ist virtuell nicht zu genießen. Die liebgewordene Tradition, sich am ersten Abend der Kunstwoche in Miami Beach mit internationalen Sammlerfreunden einen Martini in der Bar des Setai Hotels zu gönnen, um bereits getätigte Ankäufe oder Entdeckungen zu diskutieren, fiel heuer ins Wasser. Die Art Basel und andere Kunstmessen, die sonst Anfang Dezember ihre Zelte in Miami aufschlugen, waren gezwungen, ihre Präsentationen ins Netz zu verlagern.

"Das ist überhaupt nicht inspirierend", erzählt ein Sammler aus Wien nach seinem ersten Parcours durch die virtuellen Messen. Für ihn ist die Messewoche in Miami Fixpunkt im jährlichen Kulturkalender. "Die Form animiert kaum zum Kauf", fasst er seine Eindrücke zusammen. "Es fehlen der unmittelbare Kontakt und die direkte Auseinandersetzung. Mir liegt Kunstkauf als stoisches Videospiel nicht!" Was er jedoch an den "Online Viewing Rooms" schätzt, ist das Mehr an Transparenz aufgrund der publizierten Preisangaben. Wobei Auspreisung oft Auktionscharakter hat, wenn etwa eine Skulptur von Donald Judd bei Zwirner für ein bis zwei Millionen oder ein Kleinstformat von Francis Alÿs bei Peter Kilchmann zwischen 100.000 und 200.000 US-Dollar angeboten wird.

Kunst als Online-Aktie

"Virtuelle Kunstmessen funktionieren nur, wenn wir parallel intensiv mit Sammlern kommunizieren und gezielt auf Werke aufmerksam machen", erzählt die Galeristin Ursula Krinzinger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Und das rund um die Uhr: Die virtuellen Messestände in Miami waren 24 Stunden zugänglich. "Meine Mitarbeiter haben in drei Schichten Anfragen beantwortet, mit Sammlern direkt gechattet und sich um Abwicklungen gekümmert", unterstreicht die Doyenne der heimischen Galerienszene den persönlichen Aufwand. Es hat sich für Ursula Krinzinger, die jährlich zehn bis zwölf internationale Messen bespielt, bewiesen, dass Kunstmessen in der Virtual Reality nur bedingt funktionieren. Bei allen oft oberflächlichen Ausformungen diverser Messen werden der Live-Charakter, das Treiben und das kulturell-künstlerische Umfeld des Veranstaltungsorts essenzieller Teil des (Verkaufs-)Erfolgs bleiben.

"Die Präsenz bei globalen Kunstmessen ist unmittelbar für unsere positive Bilanz verantwortlich. Wir sind als Galerie halbwegs über das Jahr gekommen, aber ich setze stark darauf, dass wir 2021 wieder zur Normalität zurückkehren können", verdeutlicht Krinzinger, die keinen ihrer 16 Mitarbeiter entlassen hat, emotional ihre Hoffnungen.

Von Messen zu Auktionen: Hier gestaltet sich das Verhältnis zum Handel im Netz anders. Auktionshäuser haben seit längerem ihre Online-Aktivitäten ausgebaut. Daher habe die "Transformation von Saal- auf Online-Auktionen während der Lockdowns bestens funktioniert", bilanziert Dorotheum Geschäftsführer Martin Böhm ein solides Jahr 2020.

"Auch wurde unser Angebot zum Live Bidding sehr gut angenommen", betont Böhm weiter. Der Vorteil der Auktionshäuser liegt dabei, mit Werken renommierter Künstler zu handeln. Damit reduziert sich die Vermittlungsarbeit junger und aufkommender Künstlerinnen und Künstler.

"Der Online-Handel funktioniert für Positionen gut, die eigentlich mehr als Aktie denn als Werk gehandelt werden," skizziert Roswitha Schuller vom Künstlerduo Hanakam & Schuller pointiert die grundlegende Problematik: "Jüngere und komplexere Positionen lassen sich im Netz nicht gut verkaufen", so Schuller weiter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Unsere Arbeit ist für das Verkaufen auf diesen Plattformen nicht geeignet", resümiert Schuller die künstlerische Konzeption des Duos. Die ausgefallenen Projekte konnten mit SVS-Überbrückungsgeldern aufgefangen werden, obwohl die Mittel erst spät auf die Reihe gebracht wurden. "Zumindest sind sie dann aber schnell ausgezahlt worden", zeigt sich die Künstlerin erleichtert.

Ihr Ausblick auf 2021? Verhalten. "Es haben sich Ausstellungsformate in den virtuellen Raum verlagert, da waren zu unserer Überraschung auch wirklich tolle Umsetzungen dabei", spielt sie den Ball ins Netz zurück, aber bei anderen Themen herrscht Unsicherheit in der Künstlerszene. "Und dass bei Menschen, die gelernt haben, mit Planungsunsicherheit umzugehen. Zumindest ist es uns gelungen, feine Quarantinis zu shaken", kann die Cocktailliebhaberin dem Lockdown doch noch eine positive Seite abgewinnen.