Fast hätte es Johanna Kandls Bild von einem Pier mit Kreuzfahrtschiff und Händlern 2006 auf das Plakatmotiv geschafft, doch es wurde dann Fang Lijuns Paar, das sich vor einer riesigen gelben Pfingstrose sowie blauem Himmel mit Wolken und Blüten umarmt hält. Das bunte Paradies passt doch besser in Zeiten einer Pandemie, in der wir glücklich sind über die Museumsöffnungen. Doch die bunte Idylle von 2004 bleibt ambivalent. Die Albertina Modern feiert sich mit ihrer zweiten Ausstellung "The Essl Collection" auch selbst. Schon kurz nach der Jahrtausendwende hatte das Ehepaar Essl auf Vermittlung des Schweizer Kunstsammlers Uli Sigg am Rande Pekings in einer ehemaligen Staatsfabrik die chinesische Avantgarde-Kunstszene besucht, Werke angekauft und im Essl Museum in Klosterneuburg präsentiert.

Nun kehren die chinesischen Maler wieder im ersten großen Saal, Lijun, Minjun Yue und Zhang Xiaogang persiflierten mit ihrer eigenwilligen Variante eines "Zynischen Realismus" den "Sozialistischen Realismus". Bis heute politisieren sie damit, damals waren es die Jahre nach dem Massaker am Tiananmen-Platz 1989.

Vielleicht können sie nun, in Nachbarschaft von "Bloody People", einem riesigen Tableau von Gilbert & George, aber auch von Franz West in dieser Ausstellung an ihre internationale Anerkennung in Europa erinnern, die jene Privatsammler auslösten. Wenn sich im Eingangsbereich davor mit Johanna Kandl, Elke Krystufek oder Gelitins fast nur österreichische Aspekte zeigen, die in den 1980er und 1990er Jahren durch Tabubrüche in Erscheinung traten, ist damit der Zeitrahmen abgesteckt. Die Schau geht mit einigen wenigen Rückgriffen etwa von 1980 bis 2010 und zeigt vorwiegend internationale Beispiele.

Fang Lijun: "2004.9.30", 2004, - © Albertina
Fang Lijun: "2004.9.30", 2004, - © Albertina

Die Schenkung der Essl-Sammlung und die Kombination mit den Leihgaben, die in die Haselsteiner Familiensammlung kamen, bildet den Grundstock der Albertina Modern. Sie betrifft Kunst verschiedener Medien, diesmal sind mit Bill Viola, Peter Land und vor allem der Fotosammlung des Ehepaars Essl im ganzen Untergeschoß - von Cindy Sherman über Nan Goldin bis Thomas Struth - auch neue Medien breit vertreten; es gibt Installationen wie "Duet Memory" von Nam June Paik oder "Gonflés, Deconflés" von Annette Messager. Daneben Skulptur von Stephan Balkenhohl, Virgilius Moldovan oder Marc Quinn. Malerei bleibt aber dominant, vom frühem Georg Baselitz, Arnulf Rainer oder Martha Jungwirth bis zu Albert Oehlen, Tal R, Neo Rauch und Daniel Richter.

Ohne Hierarchie

Mehr Erzählung gibt es nicht in dieser Ausstellung, denn ein Drittel der von den Essls gesammelten etwa 7000 Werke, dabei oft ganze Werkblöcke einzelner Künstler, sind international. Wie breit sie dabei vorgegangen sind, wird hier sichtbar, nicht nur durch die Beispiele aus China. In der Erinnerung wird auch klar, dass im Laufe ihrer Sammlertätigkeit ab dem Jahr 1958 ein Wandel ihrer eigenen Blicke eintrat, dabei wurden sie immer weniger subjektiv und räumten moralischen Bedenken der Gesellschaft immer weniger Platz ein, sonst gäbe es weder Jonathan Meese noch Dieter Roth oder "Bad Painting".

Interessant ist, dass die neue konzeptualistische Geometrie mit Heimo Zobernig oder Peter Halley vorkommt, während von den frühen Konkreten Richard Kriesche oder Helga Philipp nichts gekauft wurde. Von Chuck Close gibt es ein hyperrealistisches Selbstbildnis als Gobelin, das ist so ungewöhnlich wie die wunderbare Fotoserie "Bram Stoker’s Chair" von Sam Taylor-Johnson, ehemals Sam Taylor-Wood. Eine vielstimmige Ansage, die 130 Werke, ohne kuratierte Hierarchie oder didaktische Leitfäden zu zeigen versucht. Ein Katalogbuch der 100. Meisterwerke der Sammlung Essl wird dazu im Jänner erscheinen.