Puh, und ich hab schon befürchtet, Weihnachten fällt heuer aus. Coronabedingt. Doch zum Glück war’s falscher Alarm. Beim Gerersdorfer hängen nämlich Zeichnungen und Radierungen vom Paul Flora, und immer wenn die das tun, kommt kurz darauf das Christkind. Das ist bereits seit vielen, vielen Jahren so, das ist mittlerweile ein Naturgesetz. Sogar posthum macht der Flora (1922 – 2009) noch Weihnachten.

Irgendwas ist trotzdem nicht wie früher. No na. Das Galeristenpaar Horst und Doris G. trägt FFP2-Masken, hallo? (Wenn’s wenigstens Schnabelmasken wären. Wie sie die Pestdoktoren an den Wänden rundum aufhaben.) Nein, noch was ist anders. Mit den schwarzen Vögeln ist jedenfalls alles in Ordnung. Und mit den bunten ebenfalls (den menschlichen und tierischen Paradiesvögeln.) Auch dass der käuflich zu erwerbende Kalender keine 24 Türchen besitzt, sondern Blätter, ist völlig normal (und nicht etwa "neonormal"). Ja, eh. Ist schließlich kein Adventkalender, ist einer fürs GANZE Jahr. (Beziehungsweise ein FLORA-Adventkalender, mit dem man sich die Wartezeit bis zur NÄCHSTEN Wiederkunft Florae vertreibt.) Er KOSTET nicht einmal mehr. (28 Euro.)

Der einsamste Langläufer ist doch nicht allein

Und was irritiert mich dann? Ach, sicher diese beiden Tiroler. Dass die plötzlich einen unkooperativen Babyelefanten zähmen. Okay, einen ausgewachsenen, einen Riesenbabyelefanten. (Eigentlich sein höchst lebendiges Skelett.) Obwohl druntersteht: "Störrisches Mammut." Mammut? Durch dieses Virus hab ich offenbar inzwischen Sehstörungen. Bei dem Alien, das aus seinem sphärischen Raumschiff springt ("Besuch kommt"), denke ich sowieso automatisch: He, keine Einreise auf der Erde ohne negativen PCR-Test, gell? (Und wehe, der ist älter als 72 Stunden!) Und der einsame Langläufer aus dem Jahr 2003 ist auf einmal hochaktuell. Seit Individual-Sport im Freien wieder erlaubt ist. Solange man genügend Abstand hält. Und der da in seinem knallroten Pullover (handkoloriert!) ist so allein auf verschneiter weiter Flur, als wäre er der einzige Langläufer auf der Welt. Ist er aber nicht, also der einzige. Es gibt theoretisch noch 199 weitere. (Die Radierung hat eine Auflage von 200 Stück. Und ist grad im Angebot: 350 statt 480 Euro.)

Dramatisch zerfetzter Himmel über Venedig: "Venezianische Vedoute" von Paul Flora. - © Galerie Gerersdorfer
Dramatisch zerfetzter Himmel über Venedig: "Venezianische Vedoute" von Paul Flora. - © Galerie Gerersdorfer

Nicht, dass man die Pandemie nicht zwischendurch auch vergessen und einfach genießen könnte, wie der Herr der Raben, der auf der Zeichenfeder durchs wilde Absurdistan geritten ist (und dabei diverse neue Spezies entdeckt hat), mit markantem Strich und ebensolchem Witz eine Szene pointiert einfängt oder aus feinen Schraffuren ein fulminantes Notturno webt, wo sich Melancholie, Nostalgie und Können zum Venedig der Raben, nicht der Tauben, verdichten. Oder zur Nacht der galoppierenden Boten. (E-Mails schickt man sich da halt keine.) Zu einer Vollmondnacht. Tschuldigung: Der mit gelbem Buntstift geschminkte Mond ist ausnahmsweise abnehmend. Apropos abnehmend: Floras "dünne Katze" ist dermaßen schlank, die ist sogar nur noch eindimensional. Auf die Dicke einer zarten Linie abgemagert.

Paul Floras Nomen war eindeutig kein Omen. Wieso? War er denn ein Hüne? (Paulus: Lateinisch für "der Kleine".) Das kann ich, ehrlich gesagt, nicht beurteilen. Weil ich ihm nie persönlich begegnet bin. Außerdem hab ich nicht seinen Vornamen gemeint. Die Fauna war bekanntlich eher sein Gebiet als die Flora. Gut, kahle Bäume hat er genauso gezeichnet. Oder scheue Topfpflanzen. Ein bissl Florist war er demnach schon. Und die Evolution seines Lieblingsgetiers (oder des Menschen?) hat er gleichermaßen vorangetrieben. Hat den Raben mit dem Homo sapiens gekreuzt. Herausgekommen bei diesem Genexperiment ist Monsieur Corbeau, der Corvus sapiens. Ein gefiederter Dandy.

Paul Flora war definitiv ein Feminist (mindestens): Leinenzwang für Männer! - © Galerie Gerersdorfer
Paul Flora war definitiv ein Feminist (mindestens): Leinenzwang für Männer! - © Galerie Gerersdorfer

Die Männer sind "online"

Überall skurrile Begegnungen, Beziehungsdramen und Love-Storys. (Eine Dreiecksgeschichte: Ein Rabe streitet sich mit einer Schere, die ihre Klingen wie einen Schnabel aufreißt und damit der feschen Marionette im Hintergrund locker die Fäden durchschneiden könnte. Nachher wäre Letztere endlich frei, könnte sich allerdings nimmer bewegen.) War der Flora eigentlich Feminist? Mindestens. Die Frauen sind hier zweifellos das dominante Geschlecht. (Die dominante LEBENSFORM sind aber natürlich nach wie vor die Raben.) Männer in Käfighaltung, die von ihren strengen Frauchen, ihren Dominas, an der Nase gepackt werden (nennt man das Nasal-Sex?). Ein anderer ist "online" (angeleint, wird Gassi geführt). Und denen scheint es obendrein zu taugen. Wie dem Voyeur beim Zuschauen. (Dem Betrachter.) The same Vergnügen as every year.

Oh, ich soll noch unbedingt auf die vorzügliche Lüftung in der Galerie hinweisen. Horst G.: "Eine Querdurchlüftung." Und was heißt das? Doris G.: "Beim einen Fenster rein, beim andern raus." (Wer hat Angst vorm Aerosol? Niemand. Oder genaugenommen: jeder. Und wenn es kommt? Machen wir zwei Fenster auf – und jagen es zum Teufel.)