So, so, das ist also das Beste, was New York seit den Ghostbusters passiert ist. (Den Architektur-Diskurs betreffend, wohlgemerkt. Nicht generell.) Mit diesen superlativischen Worten wird jedenfalls Karin Ferraris neues Künstlerbuch angepriesen, ein tatsächlich sehr eindrücklicher "monochromer Fotoessay" (heißt das so viel wie "Bilderbuch in Schwarzweiß" auf Gscheit?) über die "Rooftop Temples of New York City" (grad im Verlag für moderne Kunst erschienen).

Moment: Die Ghostbusters sind Architekten? Nein, eh immer noch Parapsychologen und Geisterjäger. Aber in ihrem ersten Kinoabenteuer betritt der Gott Gozer, ein Ungustl aus dem alten Mesopotamien, ihre Welt durch ein tempelartiges Dimensionsportal auf dem Dach eines Apartmenthauses am Central Park und sie müssen sich mit diesem Gfrast, das eine äußerst destruktive Einstellung der Menschheit und deren Bauwerken gegenüber hat, dann ziemlich gfretten, bis sie es wieder loswerden. (Ist das Kunst – eine Performance im Stil des Destruktivismus –, oder kann das weg?)

Das sakrale Tüpfelchen auf dem profanen i

Und genau diese Dachtempel sind nun der aktuelle Untersuchungsgegenstand einer Südtirolerin und Forschungsreisenden. Im Frühling war sie in der Stadt, die angeblich niemals schläft, und hat ihr beim Wegbüseln zugesehen, als dieses C-Virus New York nämlich quasi eingeschläfert hat. Selbst der Times Square, der bekanntlich an ADHS leidet, an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, macht die Äuglein zu, sogar da gähnt die Leere. Ferrari: "Dass sich die Stadt so entleert hat, das war ein gleichermaßen schönes wie erschreckendes Erlebnis. Einerseits eine Geisterstadt (Anmerkung: He, wie passend – Ghostbusters und so) wie in einer Zombie-Apokalypse und andererseits unglaublich schön."

Na ja, und ohne Ablenkungen herunten schaut man eben mehr woandershin. Nach oben zum Beispiel. "Da ist mir aufgefallen, dass auf den Hochhäusern tempelartige Strukturen rumstehen." Das war übrigens ganz in der Nähe von Carrie Bradshaws Wohnung. Beziehungsweise hat man da die berühmten Stufen zur Wohnung der Kolumnistin aus "Sex and the City" GEFILMT (in Greenwich Village, einem schicken Stadtteil von Manhattan), denn dort, wo sie wirklich wohnt, in der Upper East Side (245 East 73rd St.), diese Adresse existiert überhaupt nicht.

"Und wie das halt so ist, wenn einem was auffällt, beginnt man, es überall zu sehen." Los Angeles ist die Stadt der Engel, doch die Götter (nicht nur die mesopotamischen) wohnen anscheinend in New York. Sichtlich ist die Gegenwart weniger rational, als man meinen möchte, sondern in Wahrheit voller Sehnsucht nach dem Spirituellen. Und voller babylonischer Türme, die in den Himmel wachsen und die Wolken am Bauch kraulen: Wolkenkratzer. Und Letztere haben oft ein sakrales Tüpfelchen auf dem profanen i. Weltliche Hochhäuser werden zu Sockeln für heimliche "Kultstätten". Für ägyptische Pyramiden, neogotische Kathedralentürmchen, griechische Tempel, mysteriöse Würfel.

Karin Ferrari hat sie alle fleißig fotografiert und zu einer düsteren Gothic Novel vereint, und wenn es stimmt, dass ein Bild mehr als 1.000 Worte sagt, dann enthält ihr Buch, falls ich mich nicht verzählt habe, über 197.000 Wörter (zusätzlich zu denen, die flankierend auf Englisch geschrieben sind). Manche der vielsagenden Bilder wirken historisch, haben die graue Patina der Vorzeit, auf anderen leuchten die Gebäude geradezu mystisch, werden sie zu geisterhaften Erscheinungen (durchs Invertieren bei der Bildbearbeitung), oder die grafische Verschärfung schärft schlichtweg auch den Blick für dieses – weltweite – Phänomen der "pseudo-sakralen kommerziellen Architektur".

Wohnt da oben ein Gott/eine Göttin? Beide? Karin Ferrari hat in Greenwich Village mehr als einen Dach-Tempel entdeckt. - © Karin Farrari
Wohnt da oben ein Gott/eine Göttin? Beide? Karin Ferrari hat in Greenwich Village mehr als einen Dach-Tempel entdeckt. - © Karin Farrari

Und erlöse uns von unseren Ersparnissen

In der Galerie Jünger hat die studierte Kunst- und Kulturwissenschafterin und Malerin, die nach ihrem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien zwei Jahre lang im MAK als kuratorische Assistentin für Design gearbeitet hat, diese Bestandsaufnahme noch mit Esoterik und Pseudo- oder ECHTER Wissenschaft angereichert. Die wilde Materialsammlung einer Verschwörungstheoretikerin (oder Ermittlerin?)? Ein wucherndes Work-in-Progress, das noch die endgültige Antwort sucht auf die Frage: Was treiben die da auf ihren Dächern?

Fotos, Collagen, Diagramme. Ein Dreieck zwischen Architektur, Religion und Kapitalismus wird konstruiert, sogar die Mengenlehre aus dem Mathematikunterricht wieder ausgepackt: Die Schnittmenge von Finanz und Religion bilden hier die englischen Begriffe "Savior" (Erlöser) und "Savings" (Ersparnisse), veranschaulicht durch einen segnenden Christus vor einer "kirchlichen" Bankfassade. Und "Thousands of Americans are going to church in dead malls" (ein Zitat), das wird unkommentiert behauptet. (Amerikanische Einkaufszentren, Tempel des Mammons, sollen nämlich nach ihrem Tod mitunter als Kirchen wiederauferstehen.)

An einer anderen Wand wird das Thema ins Globale erweitert. Ein Foto von einem indonesischen Luxushotel zeigt einen Schrein und ein Sport- und Spaßgerät (ein Trampolin) unmittelbar nebeneinander. Auf Bali hat man offenbar kein Leib-Seele-Problem, kennen die Leute keine platonische Apartheid zwischen Geist und Materie. Und vorne draußen auf dem Ceasar’s Palace in Las Vegas kündigt Ferrari frech in selbstbewussten Lettern ihre eigene Show an: "Archifiction of Ekstasis." (Nein, das ist kein Geständnis, dass sie selber auf Ecstasy ist, wenn ihr diese Sachen einfallen.) Sinnlich schimmernde Drucke auf Alu, wo die Realität durch unwirkliche Farben oder den verfremdenden Negativ-Effekt zu etwas nicht mehr direkt Fassbarem wird, plötzlich "fremdelt". Und die Tuschearbeiten? "In den Zeichnungen erforsche ich . . . – ich zeichne auch einfach wahnsinnig gern." Kreativ wird weiterfantasiert, wird auf den Dächern das olympische Feuer entzündet.

Chauvinisten will niemand pudern

Christo war ein berüchtigter Verhüllungskünstler, die Frau, die wie ein schnelles Auto heißt, ist das Gegenteil. Eine Ent-hüllungskünstlerin. Unentwegt durchforstet sie die Pop- und Alltagskultur nach versteckten Botschaften, findet Symbole von Geheim- und weniger klandestinen Gesellschaften, wird von Zeichen regelrecht verfolgt und ist mittlerweile eine Spezialistin für "Trash Mysticism". Und weil sie sich gewissermaßen selbst einen Bildungsauftrag erteilt hat, erzählt sie uns auf ihrem Youtube-Kanal in einer Serie von Aufklärungsvideos – "Decoding (the whole truth") – nix weniger als die ganze Wahrheit. IHRE Wahrheit. ("Ich bin ja keine Wissenschaftlerin, ich bin Künstlerin.") Amalgamiert gekonnt Fakt und Fiktion. Etwa in ihrer durchaus glaubwürdigen "Doku" über das, was wir schon immer über den Vorspann der "Zeit im Bild", dieser nationalen abendlichen Nachrichtensendung, wissen wollten, aber bisher nicht selber zu erkennen wagten.

Die "ZIB"-Intros der letzten 60 Jahre hat sie gewissenhaft analysiert und unter anderem das allsehende Auge der Illuminaten (oder wahlweise der Freimaurer) im ORF-Logo entdeckt, einen obskuren Lichtstrahl über Europa als Weltraumlift identifiziert, der "stellvertretend für den Wunsch (stehe), hegemoniale und geostrategische Bestrebungen der USA am eurasischen Kontinent zu durchkreuzen", und selbst ihre Interpretation des 70er-Jahre-Vorspanns mit einem Frauenanteil von null (der phallische Einser über den drei männlichen Nachrichtensprechern illustriere den Androzentrismus, "die gesellschaftliche Fixierung auf den Mann") entbehrt nicht der Plausibilität – bis zur Minute 19, wenn eine männliche Stimme im nüchternen Ton der Seriosität das Ende des Machismo verkündet: "In der Zukunft werden männliche Chauvinisten ausgestorben sein, weil sie niemand pudern will." Äh, und was hat es zu bedeuten, dass das Trio am News-Desk schasaugert ist, aus lauter Brillenträgern besteht?

Ob in Las Vegas oder Kuala Lumpur: die "pseudo-sakrale kommerzielle Architektur" (Karin Ferrari) ist überall. - © Karin Ferrari
Ob in Las Vegas oder Kuala Lumpur: die "pseudo-sakrale kommerzielle Architektur" (Karin Ferrari) ist überall. - © Karin Ferrari

Das Age of Aquarius aus dem Wassertank

Und die Rooftop-Tempel? Von den Freimaurern? Den Neuheiden? Den Rooftop-Templern? Und sind diese rätselhaften Würfel Meditationsräume ("Metatron-Cubes"), in denen man mit dem Erzengel Metatron in Verbindung treten kann? (Mit wem? Ist das ein Transformer-Engel? Ist der verwandt mit dem Megatron, dem Anführer der bösen Decepticons?) Und wenn Wassertürme mit solchen Kuben verkleidet werden, wird da womöglich der Wassermann kultisch verehrt und gruppieren sich New-Age-Hippies um die Wasserstelle und warten nach einer LSD-Eucharistie auf ihr visionäres "Age of Aquarius"? Oder ist der Handyempfang dort oben einfach besser (für dieses magische Ritual namens Telefonieren) und handelt es sich folglich um Telefonzellen? Verrät uns Karin Ferrari leider nicht. NOCH nicht.

Eine überaus inspirierende Schau. Man kriegt richtig Lust, sich die Welt selber alternativ anzueignen und zu deuten. Für dieses "Ding" auf der Dachterrasse des Leopold-Museums im Museums-Quartier (auf Luftaufnahmen ähnelt der Aufbau frappant einem erigierten Penis und definitiv keiner grazilen Libelle) finde ich allerdings trotzdem keine Erklärung. Die drei beleuchteten Ringe daneben: Heiligenscheine? Scheinheiligenscheine?