Egal, was man von seiner Kunst halten mag (ob man womöglich sogar meint, dafür wäre man sowieso schon zu alt, weil die doch viel zu jugendfrei für Erwachsene ist, oder?), allein ihm verdanken wir es, dass wir die beiden Zwillingsmuseen, das Naturhistorische und das Kunsthistorische, auseinanderhalten können und nie wieder versehentlich ins falsche hineingehen. Vor dem, das NICHT der Kunst geweiht ist, steht nämlich sein pummeliger Bronze-Elefant. Oder ein Elefanten-BABY? Wobei eigentlich eh alle seine Viecher Babyspeck haben.

Passenderweise hat der österreichische Meister der rundlichen Formen und des Übergewichts unlängst selber einen runden Geburtstag gefeiert. 90 ist er geworden, der Gottfried Kumpf, der am 29. November 1930 im salzburgischen Annaberg geboren worden ist, allerdings für lange Zeit – mit jeder Menge Katzen – im Burgenland gelebt hat. Einen eigenen Skulpturenpark hat er ebenfalls: den Schönbrunner Tiergarten. Okay, da laufen obendrein ein paar Lebend-Exponate herum, und die hat nicht er erschaffen, aber sein Panzernashorn, die glückliche Orang-Utan-Familie oder der Froschkönig sind mindestens genauso beliebt (bei den kleinen Besuchern auf alle Fälle).

Unterm vollschlanken Mond

Aquarelle, Farblithografien, eine Tuschezeichnung und handlichere Bronzen von den 1970er Jahren bis heute, die zeigen, wie konsequent er seinem unverwechselbaren Stil treu geblieben ist, werden jetzt gar an zwei Orten gleichzeitig ausgestellt (unter dem verträumten Titel "Reise zum rosaroten Berg"). Ein und dieselben Arbeiten, wohlgemerkt. (Nein, das ist kein quantenphysikalisches Phänomen.) Die befinden sich also sowohl im Souterrain des Kunsthandels Stock als auch in der Virtual Reality. Und besonders praktisch hinsichtlich des bevorstehenden Lockdowns: Um sich in der virtuellen Rund-um-die-Uhr-Galerie umzuschauen, in der die Architektur eine komplett andere ist (ein luftiger Raum mit einer großzügigen Fensterfront, durchflutet von weißem Licht), muss man sich nicht vom eigenen Sofa erheben. Man klickt einfach hier an, und schon ist man dort. Leichter als beamen.

Allerlei Getier (heimisch oder exotisch, Pandas, eine wohlgenährte Katze, die Hündinnen Bella und Kati . . .), Landschaften, immer wieder der Neusiedler See, über dem die Sonne stets die perfekte Rundung hat wie der vollschlanke Mond, der hier endlich zu seiner prallen Statur stehen darf (blad is beautiful) und aus dem ewigen Jo-Jo-Effekt (abnehmen, zunehmen, abnehmen . . .) ausbricht. Und fast überall er: der "Asoziale". Dieser adipöse Man in Black, ein Bloßhaxerter mit Hut, der sich meist irgendwo im Abseits herumdrückt. An einen Baum gelehnt, im Schilf versteckt. Wie ausgesetzt. Ein Ich-bin-überhaupt-nicht-da-beachtets-mich-am-besten-gar-nicht-Typ. Gewissermaßen Kumpfs zweite Signatur. Quasi das männliche Gegenstück zur Venus von Willendorf. (Der Adonis von Breitenbrunn am Neusiedler See?)

Social-Distancing-Man

Sehr erwachsen: Gottfried Kumpfs "Damengambit"(1985). - © Gottfried Kumpf/Kunsthandel Stock
Sehr erwachsen: Gottfried Kumpfs "Damengambit"(1985). - © Gottfried Kumpf/Kunsthandel Stock

Keine Angst, der tut nix. Er will nicht einmal mitspielen. Nur seine Ruhe haben. Gut, eventuell muss er DOCH mitspielen (Rummy, Canasta, Bridge . . .). Schließlich ziert er die Rückseiten von Spielkarten, die der Kumpf entworfen hat. Dafür lungert er auf dem Schachbrett (in der witzigen Serie über dieses Kriegsspiel, das so etwas ist wie Fußball für Intellektuelle) bloß so herum, und das hocherotische "Damengambit" ist ihm total wurscht. (Gambit: Bedeutet das "nacktes Gesäß" auf Gscheit? Von wegen "jugendfrei".) Der ist echt kein Partytiger. Der lässt ALLES anbrennen. He, er ist in Wahrheit ein Held, ach was: ein Superheld, der das Coronavirus bekämpft. Social-Distancing-Man! Moment: Corona – Lateinisch für "Krone". Und die weiße Dame, die dem Asozialen nicht gerade ladylike ihre Hinterbacken präsentiert, hat eine auf. Die kokette Lithografie aus dem Jahr 1985 ist plötzlich erschreckend aktuell. Wird förmlich zur Allegorie der (a)sozialen Distanz. (Stell dir vor, es ist Pandemie und alle bleiben daheim.)

Trotzdem. Das dicke Kerlchen tut einem direkt leid, wenn es einem zum Beispiel selber den Rücken zuwendet (den bekleideten, außerdem sitzt es drauf – auf dem unteren Teil) und allein auf einem Hügel sehnsüchtig in die Ferne blickt, ins Rosarot ("Die rosa Stunde", 2003). Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer", einer der berühmtesten "Fernseher" der Kunstgeschichte, hat auf SEINEM Gipfel zwar ebenfalls keine Gesellschaft (höchstens die der Natur), aber der ist eben ein Romantiker. Mit dem hab ich bestimmt kein Mitleid. (Der hat nicht einmal Kummerspeck, bitte.)

Und wie nennt man diese Kumpfsche heile Welt, diesen farbenfrohen Humor mit Träne? Ist das naiver Plakatismus? Bladismus? (Andererseits nähert sich die Realität infolge von Homeoffice und geschlossenen Fitnessstudios immer mehr dem Kumpfschen Körperideal mit Waschbärbauch und Hummeltaille an. Außerdem ist die Erde doch auch nicht flach, wieso sollten es ihre Bewohner sein?) Oder handelt es sich gar um Kitsch? Oder um den Bilderbuchstil? Apropos: Kinderbücher hat er ebenso illustriert. (In der – realen – Galerie liegt eins zum Durchblättern auf: "Abu: Der kleine Elefant, der ein Eisbär sein wollte." Text: Thomas Brezina.) Das heißt freilich nicht, dass seine Kunst lediglich für Drei- bis Sechsjährige geeignet wäre.

Aphrodite wird Miss Burgenland

Misswahl im Burgenland. Der Asoziale am Baum ist blind für so viel Weiblichkeit. (Gottfried Kumpf: "Das Urteil des Paris",1996.) 
- © Gottfried Kumpf/Kunsthandel Stock

Misswahl im Burgenland. Der Asoziale am Baum ist blind für so viel Weiblichkeit. (Gottfried Kumpf: "Das Urteil des Paris",1996.)

- © Gottfried Kumpf/Kunsthandel Stock

Sein "Urteil des Paris": eine vergnügliche Übersetzung aus dem Griechischen ins Rustikale. Zur Erinnerung: Nachdem eine gewisse Eris nicht zur Party eingeladen worden ist (no na, wer will schon ausgerechnet die Göttin der Zwietracht auf seiner Hochzeitsfeier dabei haben?), macht sie einen auf 13. Fee und wirft beleidigt einen goldenen Apfel mit der Aufschrift "Der Schönsten" unter die Gäste, und der arme Jüngling Paris muss dann die Rolle des Jurors in dieser Misswahl übernehmen. Und bekanntlich war das Urteil des Paris kein salomonisches. Ja, wenn es ZWEI Bewerberinnen gewesen wären. Doch wie teilt man einen Apfel gerecht in DREI Teile? (Noch dazu, wenn man bestechlich ist und die Kandidatinnen allesamt mächtige Göttinnen sind und einem eine davon zum Dank die schöne Helena verspricht, die halt blöderweise bereits verheiratet ist und erst ihrem Mann geraubt werden muss, was den Trojanischen Krieg auslösen wird.) Beim Kumpf sind Aphrodite, Athene und Hera Landpomeranzen, Dirndln im Dirndl. (Oh, là, là, ein transparenter Rock, durch den der "Vollmond" schimmert!) Wird die Gewinnerin des Zankapfels Miss Burgenland?

Farblich delikat: der nuancenreiche "Silbermorgen" mit zarten, blass hingehauchten Tönen. Ein Suchbild mit Asozialem. (Das da auf der Blüte IST nämlich keine Hummel.) Und in der Tuschezeichnung "Heimweh" verdichtet sich der Strich ohnedies zu konzentrierter Melancholie.

Suchbild mit Asozialem: Wo versteckt er sich? Der "Schilfschneideram Neusiedler See" (von Gottfried Kumpf, 1978) entdeckt ihn jedenfallsnicht. 
- © Gottfried Kumpf/Kunsthandel Stock

Suchbild mit Asozialem: Wo versteckt er sich? Der "Schilfschneideram Neusiedler See" (von Gottfried Kumpf, 1978) entdeckt ihn jedenfallsnicht.

- © Gottfried Kumpf/Kunsthandel Stock

Naiv? Natürlich. Fett? Voll. Aber mit seinen liebevoll gemästeten Menschen und Tieren bringt Gottfried Kumpf die Leute zum Schmunzeln. (Das rundliche Bronze-Ross Penelope: mehr ein Nilpferd, Tschuldigung: eine Nil-Stute.) Aus mir jedenfalls hat er ein Meisterwerk der Renaissance gemacht. Dreingeschaut hab ich dauernd wie die Mona Lisa. So gesehen: ein Leonardo da Vinci, dieser Kumpf.