Heute vor einem Monat also. Wieso, was soll da gewesen sein? Keine Ahnung. Aber vermutlich sind grad die Bilder dieser Ausstellung aufgehängt worden, die den Titel trägt: "Today, One Month Ago", und die am 26. November begonnen hat. (Oder hätte? Denn war zu dem Zeitpunkt nicht noch der zweite Lockdown?) Doch wie hätte Svenja Deininger vorhersehen können, dass mein Artikel über ihre Schau in der Galerie Martin Janda HEUTE erscheinen würde? Was unweigerlich zu der Frage führt: Wann IST heute eigentlich? Oder war das längst? (Am 26. November zum Beispiel? Und ein Monat davor war der 26. Oktober. Der Nationalfeiertag.) Andererseits ist jeder Tag von neuem heute, und wer kann sich schon so exakt daran erinnern, was er einen Monat zuvor gemacht hat? Oder was damals auf der WELT passiert ist?

Die Ölgemälde der Wienerin helfen einem hier ebenfalls nicht weiter. Die sind selber bloß vage Erinnerungen. Trotz ihrer kompositorischen Strenge. Zunächst ist man sich ziemlich sicher: abstrakte Kunst. Definitiv. Jede Menge Geometrie. Präzise Zerstückelungen der Fläche durch Geraden, Winkel und Bögen. Und das gestreifte Opus sowieso. Gestreift? Klingt langweilig. Eintönig. Tschuldigung: zweitönig. Wäre es ja tatsächlich. Wenn nicht der gleichförmige binäre Schwarz-Weiß-Rhythmus unvermutet in Farbe umschlagen würde. In Spannung.

Die Farbe steigt die Stufen hoch

Kein Rorschachtest, aber trotzdem viel zu entdecken: Ölbild ohne Titel von Svenja Deininger. 
- © Galerie Martin Janda / kunst-dokumentation.com

Kein Rorschachtest, aber trotzdem viel zu entdecken: Ölbild ohne Titel von Svenja Deininger.

- © Galerie Martin Janda / kunst-dokumentation.com

Je genauer man hinschaut, desto mehr Anklänge findet man freilich. An Architektur (sind das nicht ohnehin lauter "Bauwerke", ist nicht jedes dieser Bilder "gebaut"?), an Kirchenfenster, die menschliche Figur. Plötzlich meint man Köpfe zu entdecken, Schatten von Gestalten, Körper-Echos. Und desto mehr familiäre Beziehungen stellt man zwischen den einzelnen Arbeiten fest. Formale, koloristische. Unterschiedliche Verwandtschaftsgrade.

Und die figurativen Konstruktionen in Braun? Gehören die überhaupt zur Familie? Und ist das noch Malerei oder bereits ein Relief? Nein, eh gemalt. Mehr oder weniger. In vielen Schichten. Die Farbe ist halt so glatt geschliffen, dass man sie gar nimmer als solche erkennt, weil sie sich quasi in Holz verwandelt hat. Farbabstufungen bedeuten da nämlich im taktilsten Sinne des Wortes wirklich Stufen, dezente Höhenunterschiede. Auch bei den bunteren Sachen: eine komplexe, subtile Haptik. Sinnliche Oberflächenreize von der Leinentextur bis zur unmenschlichen Glätte.

Eindeutig eine Frau (von Svenja Deininger). Funktioniert allerdings genauso gut als abstraktes Bild. 
- © Galerie Martin Janda / kunst-dokumentation.com

Eindeutig eine Frau (von Svenja Deininger). Funktioniert allerdings genauso gut als abstraktes Bild.

- © Galerie Martin Janda / kunst-dokumentation.com

Komplett abstrakt oder nur ein BISSL "weltfremd"? Deiningers diszipliniertes Werk stammt eben aus einer Zwischenwelt, hält weder zu den Gegenständen noch zum Gegenteil, bleibt rätselhaft uneindeutig. Und jedes Bild verändert die Wahrnehmung des nächsten und diese wiederum die Sicht auf das vorherige. Ein lebendiger Prozess. Vor allem aber muss man das alles live sehen. Nicht zuletzt wegen der Aura. Und weil die flachen Abbildungen auf der Homepage der Galerie den Tastsinn nicht sonderlich ansprechen. (Nicht, dass man die Originale angreifen dürfte wie ein Handydisplay. Wollen täte man allerdings.) He, heute in einem Monat kann man das wahrscheinlich wieder. Sich die Bilder anschauen. (Mit den Augen.)