Gleich im ersten Raum kommt einem alles irgendwie bekannt vor. Verändert zwar, nichtsdestotrotz vertraut. Oder eigentlich NUR im ersten Raum (der Galerie nächst St. Stephan übrigens). Gemacht hat’s jedenfalls der Daniel Knorr. Aber IST es auch von ihm? Weil ist das dort drüben nicht ein Klee? Und das ein . . . wie heißt der gschwind? Und jö: ein Picasso, flankiert von Expressionismus (Ernst Ludwig Kirchners Berggipfeln) und Pop-Art (Roy Lichtensteins Karikatur der spontanen Pinselgeste, also seinem "Brushstroke" im Comicstil)!

Als hätte der documenta- und Biennale-Teilnehmer aus Berlin (geboren worden ist er allerdings 1968 in Bukarest) bedeutende Gemälde mit Wiedererkennungswert, die in den Museen und unserem kollektiven Gedächtnis hängen, kurzerhand "gehäutet", ihnen mit seinem Polyurethan die Farbschicht abgezogen, sie aus dem Keilrahmengefängnis befreit. (Keine Angst: Kein Original kam zu Schaden.) Und jetzt winden und knautschen sich die glänzenden, glatten Folien mit ihrem brillant leuchtenden Kolorit geradezu wollüstig, bäumen sich verführerisch auf.

3D ist dem 2D sein Tod

Ein echter Lichtenstein? Ja, von Daniel Knorr. ("Modern Waves", 2020.) - © Galerie nächst St. Stephan/Bernd Borchardt
Ein echter Lichtenstein? Ja, von Daniel Knorr. ("Modern Waves", 2020.) - © Galerie nächst St. Stephan/Bernd Borchardt

Na ja, dass einer, dem wir die bestgekleideten Vogelscheuchen verdanken (einmal hat er denen Designerklamotten angezogen, bitte), dass so jemand unscheinbare weiße Wände ebenfalls stilvoll mit großen Namen "einkleidet", ist beinah logisch, oder? Und sein unbeschwerter Umgang mit den kanonisierten und in Kunsttempeln verehrten Meistern, mit den "Heiligen" der Kunstgeschichte, ermöglicht immerhin einen frischen, unverbrauchten Blick auf die "verstaubten" Ikonen der Malerei, die längst keine Avantgarde mehr sind, sondern "Klassiker". (Oder regen Picassos "Demoiselles" noch irgendwen auf, dieses Übergangswerk, das sich noch deutlich an die Rosa Periode erinnert und zugleich in die Zukunft schaut, in den Kubismus spechtelt?)

Leinwandskulpturen? Richtig: "Canvas Sculptures" (auch wenn es sich um textilfreies pigmentiertes Polyurethan handelt, das freilich optisch die Leinenstruktur der Vorlage konserviert). Die Fläche erhebt sich in die dritte Dimension, lebt ihre Sehnsucht nach dem Raum voll aus. Knorrs unkonventionelle Malerei drückt sich sowieso nie flach an der Wand herum. Und einen Farbträger in dem Sinn gibt’s genauso wenig. Eher einen Farb-SCHLUCKER. Die poppige Buntheit treibt es pittoresk im Kunstharz, in dem sie versinkt. Malerei in Aspik quasi. Wie bei den "Berlin Wall Nuggets" aus der Serie mit dem verwirrenden topografischen Titel "Depression Elevations" (Vertiefungserhebungen?).

Der Boden als Zeitzeuge

Vorne glatt (das Dripping "Circus of Birds" von Daniel Knorr). - © Galerie nächst St. Stephan/Bernd Borchardt
Vorne glatt (das Dripping "Circus of Birds" von Daniel Knorr). - © Galerie nächst St. Stephan/Bernd Borchardt

Klumpen mit malerischen Farbeinschlüssen schweben hinter Glas (in Vitrinen mit blauem Innenanstrich) wie exotische Fische im Wandaquarium. Nein, keine "echten" Bruchstücke der Berliner Mauer. (Die Mauer ist ja nicht einfach umgefallen – Stichwort Mauerfall –, sie WURDE gefällt, wurde zertrümmert, zerkleinert.) Nicht einmal ABGÜSSE davon, von den Bröckerln. Vielmehr ist der vielseitige Künstler wie ein Fährtenleser den Spuren der Mauer durch Berlin gefolgt und hat Unebenheiten abgeformt, kleine Mulden. Hat gewissermaßen Bodenproben genommen. Der Boden als Zeitzeuge, als Hüter der Erinnerung. Und auf dem trampelt keine Geringere als "die Geschichte" herum. Moment, ist diese künstlerische Vergangenheitsbewältigung, diese ästhetische Spurensuche und –sicherung, nicht ein bissl oberflächlich (und zu schön, zu grell)? Ja eh. Aber mit viel Tiefgang. Mit einem reichhaltigen Innenleben zum genussvollen Eintauchen. Abstrakte Kunst mit realem Mehrwert.

Knorrs Auseinandersetzung mit der Moderne, der Malerei an sich, dem Material, einem Ort ist eben immer sehr direkt. Und nachweislich beherrscht er die hinterfotzige Kunst der Irritation, was er nicht zuletzt bei der documenta 14 (2017) hinlänglich bewiesen hat. Mit den Rauchzeichen, die er in Kassel gegeben hat. Damals hat er sich nämlich mit einer Sehenswürdigkeit, dem Zwehrenturm, besonders unmittelbar auseinandergesetzt. Indem er ihn angezündet hat. Vermeintlich. Doch weil es oben so verdächtig herausgequalmt hat (okay, unschuldig weiß wie bei der Papst-Wahl), haben die Leute dauernd die Feuerwehr gerufen.

Vorne hui, hinten noch huier

Hinten eine Tropfsteinhöhle. - © Galerie nächst St. Stephan/Bernd Borchardt
Hinten eine Tropfsteinhöhle. - © Galerie nächst St. Stephan/Bernd Borchardt

Apropos hinterfotzig. Diese Kunst kann sogar überraschende Wendungen haben, hält Überraschungen bereit. Die "Drippings" in Raum drei zum Beispiel ("Drippings" – wie die vom Jackson Pollock, obwohl der seine Farben weniger getröpfelt als ejakuliert hat?), die sind glatter als ein Babypopo. Auf der Vorderseite zumindest. (Weil sie über eine Glasplatte gekrochen sind. He, die runden haben irgendwie was von ungerollten Palatschinken!) Und auf der Rückseite? Ein stacheliges Relief, eine bizarre Landschaft. Lauter im Fallen erstarrte Tropfen. Wie fragile Stalagtiten. Geronnene Zeit, gestockte Dynamik. So gesehen ja TATSÄCHLICH Action-Paintings. Eine BESCHAULICHE Action halt. Vorne hui, hinten NOCH huier.

Obendrein werfen diese Scheiben kitschig auratische Farbschatten. Und haben kreative Titel, die die Fantasie in romantische oder fabelhafte Gefilde reisen lassen ("Blue Galaxy", "Circus of Birds", "Future Jungle" . . .) Nicht, dass eine Expedition in Knorrs knallige Polyurethan-Welten nicht Abenteuer genug wäre. Eine lebendige Kunst von kompromissloser Sinnlichkeit.