Es werde . . . finster. So eine Finsternis ist aber gar nicht so leicht herzustellen. Man muss die Fenster mit Folie abkleben, und am besten schaltet man sogar das Handy aus, denn den Reflex zu unterdrücken, es rauszuholen, wenn es ein Geräusch macht, ist wahrscheinlich noch viel schwerer, als die Erzeugung von totaler Dunkelheit. Schon ein leuchtendes Display kann schließlich alles ruinieren. Wofür hat sie eigentlich eine gebraucht (eine Finsternis), die Birgit Graschopf? Ach, sie wollte die Wände streichen.

Okay, das hat sie nicht VÖLLIG blind getan. Sie arbeitet nämlich im Rotlichtmilieu: in der Dunkelkammer. (Sie ist Fotografin, hallo?) Und hat gleich den ganzen Bildraum 01 in eine solche verwandelt. Hat dort dann Bild und Raum untrennbar miteinander verschmolzen. Wie bei einem Fresko. Freilich ist ihres nicht gemalt (auch wenn sie bei rotem Licht eine Grundierung aufwalzen hat müssen), sondern eine Wandbelichtung. Ein Licht-Fresko sozusagen. (Ihr bisher imposantestes. Über 25 Quadratmeter!)

Zuerst die lichtempfindliche Emulsion auftragen (ist das das Gegenteil von einer Sonnencreme?), im Anschluss wird für wenige, genau berechnete und abgezählte Sekunden der exakt justierte Diaprojektor mit dem Schwarzweiß-Motiv drin angemacht (Graschopf: "Du hast nur diese eine Chance!") und nachher – sieht man noch immer nix. Vorher muss eben noch der Entwickler für den "Simsalabim-Effekt" (Graschopf) sorgen. Zu viert sind sie da mit ihren Drucksprühflaschen gestanden "wie die Ghostbusters". (He, waren die nicht ebenfalls vier?)

Gibt es Leben auf dem Grauen Planeten?

Und was hat die magische Chemie hervorgezaubert? Eine verwaiste Architektur in Bangkok. Den flüchtigen Schatten eines Wohntraums, der noch dazu stellenweise zerfließt. Als hätte das tropische Klima Thailands mit seiner hohen Luftfeuchtigkeit die Wände in Wien zum Schwitzen gebracht. Als wäre denen der Schweiß malerisch heruntergeronnen. In Wahrheit menschliche "Fehler", passiert beim Hantieren mit Entwicklerflüssigkeit, Stopper und Fixierer, die das Sujet aber bloß umso reizvoller machen, lebendiger.

Walking on Sunshine: Birgit Graschopf wandelt unter der Autobahn auf dem Licht. - © Birgit Graschopf/Bildrecht 2020
Walking on Sunshine: Birgit Graschopf wandelt unter der Autobahn auf dem Licht. - © Birgit Graschopf/Bildrecht 2020

Ja, die Farbfotografie wurde längst erfunden, allerdings leben wir auf dem Grauen Planeten, oder? Blau ist er doch lediglich aus der Sicht der Astronauten, für uns hier herunten wird er dagegen zunehmend unbunter, je mehr die Welt um uns herum zubetoniert oder mit Asphalt versiegelt wird. Entsprechend hat die Wienerin die übrigen Schwarzweißfotos ihrer Ausstellung "Walls, Interrupted" auf selbstgegossenen Betonplatten entwickelt.

Verlassene Orte, die von der Vergänglichkeit erzählen, vom Jugoslawienkrieg, von der Wirtschaftskrise. Dem Verfall preisgegebene Hotels in Kroatien (abbruchreife Luxusruinen) erinnern sich an bessere Zeiten und an ihre verblassten schönen Namen wie Pelegrin, Grand Hotel oder Belvedere. (Geradezu prophetisch. Ob die Beherbergungsbetriebe bei uns irgendwann genauso abgefuckt ausschauen werden, wenn die Pandemie nicht bald vorbei ist?) Und die Künstlerin selbst geistert als Gastgespenst durch das menschenleere Gemäuer. In einer traumartigen, unwirklichen Atmosphäre. Inszeniert sich surreal mit Badehaube am Pool, in dem höchstens noch welke Blätter herumschwimmen ("das Wasser war grün und sicher auch total giftig") und über dem der architektonische Himmel einstürzt. Oder sie wickelt sich kurzerhand Efeu um den Kopf und tarnt sich als Pflanze. Tut so, als gehöre sie zu den botanischen Hotelgästen, zur Vegetation, die da inzwischen abgestiegen ist. ("In diesem Hotel hab ich noch Einschusslöcher gesehen. Vom Krieg.")

Das Gras ist trotzdem grün

Auf dem Bild mit der Stiege ohne Geländer (die Ruine nähert sich dem Rohbau, dem Beton im Nude-Look) braucht man sie gar nicht erst zu suchen. Nicht, weil ihre Tarnung etwa NOCH perfekter wäre, sie ist schlichtweg nicht drauf. Dass sie zu wenig Zeit gehabt hätte, daran kann’s aber definitiv nicht liegen. Das Hotel in Dubrovnik wollte sie ja überhaupt nimmer gehen lassen, hat vor ihr den Ausgang versteckt. ("Ich bin da 40 Minuten herumgeirrt – und 40 Minuten sind echt lang.")

Zu guter Letzt hat ja doch die Natur gewonnen: "Abandoned III" von Birgit Graschopf. - © Birgit Graschopf/Bildrecht 2020
Zu guter Letzt hat ja doch die Natur gewonnen: "Abandoned III" von Birgit Graschopf. - © Birgit Graschopf/Bildrecht 2020

Beton auf Beton quasi. Der fotografierte auf dem echten. Die winzigen Bläschen im Bildträger korrespondieren dabei mit den fleckigen Mauern und dem abblätternden Glanz vergangener Tage. Präzise Kompositionen aus Licht und Schatten. (Unter einer Autobahnüberführung wandelt Graschopf in strahlendem Gewand wie ein überirdisches Wesen auf einem Lichtstreifen. Walking on Sunshine!). Stimmungsvolle Klarheit, einfach gut gemacht.

Und wieso ist das Gras in den grauen Ruinen trotzdem grün? Weil es liebevoll handkoloriert ist. Gänzlich farblos ist der Beton also nicht. Er wird dezent geschminkt. Mit einem Hauch von Make-up. Kein Rouge, eher ein Vert (Grün). Er errötet folglich nicht, er ergrünt, wenn die Wildnis lockt, wenn eine nie fertiggebaute Wohnanlage in Bangkok den Ausblick aufs wuchernde Gestrüpp rahmt und Graschopf als Caspar-David-Friedrichsche Sehnsuchtsfigur an der Schwelle zum "Zurück zur Natur" steht. Wirkt romantischer, als die Szene tatsächlich gewesen ist. 40 Grad hat’s gehabt, eine feuchte Hitze, und eine sumpfige Gegend war’s. Voller Mücken "und, ich weiß nicht: Schlangen . . ." Am Ende gewinnt ja anscheinend doch die Natur.