Kommt eine Bar in eine Galerie

Kommt eine Bar in eine Galerie? Soll das vielleicht ein Witz sein? Nein. Denn wäre das einer, dann käme ein Pferd in eine Bar. Aber Lokale sind ja seit Langem geschlossen, Partys und Events abgesagt oder auf bessere Zeiten verschoben, drum hat der Peter Sandbichler diesen Sehnsuchtsort für Gesellige (und Einsame auf der SUCHE nach Geselligkeit) kurzerhand in die Galerie Elisabeth & Klaus Thoman verfrachtet.

Beziehungsweise hat er die vorhandene Begrüßungstheke, die Ablage für Kataloge, Pressetexte und Preislisten, als Schanktisch KOSTÜMIERT (dass wir gerade Fasching haben, dürfte dennoch reiner Zufall sein), hat sie eingepackt in Verpackungskarton für Fahrräder und in Origami. Durch die spezielle Faltung ist die Kartonhaut obendrein erstaunlich stabil und robust. Das Glanzstück (Betonung auf Glanz) ist freilich "the golden bar": die Fußstange aus purem – Messing. Für lässige Rumhängposen. Darf man da wirklich die Füße abstellen? Ist immerhin Kunst, oder? Sandbichler (und der ist halt kein Verpackungs-, er ist ein Transformationskünstler): "Man darf." Nachsatz: "Man SOLL." Und man muss sich nicht einmal vorher die Schuhe ausziehen. Cocktail bekommt man trotzdem keinen. Höchstens Desinfektionsmittel.

Große Fenster sind im Lockdown von Vorteil

Okay, die Galerien sind jetzt genauso zu. Und bis zum Ende des Lockdowns hat man nun doppelte Sehnsucht. Doch wenigstens hat DIESE Galerie da große Fenster. Und wer unbedingt ein Werk des in Wien lebenden Tirolers (Jahrgang 1964) ohne Glas dazwischen betrachten (also angreifen) will, der muss sich zur Ecke Mariahilfer Straße/Getreidemarkt begeben. Dort hat der Künstler, der nach einem Malereistudium auf Bildhauerei umgesattelt hat (mit Wander Bertoni und Bruno Gironcoli als Lehrern) und später noch ein Postgraduate-Studium bei Peter Weibel (neue Medien) angehängt hat, nämlich das Varta-Haus verkleidet. Und als was? Eh als Haus. Allerdings als "Haus mit Augenbrauen". Aus der Ferne eine brave Gründerzeitstil-Imitation, aus der Nähe eine subtile kubistische IRRI-tation voller kantiger Geometrien. Und man sieht es der Fassade nicht an, dass sie unterm Weiß insgeheim grün ist. Aus Poraver besteht. (Das ist Blähglas aus recyceltem Altglas. Blähglas? Bisher kannte ich lediglich den gefürchteten Bläh-BAUCH.) Varta-Haus, ist das das Gebäude, wo oben auf dem Dachgesims dieser Anzugträger mit einem Aktenkoffer balanciert und bereits seit Jahren NICHT springt? Richtig. (Eine unverwüstliche Allwetter-Skulptur von Ronald Kodritsch.)

Diese beiden Skulpturen sind dem Peter Sandbichler beim Essen begegnet. Da waren sie allerdings noch handliche Rinderknochen. - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman/kunst-dokumentation.com
Diese beiden Skulpturen sind dem Peter Sandbichler beim Essen begegnet. Da waren sie allerdings noch handliche Rinderknochen. - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman/kunst-dokumentation.com

Kunst ist ein Knochenjob

Apropos grün. Re- und Upcycling sind bei Peter Sandbichler sowieso Dauerthema. Und Karton ist quasi sein Markenmaterial. Das nutzt er im Hauptraum der Galerie etwa als praktischen Bodenbelag. Eine Art betretbares Spielfeld mit Instruktionen wie "Handle with care!" oder "Bitte stehend transportieren und lagern" und diversen Pfeilen und vor allem mit zwei riesigen bizarren Spielfiguren drauf, die offenbar zugleich die Würfel sind. Jedenfalls kommen sie immer wieder auf einer anderen ihrer Seiten zu stehen oder zu liegen. (So viel zu: "Bitte stehend transportieren und lagern.") Und wenn man dem verspielten Künstler ("Soll i noch amal die Position verändern?") dabei zuschaut, wie er so ein Trumm mit einem Assistenten herumwälzt, was sichtlich eine ziemliche logistische und physische Herausforderung ist (Was wiegt denn das Ding? – "SCHON 150 Kilo."), kann man echt nimmer anzweifeln, dass Kunst ein Knochenjob ist. Gegen die "Keep dry"-Regel muss der – schwitzende – Spieler unweigerlich ebenfalls verstoßen, weil diese rätselhaften Objekte definitiv außerdem Fitnessgeräte sind. (Fitnessstudios haben ohnedies zu.) Die einzige maßgebliche Spielregel dürfte aber sein: "Man muss jede Position genießen."

Lustigerweise handelt es sich bei den vermeintlich abstrakten Formen tatsächlich um Knochen. Vom Rind. In 20-facher Vergrößerung. Sandbichler, dem laufend "Skulpturen begegnen", hat gewissermaßen Essensrestln aus unzähligen HOLZ-Restln nachgebaut. Dreidimensionale Fleckerlteppiche, in denen das Holz verschiedenster früherer Projekte drinsteckt. Ein skulpturales Archiv? Für Sandbichler "ein Verdichtungsprozess". Die reizvollen Maserungen und Muster hätte man nie so planen können. Bewusst. Die sind "einfach" so herausgekommen. ("I leim des da drauf, dann wird’s geschliffen und schaut so aus.")

Die Spannung der Stille: Sechs Notenständer, von Peter Sandbichler nach dem "Tensegrity"-Prinzip verdrahtet ("The Uniform of the Private"). - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman/kunst-dokumentation.com
Die Spannung der Stille: Sechs Notenständer, von Peter Sandbichler nach dem "Tensegrity"-Prinzip verdrahtet ("The Uniform of the Private"). - © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman/kunst-dokumentation.com

Der Künstler schlägt ein wie ein Meteorit

Da überrascht sich einer gern selber, setzt auf konzeptuelle Methoden, "die viele Zufälle produzieren". Nicht, dass die Ergebnisse unpersönlich wären. Die "Alten Schachteln" zum Beispiel könnten persönlicher gar nicht sein. Der klassische Bildhauer nimmt Hammer und Meißel, der konzeptuelle sich selbst, springt auf einen Karton drauf (nicht auf einen Marmorblock, das wäre wahrscheinlich extrem hart und wenig zielführend) und entscheidet nachher: in Beton gießen oder ins Altpapier damit. Was, das ist kein Abguss der zerdepschten Schachtel, sondern einer von der Luft IN der zerdepschten Schachtel?

Während hier eine normierte Verpackung markant individualisiert wird (durch ein Impact-Ereignis), sorgen die physikalischen Kräfte in der "Tensegrity"-Serie für den geometrisch präzisen Zusammenhalt von Massenprodukten. (Spannend – und das auch im straffsten Sinne des Wortes.) Sechs identische Alltagsgegenstände plus Draht plus Zugspannung. (Tensegrity: eine Kombination aus Spannung, englisch "tension", und "integrity".) Sandbichler erklärt das für den Laien: "In die Drähte gehen die Zugkräfte rein, in die Objekte die Druckkräfte." (Aha.) Neonröhren formieren sich über der Bar zu einer originellen Lampe, die zusammengeklappten Notenständer, Relikte aus der "alten Normalität", zu einem verstummten Sextett. Coronabedingt verstummt? Kunstbedingt! Mit Spinden, Spitalsbetten oder Staubsaugern (Instrumenten der Gleichschaltung und Uniformierung) hat er übrigens bereits dasselbe gemacht. Frage: Und was passiert, wenn ich einen Draht DURCHZWICKE? Antwort: "Es kollabiert so komisch."

Zeitlos aktuell, Sandbichlers Kunst. Nichtsdestotrotz wage ich einen hoffnungsfrohen Blick in die Zukunft: Kommt ein Besucher in eine Galerie und stellt sich an die Bar.