Gerade einmal drei Prozent. Diskutiert man mit der Rechtsanwältin Sasa Hanten-Schmidt über die Komplexität und Vielschichtigkeit der Bewertung zeitgenössischer Kunst, versteht sie Gesprächspartner zu verblüffen: "Der deutsche Soziologe Jens Beckert belegt mit langfristigen Studien, dass 97 Prozent zeitgenössischer Kunstwerke an Wert verlieren und lediglich bei drei Prozent ein signifikanter Wertzuwachs zu verzeichnen ist", führt die gerichtlich beeidete Kunstsachverständige im Interview mit der "Wiener Zeitung" aus. "Bei anderen Investitionsformen hüten sich Finanzberater, Produkte mit einer derartigen Performance als solide zu bezeichnen - zeitgenössische Kunst ist hochspekulativ!"

Ein Ergebnis, das den effekthaschenden Headlines der letzten Jahrzehnte eklatant widerspricht. Der Kunstmarkt tendiert gerne dazu, singuläre Verkaufserfolge bei Messen, Galerien oder Auktionen groß zu publizieren.

Welche Rolle spielen die Prozentzahlen im Berufsleben der 48-jährigen Rechtsanwältin Sasa Hanten-Schmidt? "Eine bedeutende", erklärt sie. "Für eine sattelfeste Bewertung von Sammlungen und Kunstwerken muss ich aber ebenso emotionale, regionale, soziologische und rechtliche Faktoren berücksichtigen." Ihre Expertise fußt auf jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit zeitgenössischer Kunst, sei es als Mitarbeiterin in Galerien und Kuratorin in Privatsammlungen.

Opaker Kunstmarkt

Sasa Hanten-Schmidt ist auch Sachverständige für zeitgenössische Kunst. - © B. Fürst-Fastre
Sasa Hanten-Schmidt ist auch Sachverständige für zeitgenössische Kunst. - © B. Fürst-Fastre

"Schon mit 14 Jahren habe ich mich in Ateliers umgetan - oft als Kaffeeköchin", beschreibt sie ihre Anfänge. Nach der Matura stand zuerst ein Jusstudium auf dem Programm und nicht das "unsichere" Kunstbusiness. Jedoch hat sie es im Lauf der Jahre geschafft, beide Dinge miteinander zu verbinden. "Ich habe regelmäßig Künstlern geholfen. Wenn etwa Einreichungen für Kunst-am-Bau-Projekte zu formulieren waren und Rechtssicherheit zu garantieren war", beschreibt sie die ersten professionellen Schritte. "Es ist sicherlich ein Vorteil, dass ich sowohl die Sprache des Rechts als auch der Kunst beherrsche."

Welche Kriterien werden angewendet, um eine Sammlung zu bewerten? Sasa Hanten-Schmidt skizziert einige Prämissen, auf die sie regelmäßig trifft: "Jeder Sammler ist davon überzeugt, etwas Einzigartiges zusammengetragen zu haben. Sinnvolle Bewertungen scheitern häufig an soziologischen, menschlichen, psychologischen Gegebenheiten."

Zuvorderst gilt es den Bewertungsanlass zu klären: Will der Sammler selbst oder Erben, Nachfolger verkaufen? Gilt es Erbschafts- oder Schenkungssteuer zu zahlen? Oder die Raten einer Versicherung zu kalkulieren? "Sammlungen sind heterogene Konvolute, die sehr individuelle Handschriften ihrer Schöpfer tragen", erläutert sie den Prozess, bei dem sie viel an Aufklärungsarbeit leisten muss: Die Sammlung besteht nicht nur aus erstklassigen Kunstwerken, viele Arbeiten sind keine Hauptwerke und befinden sich konservatorisch in einem schlechten Zustand.

Die Verfasstheit der Sammler gestaltet sich ebenso vielschichtig. Das beginnt bei der exklusiven Distinktion, führt über Emotion und Leidenschaft für diesen "pseudokreativen Prozess" bis hin zum Entdeckergeist für junge Talente. "Der Entdeckerdrang führt oft zu Komplikationen", führt Hanten-Schmidt weiter aus. "Jeder Sammler, jede Sammlerin hat Lieblingskünstler, die sie regelmäßig ankaufen. Das können dann neben 20 tollen Arbeiten von Cindy Sherman, auch 150 Aquarelle eines Hauskünstlers sein, von dem man gehofft hat, dass er entdeckt wird."

Hier verweist sie auf die anfangs zitierte Studie. "Der Kunstmarkt ist vollkommen opak und entzieht sich angewandten ökonomischen Berechnungsgrundlagen. Meist steigen die Preise für zeitgenössische Kunst nicht, sondern fallen oder stagnieren bestenfalls", ruft sie in Erinnerung und erwähnt Faktoren, die einer signifikanten Preissteigerung entgegenstehen. Denn werden sämtliche Ausgaben addiert, Messebesuche, Flüge und Hotels, Transporte, Versicherungen, Lagerkosten sowie Provisionen beim möglichen Wiederverkauf, verflüchtigt sich ein vermeintlicher Preisanstieg sehr schnell.

Wert ist nicht gleich Preis

"Es ist ein Winner-takes-it-all-Markt - lediglich ein klitzekleiner Teil des Marktes explodiert", warnt die Expertin davor, den zeitgenössischen Kunstmarkt als zusätzlichen Spielort für finanzielle Anlagestrategien in Betracht zu ziehen. "Aber natürlich macht Kunst Freude", betont sie die positiven Seiten des Sammelns. Sie kommt auf die imaginierten 150 Aquarelle eines lokalen Künstlers zurück: "Selbst wenn solche Konvolute nach kapitalistischen Vorstellungen nichts wert sind und sogar aufgrund der Lagerung und Erhaltung einen negativen Geldwert darstellen, stellt kulturelles Engagement einen wesentlichen soziologischen Wert dar!"

Ausstellungen beim örtlichen Galeristen, Vernissagen im Kunstverein und Diskussionen mit lebenden Künstlern im regionalen Umfeld sind essenzieller Teil eines aktiven Kulturlebens, wenn der Arzt, der Anwalt oder der Baumeister Kunst kauft - abseits jeder tiefgehender wie reflektierter Geschmacksdiskussion. "Nur bei Bewertungen wird’s dann traurig: Es ist ein psychologisches Problem Sammlern oder deren Erben klar zu machen, dass es da keine Marktchance gibt", plaudert Hanten-Schmidt aus dem Nähkästchen. "Selbst wenn die Werke billigst auf Ebay oder Willhaben gestellt werden - das wird nichts!" Ihr Bestreben ist, darauf zu verweisen, dass der kulturelle Wert nicht gemindert wird. Für Sammler und Nachfolger ist es nicht immer einfach, eine derartige Wertanalyse zu verarbeiten.

Wie lange hat eine umfassende Bewertung zeitgenössischer Kunst und Sammlungen Bestand, wenn die Volatilität und Vielschichtigkeit einbezogen wird? "Der Wert ist nicht der Preis", stellt Hanten-Schmidt eindeutig klar. Sie berücksichtigt im Beobachtungszeitraum alle Märkte, auf denen ein Künstler und sein Werk gehandelt wird, wie Auktionen, Private-Sales der Auktionshäuser, Galerien, Kuratoren und auch den reinen Atelierverkauf.

Dennoch zeigen Beispiele, dass relevante Sammlungen, die plötzlich zu veräußern wären - wie die Sammlung Essl in Österreich -, die Preise schon vorab zum Kollabieren bringen. Ein klassisches Marktverhalten vor dem Hintergrund von Angebot und Nachfrage, das aber keine Aussagekraft über den kulturellen Wert der Sammlung hat. Ein Moment, der Sasa Hanten-Schmidt wieder zum eigentlichen (Anschaffungs-)Wert bringt: "Es ist schön, beim Erwerb von Kunst leidenschaftlich und irrational zu sein", merkt sie abschließend an. "Sammlerinnen und Sammler erscheinen meist als heldenhafte Menschen, die viel zu erzählen haben!"