Vor knapp drei Wochen erst traf die "Wiener Zeitung" den Gesamtkünstler Arik Brauer bei gebührendem Covid-Abstand in seinem weitläufigen Atelier in Wien-Währing. Anlass für das Gespräch: Brauers Buch "Wienerisch für Fortgeschrittene", ein launiges Dialektbrevier des Malers und Chansonniers, in dem er seine Sicht auf die Welt zum Besten gibt. Brauer, einer der bedeutendsten Vertreter der sogenannten Wiener Schule des Phantastischen Realismus, erwies sich damals als gut gelaunter Gesprächspartner, zu Späßen aufgelegt, überaus agil. Am vergangenen Sonntag starb Brauer 92-jährig in Wien.

In einem seiner letzten Interviews sprach der Künstler über Paradeiser und seine Kindheit in den 1930er Jahren, über seine Musik und Malerei, aber auch über Tod und Vergänglichkeit.

"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch "Wienerisch für Fortgeschrittene" erinnern Sie an nahezu ausgestorbene Wiener Dialektwörter wie Ramasuri und Hubitschku. Haben die Tomaten die Paradeiser endgültig verdrängt?

Arik Brauer: Die Paradeiser bleiben uns hoffentlich noch lange erhalten! Aber etliche Wörter, die aus dem Tschechischen entlehnt wurden, geraten allmählich in Vergessenheit - siehe Ramasuri, Hubitschku oder Pfrunak, was für wildes Durcheinander, einen besonders innigen Kuss und für Nase steht. Das Böhmakeln verschwindet allmählich. In meiner Kindheit in den 1930er Jahren sprach nur eine Minderheit Hochdeutsch, der große Rest verständigte sich im Dialekt - und hatte jedes Mal Schwierigkeiten, wenn er beim Amt vorstellig werden mussten. Die Sprachenvielfalt wird weniger werden, die Dialekte werden aber bleiben. Weil Dialekte etwas mit Heimat zu tun haben, mit Zugehörigkeit, sich wohl- und verstanden fühlen.

Bei Schmattes, Ganef, Masl und Schlamassl fällt die Nähe des Wiener Dialekts zum Jiddischen sofort auf. Was verdankt der Wiener dem Judentum?

Unerhört viel! Von der Jahrhundertwende bis in die Zwischenkriegszeit nahmen die Juden in Wien bekanntermaßen eine herausragende Stellung in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ein - und in der Unterwelt mischten sie ebenfalls mit! Vieles aus dem Rotwelsch, der Sprache der Unterwelt, wurde aus dem Hebräischen abgeleitet.

Sprechen Sie Jiddisch?

Oy, sikher. Viele Kunden meines Vaters, der aus Vilnius eingewandert war und als Schustermeister arbeitete, sprachen Jiddisch. Mit 13 Jahren war ich in der Tischlerei der Kultusgemeinde beschäftigt; meine Kollegen waren hauptsächlich Juden aus Lackenbach. Für sie war Jiddisch ihre Muttersprache.

Der gegenwärtige Rechtspopulismus wird häufig mit den 1930er Jahren erklärt. Sehen Sie Parallelen?

Überhaupt nicht. Die 1930er Jahre in Wien, das war wie Kalkutta heute. Die Hälfte der Männer war arbeitslos, viele Kinder rachitisch. Ein grauenhaftes Elend. Meine Familie lebte bescheiden in einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung. Ich schlief auf einer Kohlenkiste, über die man nachts eine Matratze legte. Gestört hat mich das nicht, ich kannte es nicht anders. Meine Eltern waren von den visionären Idealen des Roten Wiens überzeugt. Die beiden hatten sich im Ottakringer Volksheim bei einem Kurs für deutsche Literatur kennengelernt. An das 1934er Jahr kann ich mich noch gut erinnern.

Also an die Februarkämpfe zwischen der christlichsozialen Heimwehr und dem sozialdemokratischen Schutzbund, die den Beginn des Austrofaschismus einläuteten.

Meine Mutter schob Matratzen vor die Fenster, ein paar Gassen weiter hörte man Schüsse. An dem Tag sollte in meinem Kindergarten eine Faschingsfeier stattfinden, bei der jedes Kind einen bunten Tschako bekommen hätte. Wie freute ich mich darauf! Das war der Beginn meines lebenslangen Antifaschismus.

Zurück zum Dialekt: In den 1970er Jahren wurden Sie als Liedermacher und Chansonnier mit Protestsongs im Dialekt bekannt. Worin liegt die subversive Kraft der Mundart?

Der Dialekt ist die Sprache der Arbeiterklasse, darin liegt die Poesie der Straße. Ich schrieb die Lieder, als ich in Paris war. Der Poet H. C. Artmann besuchte mich damals, ich sang ihm vor, er meinte nur: "Burli, des muasst mochen." Zurück in Wien, in den späten 1960er-Jahren, wurde mir bewusst, dass die NS-Zeit hier überhaupt kein Thema war. Texte wie "Der Herr Karl" waren die absolute Ausnahme. In den Schulen hörte der Geschichtsunterricht nach dem Ersten Weltkrieg auf, als hätte es danach nichts gegeben.

Mitten in diese Geschichtsvergessenheit hinein nahmen Sie Ihre erste Platte auf: "Arik Brauer, LP 1971".

Ein Riesenerfolg! Das kam für mich völlig unerwartet! Ich habe mich nie als Pop-Sänger betrachtet - und diese Laufbahn auch bald wieder beendet. Ich hätte mein Leben komplett verändern müssen, das wollte ich nicht. Ich bin Maler.

Als wichtiger Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, der international für Furore sorgte, wurden Sie hierzulande häufig ins reaktionäre Eck gestellt. Fühlen Sie sich missverstanden?

Es ist für einen Maler nicht leicht, wenn er von den Repräsentanten der Zunft abgelehnt wird. Die Malerei des 20. Jahrhunderts war abstrakt. Warum war das vor allem im deutschsprachigen Raum so? Weil man erst die Unkultur der Nazis hinter sich gebracht hatte - und wieder an das Kunstschaffen der Jahrhundertwende anknüpfen wollte, das die Nazis als "entartet" diffamiert hatten. Figurative Malerei mit altmeisterlicher Technik passte da nicht ins Bild. Ich konnte mit dieser Ablehnung umgehen, weil mir meine Familie Halt gab und der Erfolg für sich sprach. Ich habe über 2.000 Bilder gemalt und verkauft. Das ist eine unschlagbare Anerkennung, viel mehr wert als irgendein Artikel in einer Kunstzeitschrift, der so kunstvoll verfasst ist, dass ihn kaum jemand versteht.

Sie feierten am 4. Jänner Ihren 92. Geburtstag. Welche Gedanken verbinden Sie mit Ihrem Alter?

Das Alter bringt auch sein Gutes, man schüttelt vieles ab: Ich bin nicht mehr der Sklave meiner Wünsche und Vorstellungen, werde gelassener, fühle mich nicht mehr so verantwortlich für alles und jedes. Nur der Blick in die Zukunft ist trüber geworden: Du weißt, dass du immer schlechter sehen und hören wirst, irgendwann wirst du so zittern, dass du nicht mehr malen kannst. Du hattest zeitlebens Freude an der Bewegung - und was ist von deiner Sportlichkeit geblieben? Mit 85 stand ich noch auf der Bühne, das könnte ich heute nicht mehr. Bei kleinen Kindern und im hohen Alter ist ein Jahr eine unheimlich lange Zeit.

Was denken Sie über den Tod?

Der Tod muss schrecklich sein, wenn man jung ist und noch nicht gelebt hat, wenn einem das Leben buchstäblich gestohlen wird. Aber in meinem Alter? Wenn man viel erlebt und manches von dem erreicht hat, was man sich vorgenommen hat, ist der Tod völlig in Ordnung. Man muss Parkplätze freimachen.