"Voraussichtlich bis Ende Jänner 2021." Falsch. Die Ausstellung von Zbynek Sekal wird bis Mitte Februar verlängert. Voraussichtlich. Sofern der Lockdown nicht eh wieder prolongiert wird. Ein Motivationsspruch steht ebenfalls auf der Einladungskarte drauf (oder mehr eine trotzige Durchhalteparole): "Kunst bleibt die Rettung." Hoffentlich stimmt wenigstens das.

Die Fundhölzer und -bleche an den Wänden und auf den Sockeln der artmark galerie (und im Belvedere 21, das dem Künstler grad eine umfangreiche Personale widmet) HAT sie jedenfalls bereits gerettet. Aus dem Müll. Wenn der 1923 in Prag geborene Sekal, der später, unter den Kommunisten, nach Wien ins Exil gegangen ist, wo er 1998 verstorben ist, wenn der diese Restln also nicht zu erstaunlich ausdrucksstarken Materialbildern von ikonischer Strenge oder zu minimalistischen Objekten recycelt hätte, wären sie irgendwo verrottet und niemand hätte ihre ästhetischen Qualitäten erkannt. Und ist Recycling nicht eine Form der Wiedergeburt? (Die ökologischste Variante.)

Der Bodenbelag schaut drein wie Rembrandts Mutter

"Die Witwe erzählt", erzählt wiederum der Galerist (Johannes Haller), "sie haben alle Wochenenden auf Sperrmüllhalden und Mistplätzen verbracht. Und er . . . immer auf der Suche nach der Schönheit." Der Schönheit des Abgenutzten, von Dingen mit Gebrauchsspuren ("mit Erfahrung" sozusagen, mit Lebenserfahrung). Ob Vertäfelung, Möbelteile oder entfaltete Metalldosen, stets hat der unermüdlich sammelnde und belesene Künstler, der obendrein Philosophen wie Feuerbach oder Heidegger ins Tschechische übersetzt hat, seine präzisen Kompositionen sorgsam in schlichte Rahmen eingepasst. Kleider machen Leute und der Rahmen gewissermaßen das Bild. (Nicht, dass ungerahmte Bilder nackt wären.)

Gefängnis fürs Kleinod: Zbynek Sekal hat für das scheinbarUnbedeutende Schreine gebaut. 
- © artmark galerie

Gefängnis fürs Kleinod: Zbynek Sekal hat für das scheinbarUnbedeutende Schreine gebaut.

- © artmark galerie

Ein weißer Farbklecks reagiert als beschaulicher abstrakter Expressionismus auf die vertikale Ordnung der sauber aufgereihten Brettln und rinnt selber nach unten, der Schwerkraft entgegen, oder das fugengenau "verlegte" Holz hat an sich schon eine lebendige, malerische Oberfläche. Und das gründlich abgetretene Fleckerl eines Bodenbelags aus Linoleum erfährt plötzlich eine Wertschätzung, als würde es sich um ein Quadrat von Malewitsch handeln. Kriegt sogar einen Titel (und die sind beim Sekal wirklich eine Seltenheit): "Relikt." Und eine Ausstrahlung hat diese ausgefranste monochrome hellblaue Fläche, von der die Farbe abblättert wie die Jugend höchstpersönlich, seltsamerweise wie das verwitterte Gesicht von Rembrandts Mutter. Die Frage "Ist das abstrakt oder gegenständlich?" lässt sich sowieso nicht eindeutig beantworten. Schließlich sind das lauter Überbleibsel von – Gegenständen. Einmal ist etwa der Griff einer Schublade als Schatten zurückgeblieben.

Kabel sind auch nur Bananen

Scheinbar Unbedeutendes, Nebensächliches aus Holz oder Porzellan wird zum Kleinod, das quasi in Schutzhaft genommen wird. Wird zur kostbaren Alltagsreliquie, um die herum Sekal seine legendären käfigartigen Schreine gebaut hat zwecks andächtiger Betrachtung der gefundenen Kleinigkeiten. Mitunter ziemlich verschachtelte, luftige Käfig-im-Käfig-im-Käfig-Gefängnisse, komplexe dreidimensionale Rahmungen, gezimmerte Auren. Und durchaus ambivalent. Manifester Beschützerinstinkt und Freiheitsberaubung. Zwangsläufig denkt man an Sekals eigene Biografie, an seine Inhaftierung in den KZs Theresienstadt und Mauthausen, an seine Flucht aus der Heimat vor dem NÄCHSTEN totalitären Regime.

Die "Kupferschreine" hingegen (1991) sind leer, sind sich aber ohnedies selbst genug. Waren extrem aufwändig in der Herstellung. Sekal hätte es sich leichter machen können und den Draht für diese räumlichen Konstruktionszeichnungen einfach kaufen können. Stattdessen hat er ihn geduldig aus Kabeln geschält. Durch diese Adern ist Strom geflossen, das Blut der Elektrogeräte.

Geheimnisvolle, dunkle Bronzen mit einem unleugbaren Naheverhältnis zur Architektur (nicht zufällig heißt die eine, die 1959 noch in Prag entstanden ist, "Behausung" und eine andere "kleines Gebäude") runden das Ganze ab, wie kantig und spröde sie auch sein mögen. Und wie zum Beweis, dass Sekals Kunst eine zutiefst menschliche ist, haben zwei reduzierte Büsten (Bronze und Messing) in einer Art Setzkasten einen Logenplatz. Wie die Raunzer Statler und Waldorf aus der Muppet Show. Nur dass sie STUMME Zeugen sind.