Sie spricht zu uns, die Kunst vom Michael Kos. Und das nicht bloß in einer klaren Formensprache. Denn sie kann außerdem Deutsch, Englisch und Griechisch. Mindestens. Oder eigentlich schreibt sie uns lieber. Ein SMS? Ein E-Mail? Nein, Sprache ist schlichtweg ein Teil von ihr. Ganz offen oder indirekt. Drum muss man schon persönlich vorbeikommen, um zu lesen, was sie einem zu sagen hat.

Das ist natürlich grad ein bissl schwierig, obwohl der Kunstraum Nestroyhof, ein interessanter Offspace, überaus praktische Fenster hat (und das bedeutet in Zeiten mit dauernden Betretungsverboten: dass sie groß sind). Weniger praktisch sind allerdings die im ersten Stock. Wegen der unhandlichen Leiter, die man mitschleppen müsste. Aber irgendwann wird auch DIESER Lockdown vorbei sein. Diese "lose Formation" (Ausstellungstitel) voller Poesie, Mythologie, Tiefenpsychologie, Metaphysik, Humor und Besinnlichkeit (mit und ohne "Be-") hätte sich jedenfalls mehr Blicke redlich verdient. Zum Glück hat die Büchse der Pandora (im hintersten Winkerl) das letzte Wort: "elpis" (Hoffnung auf Griechisch).

Die Macht des kleinen f

Geist und Materie in prickelnder Symbiose. Sprach- und Gedankenspiele, die sich in Form und Material manifestieren. Was ist zum Beispiel grau, ziemlich schwer und kann nicht fliegen? Hm. Ein Elefant? Ja, oder eine Stahlplatte, die locker eine Tonne wiegt und sich sehnsüchtig zum Himmel aufbiegt. Die ausgeschnittenen Buchstaben machen sie zwar nicht wesentlich leichter (oder flugtauglicher), dafür erzählen sie vom Traum, der Erdanziehungskraft zu entkommen, wobei der kleine Unterschied zwischen einem liegenden Bodenbelag und einem fliegenden Teppich tatsächlich schwerelos wird: das kleine f. Vom Licht mit dieser stählernen "Schablone" ephemer auf den Boden gemalt, hebt es doppelt ab: einerseits mit der Biegung der Platte, andererseits hebt es SICH ab. Grafisch. Vom Rest in Blockbuchstaben ("f LIEGEN").

Der kleine Unterschied according to Michael Kos: Ein f macht aus der Stahlplatte einen potenziellen fliegenden Teppich ("fLIEGEN"). 
- © Bettina Frenzel, Bildrecht

Der kleine Unterschied according to Michael Kos: Ein f macht aus der Stahlplatte einen potenziellen fliegenden Teppich ("fLIEGEN").

- © Bettina Frenzel, Bildrecht

Moment. Dieses f kommt mir irgendwie bekannt vor. Das ist trotzdem keine Schleichwerbung. Jegliche Ähnlichkeit mit dem Logo eines sozialen Netzwerks ist rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der gebürtige Villacher (Jahrgang 1963), der in Wien und im niederösterreichischen Retz lebt und arbeitet, KENNT das überhaupt nicht. "Weil ich kein Facebook-Mensch bin." Im Ernst? Er ist nicht auf Facebook? Dass seine Gedenktafel für die bedrohte und offenbar äußerst zerbrechliche Demokratie an ein mittlerweile zerstörtes Werk von Lawrence Weiner erinnert (an dessen markanten Text auf dem Flakturm, in dem das Haus des Meeres untergebracht ist), das ist dagegen KEIN Zufall. Und fraglos Absicht. Kos hat lediglich die Nacht gegen die Demokratie ausgetauscht: "Smashed to Pieces (in the Still of Democracy)."

Hat was von einem Grabstein. Andererseits steht da "Pieces" (Stücke), nicht "Peace" (Frieden). Die "abgefallenen" gewichtigen Worte rosten freilich sehr wohl in Frieden als Buchstabensalat vor sich hin. "Rust in Peace" statt "Rest in Peace". Nicht, dass der Künstler die Demokratie für tot erklären würde. Bisher ist sie ja weder an den Anti-Corona-Maßnahmen gestorben, noch haben sie büffelgehörnte Schamanen oder schlechte Wahlverlierer umbringen können. Das ist eher ein Mahnmal. Zugleich eines für ein entsorgtes anderes. Welche Ironie, dass ausgerechnet ein Mahnmal gegen das Vergessen aus dem Gedächtnis der Stadt gelöscht worden ist (der Aus-den Augen-aus-dem-Sinn-Effekt) und dass Weiners Schriftinstallation zum Gedenken ans Novemberpogrom von 1938, bei dem bekanntlich viel Glas zertrümmert worden ist, dran glauben hat müssen, weil ein Flakturm aus Beton als luftiges Glashaus maskiert worden ist.

Michael Kos gedenkt der Demokratie. Frei nach Lawrence Weiner. 
- © Bettina Frenzel, Bildrecht

Michael Kos gedenkt der Demokratie. Frei nach Lawrence Weiner.

- © Bettina Frenzel, Bildrecht

Steine brauchen keine Narkose

Ein klassischer Bildhauer (und der heißt nicht etwa so, weil er Gemälde verprügeln würde), so einer ist der Michael Kos, der beim Konzept- und Medienkünstler Peter Weibel an der Angewandten studiert hat, sowieso nicht. Wenn er einen schwerverletzten Marmorbrocken, einen Findling, wieder zusammenflickt (mit Gummischnüren), brilliert er gar als Steinchirurg. Die Wunden lädierter Steine zu nähen, ist geradezu seine Spezialität. Ein Naturheiler sozusagen. Einer, der die kaputte Natur wieder ganz macht. Okay, nachdem er selber mit der Flex auf sie losgegangen ist.

Die Diagnose Münchhausen-Stellvertretersyndrom (eine Form der Kindes- oder seltener Erwachsenenmisshandlung, wo andere krank gemacht werden, um medizinische Behandlungen zu provozieren oder sie nachher aufopfernd zu pflegen und dafür bewundert zu werden) wäre angesichts dieses über und über von Nähten übersäten 700-Kilo-Trumms durchaus naheliegend. Meine Bewunderung HAT er, der Kos (dessen Name kein Omen ist; denn "kosen" tut er seine Werkstücke NICHT). Immerhin hat er es geschafft, dass man Mitleid mit einem Stein empfindet. Beziehungsweise hat er diesen Inbegriff der Gefühllosigkeit in ein verletzliches Wesen verwandelt. In einen Märtyrer. Hat er tote Materie beseelt.

Auf dem witzigen "Beipackzettel" (eine Nähanleitung inklusive Warnhinweis für Unbefugte) gibt er den Bescheidenen. Es wäre keine besondere Leistung. Alles was man benötige, wäre ein Stein, eine Nadel und ein Faden. Nähberechtigt wären allerdings ausschließlich Künstler. So einfach ist’s aber nicht wirklich, oder? (Das Harte mit dem Weichen zu verbinden, das Spröde mit dem Elastischen.) Naturgemäß NICHT. Kos: "Allein, was man da an Bohrern verbraucht, ist schon enorm."

Ticken tut er trotzdem richtig

Zimperlich geht er auch mit dem MENSCHLICHEN Körper nicht um. Oder mit dem eines Mensch gewordenen Gottes. 19 Jesusse hat er von ihren Kreuzen abgenommen, brutal zerstückelt und neuerlich gekreuzigt, sie an das komplex verwinkelte Gerüst eines offenen Würfels geschlagen. Das kartesische Koordinatensystem aus dem Mathematikunterricht, dieses flache Kreuz aus X- und Y-Koordinate, hat das karierte Papier verlassen und erkundet, neugierig wachsend, die dritte Dimension. Der "Body Cube": eine Art Superkruzifix? Und warum musste er sie zersägen, die Holz-Corpora? "Wenn der Körper in den Raum mitgehen will, muss er anfangen, sich zu teilen, damit er in jedem Winkel anwesend sein kann." Aha. Ein simples bildhauerisches Problem. Das Verhältnis zwischen Figur und Raum hat er da also analysiert. He, und kommt "Analyse" nicht von "Auflösung", vom griechischen "análysis", weil man den Untersuchungsgegenstand in seine Bestandteile zerlegt? Und wird das Brot (der "Leib Christi") in der Bibel nicht gebrochen und geteilt?

Benebelt von der Hoffnung: Michael Kos' Büchse der Pandora (mit eingebautem Nebelgerät). 
- © Bettina Frenzel, Bildrecht

Benebelt von der Hoffnung: Michael Kos' Büchse der Pandora (mit eingebautem Nebelgerät).

- © Bettina Frenzel, Bildrecht

Womit wir bei der Psychoanalyse wären, der Zerstückelung der Psyche. Was im Kopf des Wieners mit Kärntner Migrationshintergrund vorgeht, enthüllt dann nämlich das diskret kinetische Opus "Chronisch Ich" (von "chrónos": Zeit). Oh, er besitzt gleich drei innere Uhren. Gemeinsam zeigen sie die Zeit an. Sogar die korrekte. Er tickt somit definitiv richtig. Die seelische Dreifaltigkeit (Über-Ich, Ich und Es), diese freudianische Dreier-WG zwischen den Ohren, hat er in die temporale Trinität (Stunde, Minute und Sekunde) übersetzt. Und jede Uhr hat einen einzigen Zeiger. Die Über-Ich-Uhr den trägsten, den für die Stunden, zeichnet sich die bremsende moralische Instanz doch durch ein großes Beharrungsvermögen aus. Das triebhafte Es wiederum will alles sofort, aber dalli. Das duldet keine Verzögerung bei der Befriedigung seiner Gelüste. Drum ist der dunklen Seite des Bewusstseins der hektische Sekundenzeiger zugeordnet. Und dem Ich, dem Mediator zwischen den beiden, der Zeiger, der sich mit MITTLERER Geschwindigkeit bewegt. Genial. Lesenswert: das Kleingedruckte. "ÜBER-ICH beschattet mich chronisch", "ICH bin mir nur zeitweise möglich", "ES kann mich jeden Moment überfallen".

Die Hoffnung ist nicht tot, sie ist ein Zombie

Die Hoffnung stirbt ja angeblich zuletzt. Am Ende dieser spannenden Reise durch Raum und Zeit verströmt nicht einmal die Büchse (oder vielmehr Box) der Pandora noch Zuversicht. Abgesehen davon, dass sie wie ein Steinsarkophag aussieht, ist das Nebelgerät im Innern lockdownbedingt aus, und laut (nimmer leuchtender) Neonaufschrift handelt es sich bei dem nebulosen Inhalt um nix weniger als um besagte Hoffnung. Laut griechischem Mythos waren in der Büchse ursprünglich sämtliche Übel drin (von der Arbeit über Krankheiten bis hin zum Tod – hm, ob die Arbeitslosen einen Job ebenfalls als Übel betrachten würden?), und eine gewisse Pandora hat sie alle freigelassen. Und die Hoffnung? Bevor DIE entweichen konnte, hat sie den Deckel zugemacht, die Pandora. Ach, beim Kos ist das Behältnis eh undicht. Und man kann den Nebel ja jederzeit wieder einschalten, sie wiederbeleben, die Hoffnung. (Dass sie uns als Zombie heimsucht? Oder als Buddhistin?)

Und wenn der Nietzsche recht gehabt hat und die Hoffnung ist "in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert"? Ich hoffe nicht.