Wien ist anders. Selten war das treffender als in diesem Fall: Weltweit kämpfen Kunstmessenorganisatoren darum, ob und wann Messen 2021 stattfinden können. Absagen, Hin- und Verschiebungen oder die Flucht ins Netz passieren in den Kunstmetropolen von Basel bis Buenos Aires täglich. Wien hält dagegen. Die Donaumetropole platziert 2021 gleich zwei neue Kunstmessen: die Interconti und die Spark Art Fair.

Nachdem sich der Kunstmarkt nicht wie der Phönix aus der Asche des desaströsen Corona-Jahres erheben wird, ist es wichtig, Grundbedingungen des Kunstmessejahrs 2021 darzustellen. "Wir hatten bei der Planung noch den Funken Hoffnung, dass Besucher erlaubt sein würden", sagt der Galerist und Mitinitiator der Interconti, Emanuel Layr, gegenüber der "Wiener Zeitung". Gemeinsam mit den Galeristinnen Sophie Tappeiner und Henrikke Nielsen hat er eine kühne Plattform geschaffen: Im Ballsaal des Hotel Intercontinental präsentieren 13 Galerien in Vitrinen ebenso viele Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. "Gerade in diesem Hotel, das eines der ersten internationalen Aushängeschilder nach dem Krieg gewesen ist, wollen wir den globalen Fokus auf die Kunstszene in Wien stärken", erläutert Layr das Konzept.

Aufruhr in der Szene

Die filmische Umsetzung präsentiert die Positionen, verweist mit Links auf Interviews und Preisangaben. Die streng limitierte Anzahl der Teilnehmer - von "Senioren" wie Winter und Schwarzwälder sowie der Avantgarde von Vin Vin bis Ermes Ermes - und die persönliche Auswahl der Initiatoren sorgte für Aufruhr in der Szene: "Ich verstehe die Kritik, aber wir haben die knappe Raumsituation eingehend diskutiert" unterstreicht Layr. "Letztendlich ist es darauf hinausgelaufen: absagen oder machen. Wir haben uns fürs Machen entschieden!"

Ein virtueller Rundgang über die Interconti: Der filmische Einstieg in das 1960er-Ambiente des Ballsaals mit den 13 Vitrinen vermittelt Schrecken wie aus David Lynchs "Twin Peaks" - gläserne Sarkophage als artifizieller Abgesang auf das tradierte Genre Kunstmesse. Beim Hineinzoomen in einzelne Vitrinen bleiben Positionen in Erinnerung. Wie Ernst Caramelles malerische Kleinodien bei Schwarzwälder, die beeindruckenden Masken von Matthieu Haberard bei Gianni Manhattan oder die vielschichtige Arbeit von Jenni Tischer bei Krobath. Die Interconti ist ein forderndes wie singuläres Format, aber eher filmische Dokumentation denn Kunstmesse.

"Ich bin schon Profi im Absagen von Veranstaltungen", meint Alexandra Graski-Hoffmann gegenüber der "Wiener Zeitung". Die Chefin der Art & Antique Messen in Salzburg und Wien, und der Art Vienna sah sich erst Anfang November 2020 wenige Tage vor der Eröffnung gezwungen, die Art & Antique in der Hofburg abzusagen. Ihr Credo: "Was soll’s! Einfach motiviert weiterarbeiten." Ihre Pläne für 2021: Die Art Vienna wird für Juni in der Hofburg avisiert, die Art & Antique in Salzburg hängt von den Oster-Festspielen ab, das entscheidet sich kommende Woche, aber Graski-Hoffmann hat wenig Hoffnung. Die Reisebeschränkungen sprechen dagegen. Mit Kraft plane sie indes die Sommerausgabe in Salzburg und für den November in Wien. "Im Sommer vergrößern wir unter Umständen die Teilnehmerzahl", so Graski-Hoffmann. Bis dahin wird die Website verbessert und das Online-Angebot erweitert.

"Ich bin ein Fan der Galerien", betont Renger van den Heuvel im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der ehemalige Geschäftsführer der Vienna Contemporary hat gemeinsam mit dem Pächter der Marx-Hallen, Herwig Ursin, im Dezember 2020 die Spark Art Fair ins Leben gerufen. Die neue Kunstmesse soll Anfang Mai eine Plattform für 85 heimische wie internationale Galerien mit Einzelpräsentationen bieten. "Ich habe soeben meine Gesprächsrunde mit den 30 wichtigsten Wiener Galerien abgeschlossen und das Feedback war sehr gut", erzählt Heuvel. Er gibt sich überzeugt, sowohl den Termin als auch die angekündigte Teilnehmerzahl halten zu können. Bietet er Sonderkonditionen für die erste Ausgabe? Das kann sein. Derzeit liegt der Standpreis bei 6.000 Euro für 30 Quadratmeter. Heuvel sieht die Spark nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Was irgendwie stimmt: Denn die Konkurrenz der Vienna Contemporary spielt sich auf internationaler Ebene ab.

Der September gleicht einem "Chicken Game": Neben Wien reklamieren die Art Basel, die New Yorker Armory Show, die Expo Chicago, Berlin, die Contemporary Istanbul und die Tefaf in Maastricht Slots für sich. Welche Kunstmesse weicht zuerst aus? Oder gibt’s zur Draufgabe zum Katastrophenjahr 2020 im September 2021 den ultimativen Kunstmessen-Crash? Wenn ja, dann kann der sicherlich live in den jeweiligen Online-Viewing-Rooms miterlebt werden.