"Nichts wie weg!" – Das könnte genauso gut der Slogan eines Reiseveranstalters sein. Aber abgesehen davon, dass die Reisefreiheit derzeit ziemlich eingeschränkt ist: Wo soll man denn hin? Die Pandemie ist bekanntlich überall. (Sonst wär’s ja keine.) Die Galerie Artecont am Opernring hat freilich eh nicht auf Reisebüro umgesattelt, sondern präsentiert unter diesem Titel einfach nur virenfreie, bekömmliche Bilder (und das war jetzt nicht abschätzig gemeint, im Gegenteil) in leuchtenden, stimmungsaufhellenden Farben. Gemalte Antidepressiva quasi. Und gleich auf der Einladungskarte segelt ein Schiff hoffnungsfroh durchs Sehnsuchtsblau.

Der Roman Scheidl war nämlich im Vorjahr sehr produktiv und ist offenbar außerdem ein Experte auf dem Gebiet der Weltflucht. Dabei ist er gar kein Astronaut, er ist eben Maler. (Tja, Erstere kommen zum Mond oder vielleicht irgendwann zum Mars, Letztere überallhin.) Dafür schafft er es abzuhauen, ohne fortzugehen. ("Wenn Sie malen, ist alles andere weg." Der Pinsel als Fluchthelfer.) Apropos Gehen. "Malen ist vergleichbar mit ,Zufußgehen‘ in einer vollmotorisierten Gesellschaft", hat er einmal behauptet. So gesehen ist er ein Fußgänger mit Hut. Und als solcher hält er sich als einer der wenigen strikt an die Vorgaben der österreichischen Straßenverkehrsordnung. Jedenfalls trägt "der Fußgänger" auf den Schildern, die eine Unterführung für Passanten kennzeichnen oder einen Schutzweg, besagte Kopfbedeckung. Okay, auf dem Taferl für die Fußgängerzone nicht. Ob der Scheidl den Hut immer abnimmt, bevor er eine betritt, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Verträumte Pariserin, Laxenburg und Ikebana: "Die großeSanfte" (2020) von Roman Scheidl. - © Roman Scheidl
Verträumte Pariserin, Laxenburg und Ikebana: "Die großeSanfte" (2020) von Roman Scheidl. - © Roman Scheidl

Der Pinsel macht einen Tanzkurs

Natürlich nutzt der 1949 im niederösterreichischen Leopoldsdorf geborene Künstler zur Fortbewegung nicht bloß die Füße und den Pinsel. In seinem Leben war er sowieso viel unterwegs. Und bereits seine Kindheit war von diversen Ortswechseln geprägt. Weil sein Vater Filmjournalist war. In Amsterdam war’s zum Beispiel (unter dem Eindruck der alten Meister), dass er den Entschluss gefasst hat, Maler zu werden. Mit zwölf. Theoretisch hätte er auch Musiker werden können, zumindest war er, wieder in Wien, Bassist einer Band. Von "THE ODDS". (Sänger: Willi Resetarits, mit dem er in dieselbe Klasse gegangen ist, und dessen Bruder Lukas, der spätere Kabarettist. 2019 ist die alte Partie in der Wiener Stadthalle übrigens noch einmal zusammengekommen.)

Trotzdem hat er an der Akademie der bildenden Künste studiert, freilich Grafik, hat sogar als 27-Jähriger eine Einzelausstellung in der Albertina gehabt (unter dem eher destruktiven Titel "Hauseinsturz – Niedergang einer Hochkultur"), hat sich dann wieder mehr der Malerei zugewandt, war in Paris, der Schweiz, New York, Japan, hat Museen "auswendig gelernt". Und sein Pinsel hat Tanzunterricht genommen, hat die rhythmischen Bewegungen der – menschlichen – Tänzer bei Proben und Aufführungen mit dynamischen, schwungvollen Tuschestrichen eingefangen, war mit seinen Live-Zeichnungen Teil des multimedialen TAMAMU-Ensembles (TAMAMU: Tanz, Malerei, Musik).

Dass auf den frischen Bildern Reisebekanntschaften von früher auftauchen und zu Weltfluchtbegleitern und -begleiterinnen werden – die Sanfte, die Dame mit Hut (alle drei aus Paris, nämlich Sanfte, Dame und Hut), behütete Wanderer, die sogenannten Freiheiten . . . –, das liegt aber nicht etwa an Corona und an der Schwierigkeit, neue Motive kennenzulernen. (Stichwort "Social Distancing".) Das hat er schon vorher so gemacht, der Scheidl. Alles vermischt. Zu neuen Abenteuern. Seine Malerei ist definitiv ein Einwanderungsland. Osten und Westen, zusammen ist’s am besten: "Die Große Sanfte", den Kopf verträumt auf die Knie gebettet, sitzt nimmer im Jardin du Luxembourg, sondern vor einem satten Gelb, das den Schlosspark von Laxenburg (Scheidl: "mein Kindheitsgarten") gefressen und als chinesische Landschaft wieder ausgespuckt hat. Und neben einer japanischen Blütenmeditation im Ikebana-Stil.

Oranger wird's nimmer: Dem Roman Scheidl sind 2005 die"Freiheiten über dem Wiener Prater" erschienen. - © Roman Scheidl
Oranger wird's nimmer: Dem Roman Scheidl sind 2005 die"Freiheiten über dem Wiener Prater" erschienen. - © Roman Scheidl

Wo ist die fünfte Freiheit hin? Verreist?

Nicht, dass das Virus an den bewährten Motiven spurlos vorübergegangen wäre, dass es also keine Brisanz hätte, wenn die Freiheit höchstpersönlich im prächtig aufblühenden Frühling in die unendlichkeitsblaue Weite springt. Beziehungsweise EINE Freiheit. Es gibt schließlich fünf davon im weltoffenen, multikulturellen Scheidlversum (schwerelos tänzelnde Figuren), und die stehen jedem Menschen laut einer asiatischen Überlieferung zu: erstens, dass man geboren wurde, zweitens denken kann, drittens handelt, viertens die Liebe und fünftens der Tod. Und welche hüpft nun in die Zukunft? (Die Reisefreiheit kann’s NICHT sein. An die haben die Chinesen anscheinend nicht gedacht.)

Und wenn VIER dieser allegorischen Freiheitstänzer über der "alten Normalität" schweben, über dem Prater (am Horizont skizzenhaft angedeutet: Riesenrad und Achterbahn), KANN man praktisch nicht anders, als dieses herbstlich orange lodernde Opus mit Nostalgie zu betrachten, obwohl die Wehmut vermutlich nicht ins Kraft-Orange hineingemischt worden ist, stammt das Gemälde doch immerhin aus dem Jahr 15 v. Cor. (2005 nach der ALTEN Zeitrechnung). Frühere Arbeiten sind nämlich ergänzend zu den aktuellen dazugehängt.

Vielschichtig. Und dass das mit den vielen Schichten nicht gelogen ist, davon kann man sich eigenäugig überzeugen. (Ab nächster Woche wieder in der Galerie, und bis dahin muss man sich eben auf der Homepage – www.artecont.at – mit der Lupe begnügen, zu der der Cursor wird, sobald man mit ihm über ein hochgeladenes Bild drüberfährt.)

Noch immer nicht gelöst: das Rätsel, das diese"Sphinx" von Roman Scheidl dem Betrachter seit 1981 aufgibt. - © Roman Scheidl
Noch immer nicht gelöst: das Rätsel, das diese"Sphinx" von Roman Scheidl dem Betrachter seit 1981 aufgibt. - © Roman Scheidl

Besser in die Hölle als gar nirgends hin

Palimpsestartige "Durchbruchsbilder" lassen einen fast schon demonstrativ in die Tiefe blicken, in die Vergangenheit. Körper werden zum Ornament, überziehen das Dahinter als Tapetenmuster, ver- oder enthüllen das, was zuerst da war. Noch weiter zurück geht die Zeitreise mit der "Sphinx" (Scheidl: "Meine damalige Freundin, die mir so rätselhaft erschienen ist."). Das älteste Exponat in der Schau entführt einen gar ins Jahr 39 v. Cor. (1981). Ins geradezu symbolistische Frühwerk. Das Porträt einer mysteriösen Kühlgesichtigen, die mit einer Landschaft bekleidet ist und inmitten einer punkigen New-Wave-Palette vor Brueghels babylonischem Turm posiert. Inzwischen sind Scheidls Bildwelten zugänglicher, ohne aber gleich sämtliche Geheimnisse preiszugeben. Manchen sind sie ZU zugänglich. Und zu eskapistisch. Für die ist er ein "Märchenerzähler".

Wobei: So harmlos SIND Märchen überhaupt nicht. Es gibt kaum grausamere Geschichten. Kleine Mädchen und ihre Großmütter werden von Wölfen gefressen, Eltern setzen aus finanzieller Not ihre Kinder im Wald aus, wo eine kannibalische Hexe wohnt, böse Stiefmütter sind zu ihren eigenen Töchtern auch nicht liebevoller, nötigen sie, sich einen Fuß zu verstümmeln und ihn in einen mörderisch kleinen Pumps zu zwängen, damit ein royaler Schuhfetischist sie heiratet und sie Karriere als Prinzessin machen, und Tierquälereien sind an der Tagesordnung. Andererseits: Dem Frosch, der bei den Gebrüdern Grimm nicht geküsst, sondern brutal gegen die Schlafzimmerwand geschleudert wird, der dürfte ohnedies ein Masochist sein. Hätte ihn sonst das dominante Verhalten seiner zickigen Bettgenossin erlöst? Und kann man Scheidls "Walking and Falling II" nicht ebenso als Höllensturz interpretieren? Die Verdammten, die in den feurigen Pfuhl purzeln? Ins hitzige Rot?

Vorkoster für die Malerei

Ach, im Endeffekt kommt’s eh nicht darauf an, wie viele Blumen man zählt, sondern auf die Malerei. Und die ist überaus sinnlich. Ein offensives Kolorit, und die schwarze Linie gibt der Farbe souverän Kontur.

"Die Ölfarbe ist die Königin der Malerei", meint Scheidl. Und zu der, zur Ölmalerei, hat er zweifellos ein intimes Verhältnis. Was die Grundierung betrifft, ist er ein regelrechter Feinschmecker, ein Vorkoster. "Man steckt den Finger rein und dann weiß man’s." WAS weiß man? Na ja, ob alles in Ordnung mit ihr ist, mit der Grundierung. Wenn dem so ist, soll sie nämlich einen "feinen Geschmack" haben. Aha, und wenn nicht? "Ist er leicht säuerlich." Ein Bildergrapscher ist er noch dazu, der Scheidl. Während er zärtlich seine Dame mit Hut streichelt: "Wenn ich das im Museum mache, krieg ich immer Probleme." (Moment: Immer? Das tut er öfter?)

Die Signatur lässt sich von dieser Leidenschaft allerdings NIX mehr anmerken: "SCHEIDL." In braven Blockbuchstaben. ("Ich mach’s halt wie ein Gymnasiast. Ein Drittklässler.") Die Buchrücken im abgemalten Bücherregal ("Bücher eines Freundes") hat der Verfasser eines mittlerweile 45-bändigen Tagebuchs ("Wenn ich reise, dann ist das Tagebuch mein Atelier.") eindeutig heißblütiger beschriftet. (Malevich, Palermo, Klee, Imper-, nein: Jasper . . .) Gut, dafür kann man SEINEN Namen auf Anhieb lesen. Nicht, dass man sonst nicht wüsste, von wem das Bild ist.

"Und das kriegen Sie noch als echtes Original." Eine OP-Maske? (Mit einer flotten Tuschezeichnung drauf.) Das WAR’S mit der Weltflucht. Zurück in die Realität.