Jetzt hat die ihre Galerie schon wieder komplett umgebaut, die Michaela Stock. ("Damit dem Besucher nicht fad wird.") Andere Galeristinnen wechseln alle paar Wochen die AUSSTELLUNG, sie aber gleich die ganzen Wände. (Das ist ja radikaler als im Supermarkt, wo sie wenigstens die Regale am gewohnten Platz stehen lassen, wenn sie wieder einmal alles umräumen und das Sortiment vor den Kunden verstecken.) Sogar einen Parkettboden hat sie verlegen lassen.

Okay, die Räumlichkeiten existieren lediglich in der Virtual Reality (genau hier: https://artspaces.kunstmatrix.com/), und wenn die alten nimmer passen (zu den Exponaten, die immerhin "echt" sind, jedenfalls die Originale, die sich in der "richtigen" Welt aufhalten), dann sucht man sich halt kurzerhand was Neues aus. Eigentlich gehört auch ein physisch BETRETBARER Bereich zum Konzept des "Salon Real/Virtual", einer Galerie, die zwischen den Realitäten hin- und herswitcht wie die berühmteste multiple Persönlichkeit der Weltliteratur zwischen Gut und Böse, zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hyde (nur dass im Falle der multiplen Galerie meist BEIDES gut ist). Der "Salon Real": ein gemütliches Art-déco-Wohnzimmer für Kamingespräche und ausgewählte Kunstwerke. Doch: Lockdown, "Salon Real" zu. Drum hat man das, was dort zu sehen gewesen wäre, lieber nichtinvasiv (also ohne einen Nagel einschlagen zu müssen) ebenfalls an virtuelle Wände gehängt.

Ordnung ist konzentriertes Chaos

Die klaren, grauen Räume des "Salon Virtual" (ohne Fenster, dafür mit Oberlicht) sind die perfekte dramatische Bühne für den Herrn der Linien. Oder der Lini-e. Singular. Pro Blatt kommt er schließlich mit einer einzigen aus. Seine Oneline-Zeichnungen ("oneline", wohlgemerkt, nicht zu verwechseln mit "online") sind trotzdem alles andere als minimalistisch. Nämlich erstaunlich reichhaltig und dicht, um nicht zu sagen: maximal. (Gemessen daran, dass der Dario Krljes das alles eben aus einer singulären Tintenspur herausholt.) Mroneline ist quasi der Mr. Hyde dieses in Wien lebenden Architekten aus Bosnien. Sein zeichnendes Alter Ego. Und das lässt gewissermaßen die Sau raus: die Hyde-Sau.

Alle für eine, eine Linie für alle: Ein-Linien-Zeichnung von Mroneline (frei nach Antoni Gaudí). - © Galerie Michaela Stock, Mroneline/Dario Krljes
Alle für eine, eine Linie für alle: Ein-Linien-Zeichnung von Mroneline (frei nach Antoni Gaudí). - © Galerie Michaela Stock, Mroneline/Dario Krljes

Klassische Architektenzeichnungen darf man sich zumindest KEINE erwarten. Grund- und Aufrisse, Ansichten und Schnitte. Keine funktionale, technische Strenge. Nix mit dem Lineal Gezogenes. Vielmehr wildes Gekritzel. (Weiße Tinte auf schwarzem Papier, das Negativ der Tradition, bei der es bekanntlich umgekehrt ist: Schwarz auf Weiß.) Ein Linien-Knäuel, in dem sich wundersamerweise eine erkennbare Form verheddert. Das Chaos konzentriert sich auf die Ordnung. Weißes Rauschen, das sich zu einem Motiv verdeutlicht. Und zu welchem? Immer zu einem Zitat mit Architekturbezug im weitesten Sinne. Schein- und Unscheinbares aus Innen- und Außenarchitektur. Vom baulichen Detail über Skulpturales von grenzgängerischen Architekten bis hin zum kryptisch gemusterten Designerteppich von Eileen Gray.

Die Kamine, die als steinerne Krieger aus der begehbaren Dachlandschaft von Antoni Gaudís Casa Milà wachsen, entmaterialisieren sich, werden zu Hausgespenstern, zu geisterhaften Wächtern, die Eidechse aus dem Park Güell desselben Architekten hat ihre bunte Mosaik-Haut abgestreift. Weil Krljes in Barcelona seine Schulzeit verbracht hat, ist er mit Gaudís unverwechselbarer, organischer Formensprache natürlich vertraut. Genauso wie mit dem Weniger-ist-mehr eines Mies van der Rohe, dessen Barcelona-Pavillon er freilich diskret ignoriert, bloß indirekt zitiert, indem er die Bronze im Wasserbecken davor hingebungsvollst bemerkt. (Georg Kolbes "Der Morgen", ein Frauenakt mit ausgeprägter Gestik.)

Mama, Papa, Onkeln und Tanten der Moderne

Persönliche Geschichte mischt sich mit der kollektiven. Die spitz aus der Erde ragenden Kegel im Gedenkpark Dudik in Vukovar für die Opfer des Faschismus (ein markantes Monument des später gleichfalls nach Wien ausgewanderten serbischen Baukünstlers und Essayisten Bogdan Bogdanovic) grüßen mahnend aus der Vergangenheit und aus Krljes‘ erster Heimat Jugoslawien. Und die Stalagtiten? Wer hätte gedacht, dass die von Zaha Hadid sind? (Eine raumintensive Skulptur, die nicht von unten, vom Boden, nach oben strebt, sondern von oben, vom Plafond, nach unten.) Und von wem ist die schlichte Sitzbank im virtuellen Salon? Sollte man das Möbel kennen? Keine Ahnung. Die war bereits drin. Die IST kein Ausstellungsstück. Auf der kann sich höchstens der Blick beim virtuellen Rundgang kurz ausruhen.

Im zweiten Raum: eine Ahnengalerie. (Die Ausstellung heißt ja "DNA der Architektur". DNA: wie die Trägerin der Erbinformation. Nicht, dass Bausünden Erbsünden wären.) Die Mütter und Väter des modernen Bauens, des Erbes der wohnenden Menschheit. Die Gesichter zu den Vorlagen der Zeichnungen von nebenan und noch mehr Porträts. Diesmal digital entstanden und geordneter, rationaler. Das Auge kann der einsamen Linie noch bequem folgen. Neben Pionieren und kanonisierten Größen wie Gaudí, van der Rohe oder Le Corbusier: balkanstämmige Architekten wie Ivan Straus oder Sead Golos. Und weil die Architektur zwar weiblich ist (Architektur, die), allerdings nach wie vor männlich dominiert, muss man die Namen der Architekt-innen (und Designer-innen) öfter in Erinnerung rufen als die ihrer männlichen Kollegen. Norma Merrick Sklarek zum Beispiel, die erste Afroamerikanerin, die in den USA eine Zulassung als Architektin erhalten hat. Oder Ray Eames, die meist nur im Doppelpack mit ihrem Mann genannt wird (Charles & Ray Eames). Mroneline muss ein Feminist sein, denn auf den Charles hat er "vergessen".

Virtuelle Ahnengalerie: Antoni Gaudí, Sead Golos, Mies van der Rohe und Eileen Gray. Digitale Porträts von Mroneline. (Und ganz links: die ominöse graue Wand.) - © Galerie Michaela Stock, Mroneline/Dario Krljes
Virtuelle Ahnengalerie: Antoni Gaudí, Sead Golos, Mies van der Rohe und Eileen Gray. Digitale Porträts von Mroneline. (Und ganz links: die ominöse graue Wand.) - © Galerie Michaela Stock, Mroneline/Dario Krljes

Das Geheimnis der grauen Wand

Und was hat es mit dieser grauen Wand auf sich, die mit ihrer erdrückenden Leere provoziert, wie sie mit ihrer wuchtigen Unauffälligkeit zugleich beeindruckt? In der Werkliste ist dieses mysteriöse Opus ("grau", 150 mal 200 Zentimeter) ohne Preis aufgeführt. Ist demnach unverkäuflich. Grau, die Farbe des Kompromisses (zwischen den Extremen Schwarz und Weiß), des Durchschnitts, der Langeweile. Der graue Mittelweg. Na ja, Dario Krljes ist Architekt. So einer ERRICHTET Wände (die am Ende von niemandem sonderlich beachtet werden – weil alle bloß auf die Bilder schauen, die davor hängen). Runter mit den Bildern! Freie Sicht auf die Wand!

Ein ironisches Denkmal, das er sich augenzwinkernd selbst gesetzt hat? Nicht wirklich. Die Galeristin war von einer Türöffnung in diesem virtuellen Raum irritiert, die in ein blendend weißes Nichts, ins Nirwana, geführt hat. Michaela Stock: "Du siehst eine offene Tür, und wenn du dann reingehst, bist du verloren und befindest dich außerhalb der Matrix. Da hab ich einfach eine graue Wand hochgeladen und vor diese Tür gestellt." Nein, ich bin KEINE schlechte Kunstkritikerin, die nix von Kunst versteht. Die graue Wand ist schlichtweg ein geniales Kunstwerk, ohne Kunst zu sein.