Die Ungeduld aller im Lockdown kann ein Thema für Künstler sein. Insbesondere Jürgen Klauke, Deutschlands wohl bekanntester performativer Fotograf mit langen Beziehungen zu Wien, vor allem über logische Sprachspiele Ludwig Wittgensteins und Aktionsfotografie in der Art seiner früh transgendernden Kollegin Renate Bertl-
mann, gräbt aus seiner Vergangenheit für uns erfrischend Schwarzhumoriges aus: Seine Fotoserien "Formalisierung der Langeweile" empfehlen die Liebe zum Philosophieren über das Nichts und den Ennui. Dazu passt Helmut Qualtingers Liedtext von 1957, "Weil mir so fad ist", wie die wienerischen Todessehnsuchtsgefilde nach Sigmund Freud.

Aktuell erinnerte uns der eine weiße Wand mit Revolver bedrohende schwarze Mann aus einer dreiteiligen Bildserie an Absurditäten wie die während des ersten Lockdowns geöffneten Waffengeschäfte im Land, die angeblich für Jäger lebensnotwendig waren. Künstler standen dem "Tiefsinn von schlechtem Geschmack" (der Philosoph Emile Michel Cioran über die Langeweile) als Kippeffekt zur Hysterie immer schon nahe. Dementsprechend hat Elisabeth Bronfen Klaukes Werk mit der Parallele Langeweile und Sigmund Freuds Krankheitsbild Hysterie verknüpft.

Der gute Ennui

In Wien heißt die lange Weile immer noch Fadesse, ganz im höfischen Französisch, seit Erzherzogin Maria Theresia das Licht der Aufklärung uns nicht nur mit den ersten Pockenimpfungen zugutekommen ließ.

Den Ennui (vulgärlateinisch und französisch: die Langeweile) wählt Klauke als Thema zum Schwarz der Kamera und zeichnerischen Schwarz-Weiß-Kontrast "Entlang der Cioran Linien". Das sind keine Nervenlinien wie bei Oskar Kokoschka oder Edvard Munch, auch weit entfernt von der esoterischen Aura um die Patienten Franz Anton Mesmers im Barock. Angesichts der seit der Prähistorie kultverdächtigen Hacke auf dem Foto, ist auch Günter Brus nur noch ein kunsthistorisches Zitat. Schall und Rauch ist aber vor allem die männliche Geschlechtsidentität, die durch zwanghaft übertriebene Handlung lächerlich gemacht wird. Dieses Schießen ist ironisches Spiel, die boshafte Folge aber der Tod jedes Begehrens.

"Formalisierung der Langeweile" entstand 1980/81 als Serien und Fototableaus nach Jahren der exzessiven Lebensweise, wobei Klauke in einem Interview erzählte, wie er, nach Internat und Familienzwängen, das volle Leben zum Übergenuss steigerte und einen Nullpunkt erreichte. Dabei kam die Langeweile durch enttabuisierte Sexualität ins Spiel. Dem gesteigerten Interesse am Anderen und Fremden folgten groteske Transgender-Antworten auf ein normal gepriesenes, aber immer absurder werdendes Dasein.

Langeweile führt auch aktuell im besten Fall zu spöttischen Ich-Auflösungen, zum schönen Scheitern und zur Philosophie des Sinnlosen. Sie killt nebenbei Saturiertheit und Konsum, aber auch den pathetischen Ernst der Verschwörungstheorien. Deshalb ist sie so bekömmlich.

Aus einem "Quäntchen Nichts", der existenziellen Schwärze und Leere der quälenden Langeweile entsteht etwas Neues. Der schöpferische Impetus war schon Königsweg in der schwarzen Romantik und lag in der von Martin Heidegger und Emile Michel Cioran propagierten absoluten, leidenschaftslosen Langeweile ohne äußeren und inneren Anlass. Christlich als das Laster Acedia verworfen, stirbt nach Friedrich Nietzsche auch die Gottesfrage nach einer sinnvollen Lebensgestaltung.

Nachdem Cioran Gott das "Nichts als Tröster" nannte, konnte die Langeweile nach 1970 in ihrer reinen Form vorbildlich werden. Für diesen Philosophen ist der Ennui das Hauptproblem des modernen Menschen. Er war ein Gescheiterter, der seine frühen Sympathien für die "Eiserne Garde" in Rumänien, seine Huldigungen an Hitlers und Mussolini, nach 1945 verwarf und Verzweiflung und Leid des Menschen in sarkastischer Selbstanalyse in den Vordergrund rückte. Er mischte durch seine nächtliche Philosophie mit "Die verfehlte Schöpfung", "Vom Nachteil, geboren zu sein" oder den "Syllogismen der Bitterkeit" die junge Szene in Paris 1968 auf.

Die Königin der Affekte

Schwarz als "schwerer Stoff" in Klaukes großen nächtlichen Fotozyklen verbindet sein bewaffnetes Alter Ego an der Wand mit dem extremen Skeptizismus des Existenzialisten Cioran: "Kann es sein, dass unsere Existenz unser Exil ist und das Nichts unsere Heimat?", oder: "Das ganze Geheimnis des Lebens läuft darauf hinaus, dass es keinerlei Sinn hat; dass aber jeder von uns dennoch einen ausfindig macht!", klingt wie eine Sprachparallele zu den Fotoarbeiten. Der Ennui steht als Faktor der Freiheit bis heute sinnvoll gegen Marktanpassung, Mainstream, Event und Sensationsgier. Das Selbst als "Attraktor", der nicht identisch ist mit der Person Jürgen Klauke, hinterlässt in seinem Pistolen-Hacker-Angriff auf das Nichts eine bloße Reibungsspur, bevor er implodieren wird. Der Künstler ist heute, nach Giorgio Agamben, "Der Mensch ohne Inhalt", ein in Rhythmen getriebener und stolpernder Tänzer im Raum, in dem Kalkül und Spiel eins werden: Das poetische Ich kreist in seiner Negation als Doppelgänger (Double) nur noch taumelnd um sich selbst.

Die destruktive Stellung des modernen Künstlers erkannte schon Charles Baudelaire, doch ist Ennui eine Stimmung, kein Gefühl, und Ciorans Skepsis über jede Gelegenheitsmetaphysik weist auf das Widersprüchliche. Klauke nutzt affektive Phänomene, die in einem Zustand der Affektlosigkeit passieren. Sehr präsente Körper zeigen durch absolute Langeweile ihr Verschwinden wegen der Abwesenheit von Begierden. Die Fotozyklen "Formalisierung der Langeweile" sind auch ein Abschied von trügerischem "Informationsschrott und Bildersalat" im Dauerangebot der Spaßgesellschaft, die uns bis heute kollektive Frustrationen beschert.

Da der Wille zum künstlerischen Arbeiten prinzipiell gegen die Langeweile gerichtet ist, zudem der indifferente Ennui ein thematischer Auslöser ist, bildet die Kunst Klaukes eine Art Kurzschluss im Schaltkreis. Der Philosoph Philipp Wünscher macht Klauke 2011 in "Die Entdeckung der Langeweile" zum Helden des Wiederholungszwangs. So wird die Langeweile zur "Königin der Affekte". Nach Samuel Beckett ist sie ohnehin die letzte Provokation, die es schafft, die Trivialität des Lebens zu transzendieren.

Da steigt der Ennui als Faszination am matten Abglanz des Bösen (Schießen auf den Betrachter, sich selbst, die Wand) auf. Ein Mangel an Intensität wird intensiv vorgeführt. Kunst ist keine Weltdeutung mehr, sondern blickt auf den Sinn des Nichts. Das erzeugt keinen deprimierten Zustand, sondern Poesie. Der Ennui gibt uns Halt. Er ist vielleicht sogar sublimierter Ersatz für die Liebe auf der Gefühlsebene.

Auch wenn der "Nachtkönig" im Barock Spitzname für den Latrinenleerer war, wurde dieser Titel Klauke von seinen Kölner Kollegen verliehen. Seine frivolen Spiele mit der Langeweile lassen Fragen offen. "Alles planscht im Nichts. Und das Nichts ins sich selbst", gab Cioran gedanklich vor. Klauke folgert: "Ich las und schaute bei den anderen Geistern nach, was sie dazu schon gemurmelt hatten, und kam zu dem Schluss, dass man dem Thema nur mit leiser Ironie, absoluter Strenge und schallendem Gelächter näherkommen kann."