Die Zeitungen schrieben in Wien und Prag vom nötigen Maskentragen und von geschlossenen Theatern, die leichter zu verkraften seien als die Einstellung des Straßenbahnbetriebs. Kommt uns bekannt vor, stammt aber aus dem Jahr 1918, als die Spanische Grippe sich in Europa ausbreitete und Millionen Opfer forderte. In den 100 Jahren seit diesem Ereignis haben wir verlernt, über Maske, Quarantäne und Sperrmaßnahmen ganzer Stadtviertel nachzudenken. In der Kaiserlichen Wagenburg kann ab dieser Woche wieder die spannend zusammengestellte Schau "Coronas Ahnen" besichtigt werden. Nebeneffekt punktgenauer historischer Recherche ist die Erfahrung, dass unsere Angst früher ständig herrschte, aber auch die Vorurteile gegenüber Gesundheitsmaßnahmen ähnliche waren.

Der Sammelbestand von höfischen Kutschen, auch den wegen Ansteckungsgefahr konstruierten prunkvollen Leichenwagen, zugehörige Galauniformen und Trauerkleider des Hofes sowie der Beamten des Ministeriums für Volksgesundheit, wurde von Monica Kurzel-Runtscheiner bereichert um Dokumente, aber auch Gemälde und Grafik, die rund um die vier großen Seuchen Pest, Pocken, Cholera und die Spanische Grippe vieles berichten, was uns heute wieder bewegt.

Pest und Panik

Den Auftakt machen die Masken in ihrer Vielfalt vom Turnier über Bälle zur Faschingszeit, von der umstrittenen Vermummung bis zum Schutz vor Seuchen. Schon in Zeiten der Pest wusste man einiges an medizinischen Maßnahmen wie das Ausräuchern, das den übertragenden Flöhen zusetzte, wenn auch die sieben Pestwellen, die Wien überrollten, eher durch göttlichen Beistand oder den Bau von Pestsäule und der Karlskirche weggebetet wurden. Bilder von Pestheiligen, einer tanzenden Erzherzogin mit Maske, Grafiken von Giuseppe Galli Bibiena oder Lodovico Ottavio Burnacinis Zeichnungen aus den Pestspitälern und Zeltlagern am Stadtrand zeigen recht deutlich, wie panisch auch die Barockzeit auf den schwarzen Tod reagierte.

Schwarz ist auch das Trauerkleid von Kaiserin Elisabeth um 1880, das über eine weltweit einmalige Kombination aus Spitzenhaube samt Schleier und Maske verfügt, wohl weniger Seuchenprävention als persönliche Körper- und Gesichtsverhüllung. Der Weg der Besucher entlang der Prunkwagen vermag auch daran zu erinnern, dass keine der vier Seuchen an den Grenzen haltmachte. Sie verbreiteten sich zwar etwas langsamer in damaliger Reisegeschwindigkeit, aber verschont blieb Wien in Zeiten Maria Theresias auch nicht vor der aus Asien kommenden Pockenepidemie.

Die Erzherzogin griff, nachdem sie selbst erkrankt war, eine Tochter völlig von den Narben entstellt und eine zweite verstorben war, zu einer umstrittenen modernen Maßnahme: In England hatte Edward Jenner 1796 eine erste Impfung entwickelt, im Jahr 1810 ist noch von großen Vorurteilen gegen die Schutzimpfung in Wien zu lesen, doch es wurde bereits ab dem 9. Lebensmonat jeder "mit den Kuhpocken eingeimpft" - für die Genesung der robusten Kaiserin gab es davor eine goldene Gedenkmünze.

Der Dämon Cholera

Medizinische Tabellen, Verordnungen und Impfzeugnisse ergänzen neben Filmen, auch Karikaturen, die bereits die Choleramaßnahmen und fehlende Hygiene der Großstadt Wien betreffen. Die Allegorie einer knieenden Austria, die von oben göttlich belichtet über einen nächtlichen, weiblichen, einer Fledermaus ähnlichen Choleradämon siegt, der feuerroten Gifthauch versprüht, vermag romantischen Symbolismus auch auf das Plakat der Schau zu zaubern. Die historischen Sprüche am Boden sprechen von geringen Kapazitäten der Spitäler, Angst vor Unruhen durch viele Verschwörungstheorien, sowie Schließungen der Vergnügungseinrichtungen.

1918 gab es bereits ätzende Kritik am Gesundheitsministerium ("... scheint nur zu funktionieren, wenn alles gesund ist ..."). Auch mit den fremdenfeindlichen Husarenmasken wird hier erinnert, dass die Suche nach Schuldigen sinnlos ist.

Eine so inspirierte Schau, in so kurzer Zeit erstellt und dennoch so viele Ebenen beleuchtend, zeigt das KHM fern von dem so gern geäußerten Vorurteil, ein kaum beweglicher Kultur-Tanker zu sein.