He, kennen wir uns nicht von irgendwoher? Aus einem Museum möglicherweise? Die Frage ist durchaus berechtigt. (Und kein billiger Anmachspruch, denn dann würde man, zumindest wenn man ein Mann wäre, ja so etwas sagen wie: "Sind deine Eltern Terroristen? Weil du bist scharf wie eine Bombe.") Antwort darf man sich halt KEINE erwarten. Zumal Bilder schlichtweg nicht reden können. Selbst wenn ihnen allen ein Mund gemalt worden ist, weil es sich hier um lauter Porträts handelt.

Frappierend, diese Ähnlichkeit mit den Werken der alten Meister. Dabei ist die Galerie Sturm & Schober doch auf ZEITGENÖSSISCHE Kunst spezialisiert. Mary A. Waters ist aber eh eine Zeitgenossin (und noch dazu eine Meister-in). Allerdings eine, die sich ihre Modelle ungeniert in der Kunstgeschichte "aufreißt". Bevorzugt welche aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Spanische Prinzessinnen, italienische Prinzen, französische Könige, die Geliebte eines deutschen Malers. Irgendwas STIMMT mit denen freilich nicht. Jedenfalls haben sie sich verändert. Ein bissl. Oder ein bissl MEHR. Haben zum Beispiel ihre Farbe verloren, sind plötzlich schwarzweiß (nicht, dass Schwarz und Weiß KEINE Farben wären, bloß weil sie unbunt sind), und lediglich der Schmuck blitzt golden aus dem Grau-in-Grau heraus wie in einer Juwelierwerbung.

Sind die Europäer zu blass für ihre Kunst?

Andere haben dafür Farbe GEKRIEGT. Sind regelrecht braungebrannt. Als wären sie auf den Malediven auf Urlaub gewesen. Oder eigentlich geht das fast schon in Richtung Blackfacing. Und ist das nicht mittlerweile politisch mehr als unkorrekt? Andererseits: Blassen, privilegierten (und imperialistischen) Europäern, die edle Herrscherroben anhaben, kurzerhand den Teint der von ihnen Versklavten und Kolonialisierten zu verpassen, ist natürlich böse, sehr böse, aber gut. (Nicht nur gut GEMALT. Mit unglaublicher Detailgenauigkeit. Zwischen sinnlicher Stofflichkeit und beinah penetranter Perfektion. Der Glanz des Goldes, der Seide, der Augen, die samtige Weichheit der Haut . . .)

Die "weiße" Kunstgeschichte von der Renaissance bis zum Klassizismus quasi umzufärben, sorgt definitiv für Irritation. Und warum hat die irische Malerin nicht einfach einer Infantin einen "Black Lives Matter"-Button angeheftet? Vermutlich weil das banal gewesen wäre und außerdem zu kurz gegriffen hätte. Die kulturelle Identität hängt schließlich nicht unbedingt allein mit der Hautfarbe zusammen. 1957 in London geboren, ist Mary A. Waters, die heute im irischen Galway und niederländischen Utrecht arbeitet, in Irland aufgewachsen, auf einer armen Insel, wo ihr die sogenannte westliche Kunst immer in gewisser Weise fremd war, eine Kunst der "anderen", von außerhalb, und tatsächlich hat sie die Meisterwerke, die sie sich jetzt geradezu manisch aneignet, vor allem durch Abbildungen in Büchern kennengelernt und nicht leibhaftig im Museum getroffen.

Und diese Fremdheit lässt sie nun den Betrachter ihrer Bilder ebenfalls spüren, in denen sie Alt und Neu mehr oder weniger subtil amalgamiert, moderne Techniken mit altmeisterlicher Malerei verschmilzt, indem sie das Sujet zunächst am Computer digital komponiert und nachher auf der Leinwand rückübersetzt in analoge Pinselarbeit. Sollte Walter Benjamin 1935 in seinem legendären Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" also recht gehabt haben mit seiner Behauptung, das massenhaft reproduzierte Opus verliere seine Aura, dann hat Waters ihm, dem vervielfältigten Werk, eine frische gemalt. Ich hab sie jedenfalls gesehen, die Aura. Beziehungsweise hat die Irin die Reproduktion wieder in ein Original verwandelt. IHR Original.

Dem Martin Luther seiner Frau ihr Gesicht

"I paint because I want to own these images!" (Ich male, weil ich diese Bilder besitzen möchte), notiert die Künstlerin auf ihrer Homepage (unter der Überschrift "Eating the Image" – offenbar hat sie die alten Schinken zum Fressen gern). Da die musealen Stücke logischerweise unverkäuflich sind (und sowieso unerschwinglich wären), muss sie sich diese folglich notgedrungen mit IHREM Besteck einverleiben: mit dem Pinsel. Ohne sie geistlos und stur zu kopieren.

Katharina von Bora hat sie vergleichsweise minimal "verfälscht". Hat sie gespiegelt (fällt praktisch nicht auf) und die klare, scharfe Schwarz-Weiß-Ästhetik des Gewands auf den Rest des Gemäldes von Lucas Cranach dem Älteren ausgedehnt. Katharina wer? Ja, ihr Mann war vielleicht berühmter als sie, der hat immerhin die am weitesten verbreitete Weltreligion reformiert (das Patriarchat? Falsch, das Christentum!) und eine neue Kirche gegründet (die protestantische), doch nach Martin Luthers Frau sind GENAUSO Kirchen, Schulen und Straßen benannt. Abgesehen von der Sonderbriefmarke noch aus Mark-und-Pfennig-Tagen. (Auch wenn es wahrscheinlich nicht die feine Art ist, eine Dame auf der Rückseite abzulecken.)

Infantin mit viel Farbe: "Girl with Blue Cat" von Mary A. Waters. 
- © Galerie Sturm & Schober

Infantin mit viel Farbe: "Girl with Blue Cat" von Mary A. Waters.

- © Galerie Sturm & Schober

Die Infantin Isabella Clara Eugenia von Spanien, Tochter Philipps II. von Habsburg, hat Waters aber gleich komplett umgezogen wie eine Barbiepuppe. Statt einem schwarzen Kleid (und heller Haut) trägt diese nunmehr ein WEISSES (und DUNKLE Haut, ist auf einmal eine Afrospanierin), und ihr Äffchen (ein Weißbüschelaffe vulgo Pinselohräffchen) hat sie gegen eine "abstrakte" Katze ausgetauscht. Wobei: Der Umriss des weniger exotischen Haustiers ist eh realistisch, innerhalb der Kontur ist es allerdings eine hellblaue monochrome Fläche. (Und Katzen sind weder blau noch flach.) Solche abrupten Stilbrüche und abstrakten Distanzierungen von der gegenständlichen Malerei (ein Farbbalken am unteren Bildrand, Attribute als schablonenhafte Leerstellen) kommen als Verfremdungseffekte nämlich manchmal noch hinzu. Von Rubens ist die Bildvorlage nicht, oder? SELBSTVERSTÄNDLICH nicht. Der war erst viel später, als die Infantin längst erwachsen war, ihr Hofmaler. Alonso Sánchez Coello war der, der den Pinsel geschwungen hat. (Wer?)

Mit sich selbst zu zweit

Ist er's oder ist er's nicht, der Ludwig XV.? Nicht mehr, seit ihn Mary A. Waters gemalt hat ("Only in Destroying I Find Ease"). 
- © Galerie Sturm & Schober

Ist er's oder ist er's nicht, der Ludwig XV.? Nicht mehr, seit ihn Mary A. Waters gemalt hat ("Only in Destroying I Find Ease").

- © Galerie Sturm & Schober

Und wie heißt diese junge Lady da? Keine Ahnung. Trotzdem ist sie bekannt genug, dass man sich ihr Gesicht im Internet auf einer Laptoptasche oder Klebefolie zur Verschönerung des iPads bestellen kann. Okay, hätte der Jacques-Louis David sie nicht porträtiert (in seinem einwandfreien Klassizismus), hätte sie wohl KEINE Karriere als Tablet-Folie gemacht. David: der einstige Hofmaler von Ludwig XVI., für dessen Hinrichtung er, ein Jakobiner, dann während der Französischen Revolution gestimmt hat, bevor er irgendwann so etwas wie der Hausmaler von Napoleon geworden ist. Apropos Ludwig (wenngleich ein anderer). Hm. Er ist’s und auch wieder nicht – der Ludwig XV. Nicht so bleich und pastellig wie der Typ aus dem Louvre, den der "Fürst der Pastellmaler" (Maurice Quentin de La Tour) mit der empfindsamen Leichtigkeit des Rokoko verewigt hat. Und martialischer. Mit aufpolierter Rüstung.

Manche sind sogar ihre EIGENEN Doppelgänger. Sind mit sich selbst zu zweit. Paaren sich zu Diptychen. Anselm Feuerbachs Nanna: In zwei verschiedenen Museen hängend (die Vorbilder), werden das rechte und das linke Profil der Geliebten des Malers endlich an einer Wand wiedervereint und können einander narzisstisch bewundern ("Woman looking at herself"). Ich möchte einmal mit mir selbst Bockschauen, nur um zu sehen, wer länger durchhält, ich oder ich. (Frei nach Nestroy.)

Die Brüder sind jetzt noch verwandter

Bockschauen, dazu fordert einen das imposante doppelte Lottchen ja ebenfalls heraus, eine verdoppelte Holländerin, deren Name mit ziemlicher Sicherheit NICHT Lotte ist und die einen unwiderstehlich anstarrt. En face. Also ein Frontalangriff. Bloß, dass man sich nicht entscheiden kann, mit WELCHER der beiden eineiigen Zwillingsschwestern, die ein und dieselbe sind, man sich duellieren will. Man verliert ohnedies. Fällt bei diesem "Sehtest" durch. Weil der eigene Blick nicht anders kann, als ständig hin- und herzuspringen. Vom einen Zwilling zum andern und wieder zurück. Um zu vergleichen. Denn das rechte Bild unterscheidet sich vom linken durch – null Fehler. (Eventuell ist die eine Rüsche am Kragen rechts eine Spur . . . unrüschiger.) Zwangsläufig fragt man sich: Welche ist die Erstgeborene? Aber spielt das überhaupt eine Rolle, wenn doch letztlich BEIDE Kopien sind (und somit Zweitgeborene)?

Geklontes Gesicht (Diptychon von Mary A. Waters): Das linke unterscheidet sich vom rechten durch null Fehler. 
- © Galerie Sturm & Schober

Geklontes Gesicht (Diptychon von Mary A. Waters): Das linke unterscheidet sich vom rechten durch null Fehler.

- © Galerie Sturm & Schober

Der Medici-Babyspeck im Doppelpack ist übrigens NICHT zweimal der Gleiche (einmal ernst und einmal lachend). Bei dem ist es reine Familienähnlichkeit. Na ja, und darüber hinaus hat derselbe Manierist die beiden Brüder (Giovanni und Garzia) ursprünglich gekonterfeit: Agnolo Bronzino. Ehe es Mary A. Waters erneut getan hat. Und jetzt sehen sie NOCH verwandter aus.

Und wenn das Schauen das eigentliche Thema dieser lustvoll kühlen Malerei ist? Das Schauen der Künstlerin, des Publikums, und von den Bildern fühlt man sich sowieso beobachtet. Besonders von den einäugigen. Von "Eye 2" und "Eye 4", isolierten physiognomischen Details. Die Kunstgeschichte is watching you.