Nur "Krawagna". Und das war’s dann schon mit dem Titel der Ausstellung. Mehr Wörter gibt’s nicht. Das ist natürlich der Nachname des Künstlers (Vorname: Peter), könnte aber genauso gut eine Gegend sein. Wie "die Bukowina". Denn eigentlich malt "der" Krawagna unentwegt "die" Krawagna. Quasi seine eigene, offene, etwas spröde Landschaft aus markanten Flecken und Strichen und viel Leere. Weil weniger eben manchmal mehr als genug ist.

Dass dem Kärntner (1937 in Klagenfurt geboren und seit Langem in Krumpendorf daheim) dabei stets die reale Natur Modell liegt (in Griechenland, auf den Kanaren, in Mali, Burkina Faso . . .), das sieht man den Arbeiten allerdings nicht unbedingt an. Dass das also im Grunde lauter Naturstudien sind. Freilich keine wie das "große Rasenstück" von Albrecht Dürer, der ja fast buchhalterisch jeden Grashalm einzeln aufgelistet, in der Wiese geradezu Inventur gemacht hat. Es ist vielmehr der flüchtige Augen- und Anblick, der momentane Eindruck von Licht und Stimmung, der im Gedächtnis und in weiterer Folge vielleicht an einer Wand hängen bleibt. Seh- und Mal-Erlebnis paaren sich zur Abstraktion, zu suggestiven Farbklängen. Zu Echos von Landschaften.

Die Leinwand besteigen wie einen Berg

Wenn er nicht unmittelbar vor dem Motiv arbeitet, sondern im Atelier (Schnappschüsse als Gedächtnisstütze macht er prinzipiell keine, angeblich besitzt er nicht einmal einen Fotoapparat), sind die Formate oftmals so riesig, dass er sogar klettern muss. Auf eine Leiter steigen.

Sobald man weiß, dass dieses Bild von Peter Krawagna "Lanzarote" heißt, ist das Blau gleich viel salziger. 
- © Peter Krawagna, Foto: Ferdinand Neumüller

Sobald man weiß, dass dieses Bild von Peter Krawagna "Lanzarote" heißt, ist das Blau gleich viel salziger.

- © Peter Krawagna, Foto: Ferdinand Neumüller

Groß- und ein bissl Kleinformatiges aus den letzten Jahren ist in der Galerie Hilger in stiller Eintracht versammelt. Nicht, dass man sich trotz ihrer Leichtigkeit, trotz der luftig verteilten Kleckse und Gesten nicht auch schwertun kann mit diesen Bildern, die sich gern zieren. Vor allem muss man sich von diesem inneren Zwang befreien, immer was "erkennen" zu wollen und sich deswegen sofort hungrig auf die Titelliste zu stürzen, und wenn dort dann "O.T." steht, ist man enttäuscht. Selbst das abstrakteste Bild ist nämlich insgeheim gegenständlich, von einer wahren Begebenheit inspiriert (in früheren Zyklen beispielsweise von Sesselliftfahrern, Snowboards in Aktion, am Fenster vorbeidonnernden Lastwägen, von den Farbreflexen eines bunten Hutes auf einer weißen Mauer). Spielt sich da etwa ein schwarzer Ast im Schnee als komplette Landschaft auf?

Welche Farbe hat der Wind?

"Wenn ich den Bildern Titel gebe, versuchen die Leute den im Titel genannten Gegenstand zu sehen. Sie können aber nicht das Motiv sehen, wie ich es gesehen habe. Deshalb ist der Titel für viele Betrachter irreführend, obwohl Titel ja oft verlangt werden", sagt Krawagna in einem Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, das im Katalog zur Ausstellung abgedruckt ist. Tja, kaum lese ich den poetischen Titel "Roter Wind" (Wind: schnelle Luft), wirbeln herbstliche Blätter herum. Und vorher? Waren die roten Tupfer schlicht rote Tupfer.

Kleine Magnolienblüte als große Überraschung, mit der Peter Krawagna einem ein Lächeln entlockt. 
- © Peter Krawagna, Foto: Ferdinand Neumüller

Kleine Magnolienblüte als große Überraschung, mit der Peter Krawagna einem ein Lächeln entlockt.

- © Peter Krawagna, Foto: Ferdinand Neumüller

Dass es zwischen dem Bild "Lanzarote" und mir gefunkt hat, das hat trotzdem nix mit dem verheißungsvollen Titel zu tun oder damit, dass ich reif für die (Kanarische) Insel wäre und die nun einmal ein attraktives Reiseziel ist. Das erdige Braun, satte Grün, strahlende Weiß und dezent glitzernde Blau sind einfach reizvoll und mit souveräner Zurückhaltung kombiniert. Plötzlich eine Magnolienblüte (auf einer nackten Leinwand). Eine realistische, wohlgemerkt. Wie ein Augenzwinkern des Malers. Oder ein scheues Lächeln, direkt aus der Natur gepflückt. Ich hab jedenfalls zurückgelächelt.