Als Fiona Tan mit ihrer Videoinstallation "Saint Sebastian" 2013 in der Ausstellung "Große Gefühle" erstmals in der Kremser Kunsthalle vertreten war, hatte ihre Karriere durch den Beitrag "Disorient" auf der Biennale in Venedig 2009 gerade erst begonnen. Die Intensität der Wirkung ihrer Methode der Kameraführung überraschte. Mittlerweile ist die 1966 in Indonesien geborene und in Amsterdam lebende Künstlerin in den Medien Film, Fotografie und Video international so bekannt, dass in Österreich gleich zwei Ausstellungen gleichzeitig Einblick in zwei Jahrzehnte ihrer intensiven Recherchearbeit zwischen Wissenschaft und Kunst geben. Neben dem Museum der Moderne in Salzburg konzentriert sich die Kunsthalle ortsspezifisch mit zwei Arbeiten auf die Nachbarschaft zur Justizanstalt Krems-Stein: "Correction" in der großen Halle zeigt Insassen und Mitarbeiter von Gefängnissen in den USA, die Tan 2004 quer durch das Land auf ihre typische Art gefilmt hat: Das Gegenüber blickt in die Kamera, steht still, scheint stoisch und erzählt.

Umgekehrte Beobachtung

Durch die Anordnung der Screens in einem Kreis wird die Arbeit von der Mitte aus betrachtet, die Präsenz der Personen gesteigert, der Blick in die Kamera kehrt die Beobachtung um. Assoziationen führen schnell zurück zur Architekturform des Wiener "Narrenturms" sowie zu Michel Foucaults "Bewachen und Strafen", einer der Anregungen Tans. Eine zweite Inspiration kam durch den Sozialreformer Jeremy Bentham, der um 1800 diese Form eines Panoptikums erfunden hatte, um von einem Turm in der Mitte und im Kreis darum angelegten Zellen jeden Gefangenen im Blick zu haben. Solche Modelle, aber auch museale Sammlungen, immer wieder angestrebte Enzyklopädien und soziale Utopien seit Platons Atlantis interessieren die Künstlerin, da aktuell die Dekonstruktion der westlichen Archive und die Kritik an der einäugigen Perspektive das Leitthema der Kunst sind. Sie lenkt uns aber nicht didaktisch auf Fehlkonstruktionen, sondern nutzt Literaturen wie aus Franz Kafkas "der Prozess" oder seine Tagebuchaufzeichnungen, in der von der einen Hand in Abwehr und der schreibenden zweiten eines Außenseiters die Rede ist, auch für den Titel der Schau.

Fotografin, Filmemacherin und Videokünstlerin Fiona Tan, geboren 1966 in Indonesien, gilt als führende Protagonistin einer auf Recherche, Dokumentation und Archivarbeit basierenden Kunst. - © Courtesy of the artist and Frith Street Gallery, London / Marieke Wijntjes
Fotografin, Filmemacherin und Videokünstlerin Fiona Tan, geboren 1966 in Indonesien, gilt als führende Protagonistin einer auf Recherche, Dokumentation und Archivarbeit basierenden Kunst. - © Courtesy of the artist and Frith Street Gallery, London / Marieke Wijntjes

Tans Kamerafahrten sind ruhig, auch wenn sie die Protagonisten nicht statisch verharren lässt, werden wir oft wie im Traum geführt. Unsere Fantasie wird angesprochen wie das Gefühl, aber auch die Kunstgeschichte spricht mit: "Correction" erinnert auch an Andy Warhols Screen Tests von Personen seines Umfelds über je drei Minuten, selten wird unsere Aufmerksamkeit länger als 20 Minuten strapaziert. Nur in der Videoarbeit "Countenance", die 2002 hunderte Berliner als Widerspruch gegen August Sanders Fotoserie von 1925 "Menschen des 20. Jahrhunderts" nach der Jahrtausendwende nicht mehr als sozialen Querschnitt durch die Gesellschaft erkennen lässt, läuft über eine Stunde.

Die Methode gegen "Aufschreibesysteme" (Friedrich Kittler), die der Mensch konstruiert, um seiner Endlichkeit zu entgehen, zieht auch in der wahnwitzigsten Utopie: Dabei geht man auf eine am Computer nachempfundene Fahrt durch das ultimative "Archiv" des Mundaneums: Paul Otlet und Henri La Fountaine ließen 1895 bis 1934 in Brüssel 16 Millionen Karteikarten zum Wissen der Menschheit sammeln.

2020 entstand die Arbeit "Pickpockets", angeregt von einem Fotoalbum, das Tan im Getty Center während eines Stipendienaufenthalts einsehen konnte. Die Polizeifotos zeigen Taschendiebe, die während der Weltausstellung in Paris 1889 verhaftet und dokumentiert wurden. Hier drückt auch Albert Einsteins Satz "Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt" auf unser Gewissen und die reale Nähe zum Gefängnis dreht sich mit.