Schon 2003 war in der Albertina ein kleiner Teil der Serie "Verwandlungen durch Licht" des 1871 in Straßburg geborenen Fotografen Helmar Lerski (Israel Schmuklerski) aufgefallen, die 1935/36 in Palästina entstand. Nun ist die ganze Serie aus dem Museum Folkwang als Leihgabe in der Albertina in der vier Jahre gründlich vorbereiteten Schau "Faces. Die Macht des Gesichts" zu sehen, mit der sich Kurator Walter Moser den Veränderungen der Avantgardefotografie der Zwischenkriegszeit in Deutschland und Österreich widmet.

Da Lerski selbst als Schauspieler in den USA unter der Regie von Georg Wilhelm Papst für den Film gearbeitet hatte, kannte er die theatralische Beleuchtung des Stummfilms und die damit entstehenden Verfremdungen des Gesichts. Er lernte das Handwerk von seiner Frau, die als Fotografin tätig war, fragmentierte die Sicht auf das Gesicht des Schauspielers Leo Uschatz, arbeitete mit Sonnenlicht, Spiegeln und Blende am Dach eines Hauses in Tel Aviv, wohin er 1932 ausgewandert war. Ein Film von Schweiß auf der Haut steigerte dieses Experiment, das mit den radikalen Änderungen der Neuen Sachlichkeit aufkam. Entindividualisiert und maskenhaft, aber auch pathetisch inszeniert, wird dieser Mann zur typenhaften Skulptur.

August Sanders - © August Sander
August Sanders - © August Sander

Porträt, Mode und neue Lichtführung

Dabei waren vor allem Fotografinnen mit ersten Rollenspielen ihres eigenen Gesichts und Körpers beschäftigt, lange vor der zweiten Welle des Feminismus und im privaten Bereich. Trude Fleischmann ist hierzulande bekannt, Suse Byk, Gertrud Arndt und Marta Astfalck-Vietz standen dem neuen Ausdruckstanz und Experimenten wie dem Bauhaustheater Schlemmers nahe. Sie kombinierten wie Lotte Jacobi Porträt, Mode und neue Lichtführung.

Im ersten Kapitel der Schau zeigt sich wie sehr spätere Modeaufnahmen von Edward Steichen etwa vom "Neuen Sehen" der Kameraexperimente profitierten. Masken, Schleier, Spitzen und extreme Perspektive sowie Schwarzweißkontraste stehen dem Horror-Stummfilm-Klassiker "Cabinet des Doktor Caligari" von 1920 nahe, der ergänzend zu sehen ist.

Lerski bezog zum Film Messerschmidts Physiognomien mit ein, ein Thema, das die Ära Walter Benjamin insgesamt beherrschte. Dazu kamen die russische Avantgarde und das Bauhaus mit Fotogramm oder Umkehr ins Negativ. Der Itten-Schüler Umbo, aber auch Irene Bayer (Frau von Herbert Bayer) oder Lucia Moholy, Frau von Lázló Moholy-Nagy, waren wie Erwin Blumenfeld oder Oskar Nerlinger und Germaine Krull bemüht, Gesichter auch mit Taschenlampen abstrahiert zu inszenieren oder in eine symbolistische Landschaft zu wandeln - auch böse Clownmasken tauchen damals schon auf. Close-ups sind die neueste "Masche" aller um Lerski, Max Burchartz reduziert das Gesicht seiner Tochter Lotte auf ein Auge, Mund und Hut 1928. Collagierende Fragmente von Otto Sander aber auch Kurt Kranz nehmen serielle Konzepte der Siebzigerjahre vorweg.

Die tragische Figur des
Künstlers Willy Zielke

Zwei Kapitelteile widmet Kurator Moser dem großen gesellschaftlichen Wandel von der experimentellen sowie sozial motivierten Porträtfotografie der Avantgarde in die willfährig den Nationalsozialisten dienenden rassischen Typen und auch den formalen sowie theatralischen Übernahmen, die auch Leni Riefenstahl in ihren Filmen nutzte.

Ambivalent ist die tragische Figur des Künstlers Willy Zielke, dessen avantgardistische Kameraführung die Regisseurin kopierte, den sie trotz Anbiederung durch Änderung seines Films "Arbeitslos" 1933 als Konkurrent ausschaltete, was ihn psychisch ruinierte.

Lerski konnte auf "Köpfe des Alltags" in Palästina die Serie "Araber und Juden" folgen lassen und den Film "Avodah" drehen, während in Deutschland die Publikation von August Sanders "Die Menschen des 20. Jahrhunderts" mit Berufsständen ohne Hierarchie gestoppt wurde. Die sozialen Ideen wie die Experimente mündeten in rassistisch motivierte "Volksgesichter", "echte" Bauern und heroische Autobahnbauer, mit denen sich Erich Retzlaff und Erna Lendvai-Dircksen dem Naziregime andienten.