Wien, Wien, nur du allein . . ., nämlich von allen Touristen verlassen. Da hängen also grad überall seine frisch gedruckten Plakate fürs Konzerthaus, und dann sperrt Wien ZU. Lockdown. Der erste. Und was macht der Lukas Beck? Auf, natürlich. Er öffnet seine Blende beziehungsweise die seiner digitalen Hasselblad und macht das Beste draus: Fotos. Erkundet seine plötzlich fremdartige Heimatstadt und lernt sie neu kennen. Schuld an den Bildern in der Lukas Feichtner Galerie, deren Tür ja wieder offen ist, ist folglich – das C-Virus.

Er hat's in letzer Sekunde noch ins Bild vom Lukas Beck hineingeschafft: der Müllmann am Spittelberg. - © Lukas Beck
Er hat's in letzer Sekunde noch ins Bild vom Lukas Beck hineingeschafft: der Müllmann am Spittelberg. - © Lukas Beck

"Wien pur" (so der Titel der Ausstellung und des bei echomedia erschienenen Bildbandes, aus dem sie sich speist) – klingt wie "Natur pur", bloß mit mehr Häusern. Nichts ist gestellt. Auch das Licht ist ohne künstliche Zusätze, kommt von der Sonne, ist genau so, wie es im ersten Corona-Frühling wirklich war. Selbst der kitschig blaue Himmel, manchmal mit dramatischen Wolken, ist nicht geschönt. Beck: "Es war ein Zufall, dass im Lockdown fast nur die Sonne geschienen hat." Außerdem hat er die Bilder allesamt mit demselben shiftbaren, sprich nach oben zu verschiebenden Weitwinkelobjektiv geschossen, mit derselben Blende und Belichtungszeit. Und kein Ausschnitt wurde nachträglich verändert. Nirgends geschummelt. Nicht allein beim Bier gibt’s demnach ein Reinheitsgebot.

Easy Rider: The Next Generation (jetzt mit dem Fahrrad)

Und dass er, der sich seine erste Kamera mit 15 gekauft hat und 1993 mit dem Buch "Ostbahnkurti und die Chefpartie" reüssierte, ein gebürtiger Radfahrer ist, jedenfalls meint er, man müsse zwangsläufig "auf die Idee kommen, ich wär mit dem Fahrrad auf die Welt gekommen" (übrigens in Wien, 1967), das war sicher kein Nachteil. Zu Fuß ist er NICHT herumgegangen? "Ich fahr so viel Rad, dass bei mir gar kein Unterschied mehr ist, ob ich geh oder fahre."

Geradelt ist dieser kleine Bub ebenfalls. In ein menschenleeres Bild hinein. (Maria-Theresien-Platz. Zwischen den beiden geschlossenen Museen. Zwischen Kunst und Natur.) Der "baut sich mitten am Platz vor mir auf und schaut mich mit seiner coolen Sonnenbrille so selbstbewusst an – Dennis Hopper nichts dagegen". Klick – und weg war der Mini-Easy-Rider. (Aber zum Glück kann die moderne Technik den Augenblick festhalten, selbst wenn der längst davongeradelt ist.) Die Stadt war schließlich nicht TOT, bloß weil ihre Straßen und Plätze wie ausgestorben, zumindest weniger belebt waren. Sie hat nicht einmal komisch gerochen. (Frei nach dem T-Shirt-Spruch: "Ich bin nicht tot, ich rieche nur komisch.") Oder vielleicht hat sie DOCH komisch gerochen, anders, zumal die Fiaker den ersten Bezirk nimmer beduftet haben und man beim Steffl nicht mehr durch den Pferdeurin gewatet ist.

Ein Gemälde von Franz Zadrazil? Nein, ein Foto von Lukas Beck. Abgefucktes Haus in der Liechtensteinstraße, dem alles wurscht ist. - © Lukas Beck
Ein Gemälde von Franz Zadrazil? Nein, ein Foto von Lukas Beck. Abgefucktes Haus in der Liechtensteinstraße, dem alles wurscht ist. - © Lukas Beck

Ein andermal am Hohen Markt ist aus heiterem Himmel ("Da bin ich gestanden und hab mir gedacht: Ist das ein Motiv oder keins – und in dem Moment kam das Pärchen.") ein Kuss aufgetaucht. Frühlingsgefühle unter der Ankeruhr. Und auf einmal WAR’S eins, ein Motiv. Der menschliche Faktor halt. Und da besonders auffällig (mangels anonymer Masse, die sie früher verschluckt hätte): die klitzekleinen "Randfiguren". Als hätten sie es gerade noch ins Bild hineingeschafft, bevor der Fotograf abgedrückt hat. Wie der signalorange Müllmann am Spittelberg, der die Blicke auf sich und eine Altpapiertonne hinter sich HERzieht. Aber steht dieser Passant (vis-à-vis: die Urania) nicht schon GEFÄHRLICH nah am Rand (des Bildes, des Donaukanals und eines imposanten Bodenornaments, das ihn abdrängt, weil er sich offenbar nicht draufzusteigen traut)? Regelrechte Menschensuchbilder. Jö, ein einsamer Jogger auf der Linken Wienzeile! Dafür sind die beiden Kickboxer eindeutig die dominante Lebensform auf dem Heldenplatz, überragen optisch gar das Reiterdenkmal von Erzherzog Karl.

Welche Ampel braucht schon einen Verkehr?

"Ich bin an sich Porträtist", sagt Lukas Beck, der bereits alle möglichen Leute (und Tiere) originell abgelichtet hat (Schauspieler, Musiker, Kabarettisten, die Wiener Sängerknaben, Tierpfleger im Schönbrunner Tiergarten mit ihren Lieblingen . . .) und der nun eben die Gesichter einer ausgangsbeschränkten Zwei-Millionen-Stadt nicht ganz alltäglich eingefangen hat. Die versteckten kleinen Geschichten. Eine rote Ampel regelt am Gaußplatz stur den nicht vorhandenen Verkehr, oben auf der Stiege vorm Mumok im MuseumsQuartier macht jemand einen Handstand und schaut sich das Leben, das seit Corona kopfsteht, anscheinend aus der "richtigen" Perspektive an, und der Elefant darf genauso wenig fehlen (das österreichische Maskottchen der Pandemie): Als der Zoo wieder Besucher reinlassen durfte, war Beck einer davon. Ach, weil Täter angeblich immer an den Tatort zurückkehren? Oder in seinem Fall an den DREH-Ort. (Seine Universum-Doku "Schönbrunner Tiergeschichten – Leben im Zoo" ist 2013 vom ORF ausgestrahlt worden.)

Romantik für Entomologen: ein Mond voller Fliegen. Lukas Beck hat ihn überm Steffl aufgehen sehen. - © Lukas Beck
Romantik für Entomologen: ein Mond voller Fliegen. Lukas Beck hat ihn überm Steffl aufgehen sehen. - © Lukas Beck

Dem unverwüstlichen Haus in der Liechtensteinstraße 28 (Beck: "Ich hab als Kind in der Gegend gewohnt, das war mein Schulweg.") sind Ausgangsbeschränkungen wurscht. Oder dass im Homeoffice das Klopapier ausgehen könnte. Das verwittert gleichmütig vor sich hin, ist seit Jahrzehnten unverändert abgefuckt ("das hat schon damals so ausgeschaut"). Und dort drinnen GEHT niemand aufs Klo. Ein Zeitzeuge, der in malerischer Würde gealtert ist und mit seinen verblassenden, lange verjährten Aufschriften von seiner bewohnteren Vergangenheit erzählt, als im Parterre ein Pferdefleischhauer und im ersten Stock ein Rechtsanwalt residierten. (Was unweigerlich zu der Frage führt: Wer gießt eigentlich die Blumen in den Fenstern? Oder sind die aus Plastik?) Ein Gebäude wie ein Gemälde, nämlich wie eins vom Franz Zadrazil, dem Meister der pittoresk verfallenden Fassaden.

Mondsüchtig wie Neil Armstrong: Insekten

Praktisch in allen Bezirken hat der Wiener Wien ge- und be-sucht. Sogar unter der Autobahnbrücke. Und an einem klassisch touristischen Ort wie dem Schönbrunner Schlosspark findet er den einen unverbrauchten Blickwinkel, geht hinter den Wächtern der Gloriette in Deckung, dass deren Waffen und Wappen martialisch ins friedliche Ausflugswetter hineindrohen und sich das Schloss in der Ferne derweil im warmen Schönbrunner Gelb sonnt. Auf seinen Streifzügen hat er obendrein entdeckt, dass Wien "gestreift" ist, dass sich zum Beispiel Uferpromenade, Donaukanal, Kaimauer und drübere Häuserfront in Streifen übereinander aufbauen.

Zum Schluss ein bissl Romantik: der Stephansdom unterm Vollmond, unterm Nachtlicht der Erde. Und bereits die nächste bahnbrechende Entdeckung (he, darüber könnte er seinen zweiten Universum-Film drehen!): Die dunklen Flecken auf dem Erdtrabanten stammen doch nicht von Meeren aus erstarrter Lava, sondern das sind unzählige – Fliegen. Fliegen sind zum Mond geflogen? Die sind mondsüchtig wie Neil Armstrong? Okay, die "kosmische" Insektenfalle ist in Wahrheit eine banale Straßenlaterne. Trotzdem romantisch.

Mehr als fotografische Dokumente aus den ersten Wochen n. Cor., nach der Zeitenwende. Und weil man sich inzwischen, unmittelbar vor dem ZWEITEN Corona-Frühling, selber kaum noch fühlt wie in einem Endzeit-Film, wie in "Resident Evil" (und gleich käme Milla Jovovich oder ein Zombie um die Ecke), weil man sich also beinah schon daran gewöhnt hat an die neue Normalität, kommt einem das, was man auf den Fotos sieht, eh völlig neonormal vor. Surreal ist das neue Real.