Ein blaues, ein gelbes, ein grünes, ein rotes, drei schwarze und ein weißes. Macht acht Bilder. Alles klar? Ja, wenn die Sache so simpel wäre. Schon allein das, was im AAA Design + Projects Space der Galerie Mauroner hängt, als Bilder zu bezeichnen, ist bestenfalls die HALBE Wahrheit. Oder Christina Zurfluh eine Malerin zu nennen.

Das ist sie zwar, denn sie MALT Bilder. Noch dazu immer gleich mehrere übereinander. (Gestreifte, getupfte oder ungemusterte.) Doch dann benimmt sie sich plötzlich ziemlich bildhauerisch. Und das nicht nur, weil sie mit dem Hammer draufhaut. Beziehungsweise klopft sie den vielschichtig bemalten Leinwänden äußerst brutal auf den Rücken, als hätten sie sich verschluckt, und tatsächlich kommt ihnen die Farbe dadurch quasi wieder hoch, platzt sie an manchen Stellen ab. (Bildhauer und –rinnen heißen aber natürlich nicht deswegen so, weil sie Gemälde verdreschen würden.) Ist alles in einem Video zu sehen: in "Making of Blue". Nicht zu verwechseln mit blaumachen. Vor der Arbeit drücken tut sich die Künstlerin hier nämlich definitiv NICHT. Vielmehr hackelt sie ordentlich rein, kann man fasziniert Schritt für Schritt die extrem aufwändige Entstehung eines Werks mitverfolgen. Von "Blue monochrome". Und sich derweil draußen den Arsch abfrieren, schließlich läuft der Film im Schaufenster (dafür rund um die Uhr, ohne Sperrstunde).

Im Atelier geht’s zu wie in einem Splatterfilm

Andererseits: Würde der Film einen nicht in den Bann ziehen (die Intensität des sehr körperlichen, schmutzigen und feuchten künstlerischen Prozesses), WÜRDE man sich nicht den Arsch abfrieren. Man würde einfach vorher gehen. Ob das deshalb eine Mischung aus Making-of und Katzenvideo ist? Um den zitternden Zuschauer mit Niedlichkeit auf vier Pfoten bei Laune zu halten? Nach dem Prinzip "Cats sell"? Jedenfalls hält sich im Atelier eine Katze auf, schleicht da herum, erregt ab und zu die Aufmerksamkeit der Kamera.

Christina Zurfluhs Bild macht blau: "Blue monochrome." - © MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna
Christina Zurfluhs Bild macht blau: "Blue monochrome." - © MAM Mario Mauroner Contemporary Art Vienna

Und NACH dem Hämmern? Wird das auf dem Boden liegende Bild mit dem Stanleymesser und mit roher Gewalt gehäutet. Werden ihm Stückerln aus der obersten Farbschicht herausgeschnitten und –gerissen (DOCH ein Splatterfilm?), um ihm diese Hautlappen später anderswo wieder zu transplantieren, anzukleben. Und am Ende wird geschmirgelt, werden die Ebenen, die zahlreichen Malschichten, in mühsamer Handarbeit miteinander verschliffen (und wird alles immer wieder mit viel Wasser aus dem Schlauch abgespritzt, gewaschen – also eh waschechte Malerei?).

Die objekthaften Bilder, die Zurfluh auf- und geduldig umbaut, sind offensichtlich ungegenständlich, abstrakt, stellen nichts dar außer sich selbst. Wenn man die Wahlwienerin mit Schweizer Wurzeln freilich dabei beobachtet, wie sie mit Knieschützern auf der Leinwand herumrutscht und sich mit ihrer blauen, vollgeklecksten Jacke geradezu perfekt in ihr Werk hineintarnt, als wäre die Malerei ihr Lebensraum und "Blue" ihr monochromer Planet, könnte man durchaus Zweifel kriegen, ob ihre Welt nicht vielleicht doch insgeheim figurativ ist.

Zum Sitzen verführt

Drinnen wollen einen nachher dauernd diese knallig roten, molligen Designersessel mit ihren einladenden weichen Rundungen zum Sitzen verführen und einem die ausgekühlten Backen aufwärmen (das Modell "The Big Easy" von Ron Arad scheint seinerseits eine Kreuzung zu sein zwischen Fauteuil und skulpturalem Objekt), während man, vom Making-of aufgegeilt, hochmotiviert in Zurfluhs komplexes Spiel mit Fläche und Raum, Enthüllen und Verbergen, Konstruktion und Destruktion, Collage und Décollage hineinköpfelt. (Décollage? Das Gegenteil einer Collage. Teile entfernen statt applizieren.) Aber da muss man eben hart bleiben.

Außerdem sieht man aus der Nähe den Beitrag der Schwerkraft besser. Die hat ja ebenfalls mitgewirkt. Hat die Farbmasse zu sich gelockt, nach unten gezogen, ehe diese an der jeweiligen unteren Bildkante zu lauter festen Tropfen erstarrt, die Bewegung geronnen ist. Und die Monochromie dieser kontemplativen Hybriden aus Malerei und Skulptur ist sowieso bunt. Besonders das Schwarz. Je länger man es anstarrt, desto blauer und grüner wird es.