Der Aufbruch in die Moderne wurde durch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs in Österreich unterbrochen. Aber die Schön-
linigkeit des Jugendstils war schon davor durch den Expressionismus und seine Konzentration auf starke Farbigkeit und oft scharfkantige Formen zu Ende. Nach 1918 und dem Tod von Gustav Klimt und Egon Schiele trat in Österreich eine junge Generation auf, die sich ein wenig mit Kubismus auseinandersetzte wie Alfred Wickenburg, den Fauves wie Herbert Boeckl, oder auch mit Oskar Kokoschka wie Hans Böhler und intensiv mit den formalen Kompositionsprinzipien des 1906 verstorbenen Paul Cézanne wie Gerhart Frankl.

Flucht aus der Stadt

Sammler Rudolf Leopold hatte neben Kunst um 1900 einen weiteren Schwerpunkt auf die Maler der Zwischenkriegszeit gelegt, so sind Hauptwerke von Boeckl oder Anton Kolig, aber vor allem von Albin Egger-Lienz in der Ausstellung "Menschheitsdämmerung" zu sehen, die eine Fortsetzung und Ergänzung der im Erdgeschoß beginnenden Sammlungspräsentation dieser Jahrzehnte darstellt. Auch jene im Kokoschka-Saal ist gedanklich zu integrieren. Kurt Pinthus, Assistent von Max Reinhardt und Herausgeber expressionistischer Literatur, hat den klingenden Begriff "Menschheitsdämmerung" erfunden. Die Ambivalenz der Dämmerung ist ihre Stärke: Sie kann tragisch ins Negative kippen, aber auch positive Morgenröte bedeuten. Sie ist typisch in Gedichten wie Bildern mit lyrisch-melancholischen Stimmungen, doch gibt es damals auch harte Sozialkritik gegen Krieg und Armut in eher sachlich-realistischem Stil. Der hoffnungsvolle Aufbruch war verbunden mit der Flucht aus der Stadt in die Natur. Märchenhafte Themen und arkadische Landschaften - Anton Faistauer beschwört dabei die Romantik und Frankl paraphrasiert sogar Brueghel in einem Herbstbild - werden ergänzt durch den Blick in intime Bereiche. Im Atelier treffen Maler und Modell zusammen, Szenen des Alltags und viele Stillleben werden verfremdet und teils fantastisch aufgeladen.

Anton Koligs "Sitzender Jüngling (Am Morgen)" aus dem Jahr 1919. - © Leopold Museum Wien / Manfred Thumberger
Anton Koligs "Sitzender Jüngling (Am Morgen)" aus dem Jahr 1919. - © Leopold Museum Wien / Manfred Thumberger

Koligs oft großformatige Knabenakte und sein pessimistisches Selbstbildnis lassen eine nervöse Grundstimmung dieser Jahre ebenso spüren wie die bewegten weiblichen Modelle bei Josef Dobrowsky oder eine Nackte vor einem Ofen bei Boeckl. Sergius Pausers "Mädchen vor dem Spiegel" wirkt dagegen fast stoisch, von der "Neuen Sachlichkeit" angeregt, aber ihr Blick und die Handgeste sind psychologische Verstärker, auch wenn die Farben, wie meist bei diesem Maler, erdig gedämpft bleiben. Mit seiner Ansicht des Praters oder seinen Stillleben ist er weit entfernt von den Komplementärkontrasten, die Kolig oder Rudolf Wacker einsetzen. Von Tirol aus beobachtete der scharfkantig sachliche Realist Wacker den Aufstieg der Nationalsozialisten in München, wie seine kleinen Bühnen für bedrohliche Puppenstillleben mit tanzenden Hunden gut zeigen. Boeckl, Pauser, Albert Paris Gütersloh und Dobrowsky werden nach 1945 Lehrende an den Akademien.

Schneelandschaften in Kitzbühel

Aus einem Hotel in Kitzbühel hatte Rudolf Leopold Alfons Waldes Großformat "Begegnung. Der Kirchgang" von 1924 in einem passend expressiven Kastenrahmen erworben, ein nahezu abstrakter Blick auf die Insel "Cherso" gelang nach 1920 Egger-Lienz in der Phase seiner eindrucksvollen figuralen Antikriegsbilder. Auch von Boeckl gibt es neben einem ausgefallen pastosen Porträt eine Landschaft, die völlig ungewöhnlich ausufert durch Nebelschwaden im Hochgebirge.

Über die weniger bekannten Künstler Böhler und Frankl kann durch ganze Räume einmal mehr erfahren werden, Frankls Dachlandschaften vor seiner Emigration nach England sind wie die ausgefallenen Landschaften von Dobrowsky spannende Neuentdeckungen im kleineren Format. Daneben beeindruckt die Gegenüberstellung der Tiroler Egger-Lienz und Alfons Walde mit dessen Variationen früher Fremdenverkehrswerbung durch Schneelandschaften in Kitzbühel. Sie sind heute nach wie vor beliebt wie auch die Grafik der Künstler, von der ebenso große Sammlungskonvolute für weitere drei Räume als Ergänzung vorhanden sind.