Eine Ecke, die alles auslöste: "Almost Tel Aviv" in Wien-Meidling war der Start einer fotografischen Weltreise. - © Wojciech Czaja
Eine Ecke, die alles auslöste: "Almost Tel Aviv" in Wien-Meidling war der Start einer fotografischen Weltreise. - © Wojciech Czaja

Begonnen hat alles in Meidling. Ein Haus mit abgerundeten, weiß getünchten Eckbalkonen hat bei Wojciech Czaja Assoziationen an die Bauhaus-Architektur einer bestimmten Stadt geweckt. Er machte ein Foto, postete es mit dem Titel "Almost Tel Aviv" auf Facebook und traf den Nerv einer schwer an Reisemangel laborierenden Gemeinschaft. "Noch niemals habe ich für etwas so viele Likes bekommen", erzählt Czaja von der Geburtsstunde seiner Fotoserie. Da beschloss er, sich weiter auf die Suche zu machen nach Manifestationen von ganz anderen Städten in jener Stadt, die er im Lockdown nicht verlassen konnte.

Marrakesch in 1030 Wien. - © Wojciech Czaja
Marrakesch in 1030 Wien. - © Wojciech Czaja

Diese "Weltreise" in der eigenen Metropole ist nun nicht nur als Bildband erhältlich, sondern auch als Freiluftausstellung am Bauzaun des Wien Museums am Karlsplatz zu sehen. Geplant war das alles nicht. Czaja, als Autor und Moderator normalerweise viel unterwegs, genoss die ersten Wochen des Lockdowns im Frühjahr 2020 als unverhoffte Ruhepause. Aber nach einem Monat fiel auch ihm die Decke auf den Kopf. Der Architekturkenner setzte sich auf seine Vespa mit dem Ziel, systematisch alle ihm unbekannten Ecken Wiens abzuklappern. Bis er in "Tel Aviv" landete und die Mission sich schlagartig änderte. "Ich bin dann im Mai, Juni, Juli wie ein Berserker durch Wien gefahren." Und hat so unterschiedliche Orte wie Marrakesch (tatsächlich in der Marokkanergasse), Paris (Jugendstildekor am Hygieneinstitut Kinderspitalgasse) oder das ferne Asunción (im nahen Meidling) gefunden. Die Lamellenfassade einer Kleiderkette auf der Mariahilfer Straße transportierte ihn nach Chicago, eine Brache in Auhof nach Pripyat, der Geisterstadt nahe Tschernobyl. Der im Idealfall doppelte Wiedererkennungseffekt ist das Geheimnis des Erfolgs dieser Bilder.

Asunción in Wien Meidling. - © Wojciech Czaja
Asunción in Wien Meidling. - © Wojciech Czaja

Die Motivsuche gestaltet sich unterschiedlich: Zum einen wagt sich Czaja in "schiache Gassen, bei denen ich mir denke, da finde ich sicher nichts", und hat meistens unrecht. Zum anderen hat er eine To-do-Liste, auf der Städte stehen, die er noch finden möchte: "Da steht zum Beispiel New Orleans drauf. Ich hab’s bei der Trabrennbahn Krieau probiert, das hat nicht gepasst. Die in der Freudenau könnte aber passen. Außerdem suche ich noch Santa Fe, so Pueblo-Häuser in Wien zu finden, ist ambitioniert. Auch für Miami Beach habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben."

Konstantinopel und Prora

Manchmal muss man nur die Perspektive ein bisschen wechseln und kann schon im Geiste woanders sein - mitten in Simmering plötzlich in Rio etwa. Die große Christus-Statue im Concordia-Schlössl gegenüber dem Zentralfriedhof sieht eigentlich nur sehr entfernt wie ihr Pendant in Brasilien aus. Aber mit ausgiebiger Froschperspektive breitet auch dieser Christus seine Arme breit genug aus für ein Rio-Memento.

Rio in Simmering. - © Wojciech Czaja
Rio in Simmering. - © Wojciech Czaja

Humor kommt auch nicht zu kurz bei manchen Assoziationen. Konstantinopel kann er im Böhmischen Prater verorten, denn dort steht ein Waggon des Orient-Express. Die Nazi-Erholungspferche Prora auf Rügen findet er in einem graubalkonigen Neubau in Neubau - einzig aufgehellt von einem bunten Sonnenschirm. Und San Francisco taucht im Prater auf: "Ich habe mich einfach gefragt, was könnte eine Riesenradgondel sein, wenn sie genau das nicht ist - ein Cable Car!" Manche Ähnlichkeit hat auch ihn überrascht, etwa dass gegenüber der Hauptuni eine der Siegessäule in Berlin verblüffend ähnliche Statue steht - nur in wenigen Details unterscheiden sie sich.

Tiergarten Berlin gegenüber der Uni Wien. - © Wojciech Czaja
Tiergarten Berlin gegenüber der Uni Wien. - © Wojciech Czaja

Die Ausstellung des Wien Museums am Rande der Renovierungsbaustelle (mit charakteristischem Krach-Soundtrack) ist übersichtlich, aber als Auflockerung bei einem Corona-Spaziergang gut geeignet. Den "Almost"-Bildern wurden Fotos der Weltausstellung von 1873 gegenübergestellt - als die Welt nach Wien kam, um sich zu präsentieren. Erstmals übrigens auch Japan, das damals begann, sich dem Westen zu öffnen.

Apropos Öffnen: Wo zieht es den Vespa-Reisenden hin, wenn auch wieder Langstreckenflüge gehen? "Vielleicht nach Buenos Aires, da will ich immer schon hin." Oder nach China, da war er schon oft. Und dort hat er auch schon Wien wiedergefunden: in Form einer Johann-Strauß-Statue in Nanning.