Wenn schon die Aus-sichten nicht besonders rosig sind (der nächste Lockdown kommt bestimmt), dann wenigstens die Ein-sichten, oder? Beziehungsweise Einblicke. In die Privatsphäre eines Malers nämlich. Die schildert dieser jedenfalls in den rosigsten Tönen. Hauttönen. Alexander Basils Kunst ist eben sehr körperlich, fleischlich. Voller physischer Entblößungen. (Die psychischen sind subtiler, stechen nicht sofort ins Auge.) Und vor allem ist sie sehr persönlich.

Auf jedem Bild in der Galerie Kandlhofer (Öl auf Leinwand) ist der 1997 in der russischen "Erzengelstadt" Archangelsk geborene Künstler, der in Düsseldorf und Wien studiert, präsent. Sehr präsent. Im Grunde lauter (teils erweiterte) Selbstporträts, die einen in so intime Regionen mitnehmen wie ins – Intimregion mit drei Buchstaben: Bad. Basil: "Das Badezimmer ist sonst das Zimmer, von dem die Tür immer geschlossen bleibt." Er dagegen macht sie ungeniert auf. Und jetzt kann man ihn bei einer oralen Praktik beobachten (beim Zähneputzen), bei einem Anti-Corona-Ritual (Händewaschen) oder möglicherweise sogar beim Witzigsein, kann Humor entdecken, wenn er sich resolut eine Schneise in die dichte Brustbehaarung rasiert. Klingt vielleicht banal, ist es wahrscheinlich auch. Alltag halt, in dem freilich gern irgendwas irritiert.

Jede Rasur beginnt mit dem ersten Schnitt: Bild ohne Titel von Alexander Basil. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carren Lopez

Jede Rasur beginnt mit dem ersten Schnitt: Bild ohne Titel von Alexander Basil.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carren Lopez

Narziss – das erste Opfer des Selfiekults?

Andere sitzen mit ihrem HANDY in der Wanne (Achtung: das Mobiltelefon nicht währenddessen aufladen!), Basil nimmt lieber ein Bad mit einem unhandlicheren Gerät zur Anfertigung von Selfies, mit dem man noch dazu nicht einmal ins Internet kommt, was allerdings eh wurscht ist, weil es kein Gedächtnis hat, keinen Speicherplatz, weshalb man das Bild sowieso nicht posten könnte. Er badet also mit einem Spiegel. Einem nicht gerade kleinen. Oder sein GEMALTES Ich (GI) tut das, und das hat jegliche künstlerische Freiheit. Den Ich-Erzähler eines Romans darf man schließlich ebenfalls nicht mit dem Autor verwechseln. Wenn am Anfang zum Beispiel steht: "Call me Ishmael", heißt der, der das Buch geschrieben hat, trotzdem noch Herman (Nachname: Melville).

Jüngling, Wasser, Spiegelbild – WAR da nicht einmal was? Ein antiker Mythos über das erste Opfer des Selfiekults? Genau. Einer hat seine eigene Physiognomie in einer Quelle gesehen und sich daraufhin dermaßen unglücklich in sich selbst verliebt, dass aus ihm am Ende eine gelbe Blume geworden ist. (Oder der DÜNGER für eine Narzisse?)

Wie nennt man eine männliche Muse? Moritz!

Basils GI benutzt den Spiegel aber nicht zur narzisstischen Selbstbeschau, sondern um Blickkontakt mit dem Betrachter herzustellen. Wie eine ertappte Voyeurin hab ich mich gefühlt. Überhaupt wird man ständig angeglotzt. Von den Bildern. Sehen und gesehen werden. Und immer wieder schaut man zwangsläufig genauer hin, ist man verwirrt, speziell wenn man es gewohnt ist, die Menschen einzuteilen in die, die auf die Herrentoilette gehen und schnell wieder draußen sind, und die, die sich vorm Damenklo geduldig anstellen müssen, weil sie blöderweise nicht im Stehen pinkeln können. Denn hier scheint ein Pinsel gegen heteronormative Schubladisierungen anzumalen. Die Schublade, die in meinem Kopf grad spontan aufgegangen ist (die Lade für "queere Kunst", um Basils Bilder dort reinzustopfen), mach ich besser schleunigst wieder zu. OHNE zu stopfen.

Sex mit dem eigenen Spiegelbild, von Alexander Basil eindeutig zweideutig gemalt. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carren Lopez

Sex mit dem eigenen Spiegelbild, von Alexander Basil eindeutig zweideutig gemalt.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carren Lopez

Vermeintlich Eindeutiges (Vollbart, starke Körperbehaarung – ein Mann, definitiv) entpuppt sich plötzlich als zweideutig, hat eine Vulva. Männlich? Weiblich? Die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischen. Beim autoerotischen Sex mit dem eigenen Spiegelbild, bei der intimen Zweisamkeit mit dem Partner. Basils Muse Moritz (wie lautet eigentlich die männliche Form von Muse? – Muser? Der Mus?) versohlt ihm (oder seiner GI) als androgyne Domina den Hintern. Oder streichelt er diesen? Ambivalenzen überall (und ein gewisses Unbehagen). Dominanz, Unterwerfung, eine innige Umarmung. Schmerz und Geborgenheit. Sind das Narben auf den Armen? Zeugnisse der eigenen Verletzlichkeit? Und was macht er da mit der Haarnadel? Offenbar einen extrem ungesunden "Annäherungsversuch" (bei der Steckdose).

Ehrlich bis zur Selbstverletzung

Plakativ glatt und "sauber" mag dieser reduzierte Stil wirken. Jede Farbe bleibt brav und emotionslos innerhalb der ihr zugewiesenen Kontur. Dekorativ gekringelte Haare überziehen Brust und Rücken als grafisches Ornament. Und doch ist diese Malerei ungeschönt ehrlich bis zur Selbstverletzung. Macht durchaus Eindruck und ziemlich was her. Und daran sind nicht allein die wuchtigen, "gewichtigen" Körper schuld, die rundlichen, geradezu plumpen Formen. Mehr Volumen (und flächige Ausdehnung) bei gleichzeitiger Beschränkung auf das Wesentliche, ohne dabei aber auf das realistische Detail zu verzichten, auf die sinnliche Würze. (Den metallischen Schimmer der Armatur, die fragilen Wassertropfen auf der klobigen Hand.)

Alexander Basil in inniger Umarmung mit seiner Muse Moritz. 
 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carren Lopez

Alexander Basil in inniger Umarmung mit seiner Muse Moritz.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carren Lopez

Anders als bei Fernando Botero, dem Meister des Aufblasens (der die halbe Kunstgeschichte in seinen "Fat Paintings" bis zur Adipositas gemästet und sogar der Mona Lisa das Gesicht zu einem bladen Vollmond aufgepumpt hat), sind die Figuren in Alexander Basils ruhigen, entspannten Kompositionen freilich nicht grotesk aufgebläht, haben sie kein komisch naives Übergewicht. Obwohl: Irgendwie lustig ist’s schon, wenn das GI (zur Erinnerung: das gemalte Ich) des Künstlers sich nackt durch einen ebenfalls gemalten Keilrahmen zwängt. Das Selbstbildnis als Leibesübung.

Flach ist nur die Leinwand, Basils Malerei ist eine Fläche mit Tiefgang.