Warum malt jemand gestreifte Bilder? Weil er gern aufräumt, vielleicht? Zumindest nicht, um der Welt zu beweisen, dass die Malerei eh noch putzmunter ist und nicht tot. Denn dann hätte der Florian Nährer sich doch für ein Schottenmuster entschieden. Damit jeder gleich auf Anhieb versteht, was er uns sagen will, und nicht erst raten muss. Schließlich TRAGEN Tote ja angeblich keine Karos. Streifen aber demnach schon.

Ob das Ikonen der Ordnungsliebe sind? Andachtsbilder? Obendrein ist der Bildträger meistens Holz. Wie bei den KLASSISCHEN Ikonen. (Okay, eine moderne MDF-Platte und kein orthodoxes Vollholz.) Mit denen, den christlichen Kult- und Heiligenbildern, hat sich der einstige Kunst- und Theologiestudent (als Ersterer war er übrigens Assistent von Erwin Wurm und Hermann Nitsch) in einer früheren, figurativeren Schaffensphase selber befasst, hat beispielsweise bei den Indianern, den Eskimos oder den Maori "Anonyme Heilige" entdeckt, ihnen Nimbusse aus goldener Tortenspitze gemacht. Oder den auferstandenen Jesus hingesetzt. Auf einen allzu irdischen "Thron" ("Götterscheiße/Holy Shit").

Die Farben haben einen Knall

Ein ziemlich radikaler Bruch. Na ja, hängt davon ab, wie abstrakt die aktuellen Arbeiten wirklich sind, die die Galerie Reinthaler förmlich erfrischen (optische Raumerfrischer sozusagen). "New Order" heißt die Serie. Neue Ordnung. (Und was war die ALTE Ordnung?) Laut dem Künstler und Lehrer für Bildnerische Erziehung handelt es sich dabei um "eine Sammlung von Farbeindrücken, Farben, die sich im Kopf, im Auge ansammeln". Und woher sollen die wohl kommen, wenn nicht von den sichtbaren Dingen, den Gegenständen?

Der Außenseiter: senkrecht gestreift statt quer. Florian Nährers "New Order 1". - © Florian Nährer / Courtesy: Galerie Reinthaler
Der Außenseiter: senkrecht gestreift statt quer. Florian Nährers "New Order 1". - © Florian Nährer / Courtesy: Galerie Reinthaler

Definitiv nicht stur, sondern erstaunlich abwechslungsreich gestreifte, rhythmische Kompositionen, die nämlich kreativ aufgebaut sind aus schmäleren und breiteren Streifen, aus durchgehenden und solchen, die mittendrin abrupt die Farbe wechseln. Kitsch-Pink und aufdringliches Neongelb treffen auf Naturtöne. Manche Farben haben also sogar einen Knall, sind knallig. Ein eher gedämpftes Opus (Ocker, dunkles Grün, kühles Blau . . .), bei dem die nackte Faserplatte an einer Stelle mitspielen darf (quasi einen Auftritt als Naturtalent hat, als Holz), das könnte direkt eine Landschaft sein, auf ihre Farben reduziert und diese nachher wiederum umarrangiert. Und der rosa Strich? Vom blühenden Wiesenklee?

Die falsche Richtung hat eine gewisse Richtigkeit

Steckt eigentlich ein System hinter dieser "neuen Ordnung"? Ein Plan? Nährer: "Es gibt ein loses Konzept, wohin die Reise geht." Aber das Reiseziel ist vermutlich doch nicht eine Landschaft, in der romantisch der Klee blüht. Und was hat es mit dem Revoluzzer auf sich, mit dem einen Bild in der Ausstellung, das aus der Reihe tanzt und senkrecht gestreift ist statt wie die anderen quer? Oder ist es einfach nur falsch aufgehängt? Weil theoretisch könnte man die Brettln ja beliebig drehen, ohne dass es groß auffallen würde, oder? Nein, anscheinend nicht. "Es wird SCHON in eine Richtung gemalt", stellt der gebürtige St. Pöltner (Jahrgang 1976) klar, um gleich darauf einzuräumen: "Es kann aber sein, dass es bei der Hängung eine andere Richtung bekommt. Das hat dann eine gewisse Richtigkeit."

Apropos Hängung. Ist das langgezogene Trumm, das lediglich an der Wand LEHNT, von Letzterer heruntergefallen? Blödsinn. Das gehört so. Während des ersten Lockdowns ist dem Maler "das Material ausgegangen", und er hat "was gesucht, worauf ich noch malen könnte" und dieses Überbleibsel einer Betonschalung gefunden. In fruchtbarer Restlverwertung hatte er sich immerhin bereits ein Jahr zuvor geübt und damit gewissermaßen Grabsteine von aufgelassenen Gräbern davor bewahrt, überfahren zu werden, also pietätlos in den Straßenverkehr eingeackert zu werden, als "Kies für die Autobahn" zu enden. Wie er das angestellt hat? Wie er sie gerettet hat? Indem er sie gestapelt hat wie seine Farben, wie seine bunten Streifen, sie in Mauer bei Amstetten aufgetürmt hat zu einer "Himmelstreppe", zu einem Mahnmal für die in der NS-Zeit in der dortigen Einrichtung ermordeten Patienten.

Da ist dem Maler im ersten Lockdown das Material ausgegangen: buntes Notbild von Florian Nährer. - © Florian Nährer / Courtesy: Galerie Reinthaler
Da ist dem Maler im ersten Lockdown das Material ausgegangen: buntes Notbild von Florian Nährer. - © Florian Nährer / Courtesy: Galerie Reinthaler

Wirksamkeit gegen Corona-Depression nachgewiesen

Die kleine Unvollkommenheit ist in dieser Kunst ein Qualitätsmerkmal. Der vorsätzliche Störfaktor, der für Spannung sorgt, die Fadesse vertreibt. Nährer vergleicht das mit dem Mängel-Kult der japanischen Keramik, mit deren eigenwilliger Ästhetik, "wo ein Fehler drinnen sein muss, sonst wär’s nicht aufrichtig genug, weil es gibt nichts Perfektes im Leben". Das wäre "die hohe Kunst, etwas absichtlich misslungen ausschauen zu lassen". He, Streifenbilder sind offenbar viel tiefgründiger als gedacht. Nicht, dass er die verhaut hätte, der Nährer. Seine lustigen Streifen kommen außerdem dermaßen gut an, sind so gefragt, dass man ihn die imposanten, 17 Meter hohen Silos einer Mühle in St. Peter/Au damit überziehen hat lassen ("Joy Stick").

Und das Tolle: Sie wirken tatsächlich, die Streifen. Ich bin jetzt zwar nicht ordentlicher, kurzfristig war ich freilich besser gelaunt. Fröhlicher. Das sind Stimmungsaufheller. Die helfen gegen eine Corona-Depression. Allerdings bloß live, solange man sie anschaut. Auf Krankenschein gibt’s trotzdem kein Bild für daheim. In die Galerie kommen, das kann man aber zum Glück sowieso OHNE Rezept.