Die Ausstellung der 1937 in Wien geborenen und seit der Flucht ihrer Familie in England lebenden Künstlerin Tess Jaray, deren Tante Lea Bondi-Jaray als Sammlerin und ehemalige Besitzerin der Galerie Würthle in Österreich ein Begriff ist, bringt interessante Aspekte mit sich. Als Kind fühlte sich Tess Jaray (neben den verbliebenen kulturellen Wiener Einflüssen im Elternhaus, vor allem der klassischen Musik) bald mehr von der englischen Kultur geprägt. Sie zeichnete schon mit sechs Jahren auf dünnen Papieren Landschaften mit Hecken, wie sie typisch sind für die meisten englischen Landstriche. Der Kontakt mit den expressionistischen Neigungen Lea Bondis, deren Mann ein ungarischer Bildhauer war, mit deren Sammlung und ihrer Galerie in London, sowie der Einfluss durch den abstrakten Expressionismus aus Amerika während des Studiums auf der Slade School of Fine Art, ist in dem Querschnitt ihrer Malerei von 1963 bis 2020, den die Secession zeigt, kaum noch spürbar.

Vielleicht blieb grundsätzlich eine Neigung zum geometrischen Ornament, was sehr gut mit der Raumaufteilung des Gebäudes der Secession und deren Tradition korrespondiert, doch ist der Blick darauf nur zu einem geringen Teil durch Wien geprägt, viel mehr durch Tess Jarays Reisen nach Italien, Marokko und Syrien.

In den 60er Jahren, als die Malerin in London schnell bekannt wurde, war die geometrische Abstraktion in ganz Europa als "konkrete" Kunst präsent, einerseits als Vorläufer der Neuen Geometrie (Neo-Geo), andererseits als Richtung der Op Art. Daran beteiligt waren Künstlerinnen und Künstler wie Bridget Riley in England und in Wien Helga Philipp, Marc Adrian und Richard Kriesche. Jaray ging ihren stark architektonisch geprägten eigenen Weg: Weniger plastische Umspringeffekte, sondern harte Kanten sind typisch für "Rialto", "Early Piazza" und "Cupola Blue". Es gibt keine grellen Farben, harte Kontraste sind eher selten, Blaugrün, Ocker und Altrosa korrespondieren mit einer opaken Oberfläche ohne Pinselgeste.

1960 fuhr Tess Jaray nach Italien und entdeckte die Renaissancearchitektur für sich, aber auch die Malerei und die Theorien zur Perspektive von Piero della Francesca. Vom abstrakten Expressionismus blieb nur die glatte Farbfeldmalerei als technische Faszination, doch die räumlichen Bezüge des Menschen zu Plätzen und Kuppeln wurden das eigentliche Thema. Das menschliche Maß und die Reduktion auf Grundformen führen mit einem anfangs gerne gespiegelten Motiv zu einer sehr persönlichen poetischen Sprache.

Der Computer unterstützt

Das hält sich auch in der späten Serie "Discovery & Proof" 2018, wieder nach Piero della Francesca, aber auch den Tondi, ihren runden Bildpaaren: "For your Eyes only" und "Reflection 2" 2018 bis 2020. Inzwischen entstehen die ausgeklügelten Farbnuancen mithilfe des Computers.

Die Secession gibt dazu Jarays "Thinking on Paper" von 1960 bis 2000 heraus, ein Zeichenbuch, das auch das Jahrzehnt der Arbeiten im öffentlichen Raum in London (Victoria Station) oder Birmingham in den 1980ern miteinschließt. Eine Serie entstand 2001 nach Gedichten von W.G. Sebald, dem aus Deutschland nach England ausgewanderten Schriftsteller, der sich viel mit Exilliteratur beschäftigte. Er starb, nachdem die Künstlerin ein gemeinsames Buch mit ihm gestaltet hatte, was dieser Serie von aus Punkten wachsenden Perspektivräumen einen Hauch von Melancholie verleiht - wobei sich die Frage stellt, ob man nicht als Betrachter dies aufgrund dieses Wissens in die minimalistische Struktur und den Weiß-auf-Blaugrün-Kontrast mit- oder sogar missinterpretiert.

2014 gab es eine kurze Auseinandersetzung mit Laserschnitttechnologie auf Metallträgern: Die "Thorns" bieten wieder eine Grundform, ähnlich einer Balustrade seriell übereinander getürmt. Ocker trifft Rot, die Perfektion der Collage klärt auf, dass es keine Bilder, sondern Bild-Objekte sind: eine versteckte Referenz an das ferne Ready-Made, das weiter durch die Kunstgeschichte geistert.