Der Krebsforscher Heinrich Kovar und die Künstlerin Ruth Mateus-Berr sind eines der ersten Duos von "Art4Science", einem Projekt der St. Anna Kinderkrebsforschung. Bei "Art4Science" wird Wissenschaft in Kunst übersetzt. In diesem Fall ging es um das Ewing Sarkom, eine besonders aggressive Art des Knochenkrebses und das Forschungsgebiet von Heinrich Kovar, das er glaubte, bereits in- und auswendig zu kennen. Bei dem Austausch mit der Künstlerin Ruth Mateus-Berr, die schließlich ein Bild des Ewing Sarkoms malte, wurde ihm bewusst, dass es noch viele neue Facetten zu entdecken gibt - wenn man eine andere Perspektive einnehmen kann.

Blickwechsel

Bei dem Projekt "Art4Science" bilden Wissenschafter und Künstler sogenannte Duos. Die Forschenden erklären ihr Arbeitsgebiet und Künstler übersetzen die Forschung in Kunst. Am 25. Februar fand die erste Podikumsdiskussion zu diesem Projekt statt. Moderiert von Walter Hämmerle, dem Chefredakteur der "Wiener Zeitung", sprachen Heinrich Kovar und Ruth Mateus-Berr mit der Verhaltensbiologin und Wissenschaftskommunikatorin Elisabeth Oberzaucher über ihre Erfahrungen und die Erkenntnisse aus dem gemeinsamen Austausch. Die Diskussion wurde via Streaming live übertragen, musste aber aufgrund der Pandemie ohne Publikum stattfinden. Die Diskussionsrunde hatte die Wiener Galerie Mario Mauroner ganz für sich.

Die erste Podiumsdiskussion von "Art4Science": Die Künstlerin Ruth Mateus-Berr (links), der Krebsforscher Heinrich Kovar und die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher (Mitte) diskutierten in der Galerie Mario Mauroner in Wien. Moderiert wurde die Veranstaltung von Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung" (rechts). - © WZ / Renner
Die erste Podiumsdiskussion von "Art4Science": Die Künstlerin Ruth Mateus-Berr (links), der Krebsforscher Heinrich Kovar und die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher (Mitte) diskutierten in der Galerie Mario Mauroner in Wien. Moderiert wurde die Veranstaltung von Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung" (rechts). - © WZ / Renner

Sie habe sich den Zugang zur Molekularbiologie und zur Krebsforschung erarbeiten müssen, erzählte Ruth Mateus-Berr. Im Laufe vieler Gespräche mit Heinrich Kovar über die Entstehung von Krebs und das Verhalten von Krebszellen des Ewing Sarkoms veränderte sich das Bild, dass Mateus-Berr sich von den Krebszellen machte stetig. Es entstanden unzählige Zeichnungen und Aquarelle. "Eine meine ersten Zeichnungen war eine Art Sternenhimmel", berichtete Mateus-Berr. Der Blick durch ein Mikroskop ließ aber schließlich eine andere Idee an die Stelle dieses Sternenhimmels treten: Jenes einer Zelle, die kommuniziert. "Diese Kommunikation gibt es tatsächlich", sagt Kovar. "Eine Krebszelle hat Rezeptoren und steht im Austausch mit der Umwelt. Das spielt auch in der Therapie eine Rolle, wenn man etwa einen Antikörper gegen einen solchen Rezeptor verwendet, kann es passieren, dass eine Resistenz entsteht." In dem Bild werden diese Resistenzen sichtbar: Mateus-Berr hat den charakteristischen Fortsätzen der Krebszelle in dem Bild, das sie vom Ewing Sarkom malte, Gesichter verliehen, die Unwillen, Widerstand und auch Wut ausdrücken.

Was ist die Aufgabe der Kunst? Mateus-Berr verwies auf Francis Bacon: "to deepen the mystery", das Geheimnis zu vertiefen. Der Gegensatz zu aufklärenden Wissenschaft ist nur ein scheinbarer, wie die Diskussion zu Tage brachte: Das Geheimnis, die noch unentdeckten Welten und Zusammenhänge, hält die Faszination für ein Forschungsobjekt am Leben und erlaubt neue Erkenntnis. Das Problem ist eher, dass sich diese Prozesse nicht so leicht kommunizieren lassen wie ein entzauberndes Forschungsergebnis: "Erkenntnis an sich ist etwas Belohnendes", sagte Elisabeth Oberzaucher. Zwar sei gerade in einer Pandemie alles auf möglichst fixierte Fakten ausgerichtet, aber: "Man kann eine Gesellschaft auch darauf einstimmen, dass Wissenschaft etwas ist, das sich ständig bewegt und sich deshalb verändert. Sie ist nicht starr, sondern es ist ein Prozess." Die Kunst scheint jedenfalls ein Mittel zu sein, diesen Prozess sinnlich werden zu lassen.