Was ist der Unterschied zwischen einem Bild und einem Auto? Na ja, falls das keine Scherzfrage ist, lautet die Antwort wohl: alles. Schließlich ist das eine was zum Anschauen und da reicht es völlig, wenn man zwei Augen hat, und für das andere braucht man sogar einen Führerschein. (Okay, einen Ferrari können die meisten gleichermaßen nur betrachten, selbst wenn sie eine Lenkberechtigung besitzen.) Aber eigentlich wollte ich das Gegenteil fragen, nämlich was ein Bild mit einem Auto GEMEINSAM hat. Nichts? Richtig. Nicht einmal einen einzigen Buchstaben. Es sei denn . . .

. . . der Konrad Winter hat es gemalt. Dann schreibt man das Bild zwar nach wie vor "Bild", allerdings glänzt es so, als würde man es A, U, T, O buchstabieren. Kein Wunder bei der Technik: Lack (und nicht irgendeiner, sondern Autolack) auf Aluminium. Und was ist ein Auto anderes als lackiertes Blech? Die Arbeiten des gebürtigen Salzburgers (Baujahr beziehungsweise Erstzulassung: 1963), die gerade auf den Wänden der Galerie Frey "parken", sind freilich nicht so eintönig wie ein handelsüblicher Pkw, sind alles andere als monochrom. Haben die geilsten Farben gleichzeitig. Das New Yorker Taxi-Gelb fährt durchs hektische Manhattan, und das grüngestimmte nächtliche Palermo mit Palmenbewuchs ist wenigstens POLYCHROM grün.

Blauer als die Donau: Konrad Winters "Donaukanal" (Autolack auf Aluminium). - © Galerie Frey
Blauer als die Donau: Konrad Winters "Donaukanal" (Autolack auf Aluminium). - © Galerie Frey

Fortbewegungsmittel mit vier Buchstaben: Bild!

New York? Palermo? Fortbewegungsmittel sind die sinnlichen Lack-Orgien also ebenfalls. Zumindest bringen sie einen mehr oder weniger weit weg, an einen anderen Ort. Nach Sizilien, Amerika (da kommt man sonst lediglich mit dem Flugzeug hin), Bruck, zum Donaukanal (dorthin kommt man bequem mit der U-Bahn, dem Fahrrad oder gar zu Fuß) oder einfach zum Friseur.

Das New Yorker Taxi-Gelb fährt durch Manhattan: "Only Bus" von Konrad Winter. - © Galerie Frey
Das New Yorker Taxi-Gelb fährt durch Manhattan: "Only Bus" von Konrad Winter. - © Galerie Frey

Letzterer liegt eindeutig in – der Vergangenheit. Denn keiner trägt eine Maske. Sehnsüchtig (und ein bissl neidisch) blickt man von draußen durchs Fenster auf die alte Normalität. Eine raffinierte Hinterglasmalerei, bei der sogar das Glas gemalt ist. Samt Lichtreflex auf der Scheibe. "Reflexionen" heißt die Ausstellung ja nicht von ungefähr. Überall Spiegelungen (auch live in der glatten Oberfläche). Die Vegetation am Ufer des Bluntausees geht ins smaragdgrüne Wasser baden, auf der regennassen Fahrbahn zerrinnen die Lichter der Stadt aquarellig zu einem abstrakten Farbenspiel, zu einem "Lackquarell".

Der Realismus tarnt sich als abstrakte Kunst

Überhaupt kriegt man immer zwei Bilder in einem. Und zum PREIS von einem. Hört sich nach einem guten Angebot an. Wendebilder? Nein. Drehbilder genauso wenig, die man locker verkehrt herum aufhängen könnte, mit dem Oben nach unten, ohne dass es groß auffallen würde. (So gesehen kauft man mit manchem abstraktem Opus gleich VIER Bilder auf einmal. Besonders, wenn man sich daheim plötzlich nimmer auskennt, wo bei diesem oben, unten, rechts oder links ist.)

Autolack im Regen: Sinnliches "Lackquarell" von Konrad Winter. - © Galerie Frey
Autolack im Regen: Sinnliches "Lackquarell" von Konrad Winter. - © Galerie Frey

Und beim Konrad Winter? Bekommt man ein Bild für die Nähe und eins für die Ferne. Man muss folglich nicht das BILD bewegen, sondern sich selbst, damit sich das zweite enthüllt. Muss nur dicht genug "auffahren", und der Realismus tarnt sich als abstrakte Kunst. Und man rätselt, wie aus diesen sich überlagernden amorphen Flecken, aus dieser Massenkarambolage lustiger bunter Camouflage-Schecken eine Straßen- oder Genreszene oder eine Naturidylle werden kann, bloß weil man ein paar Schritte zurückmacht. Jö, der Emil! (Das Hochflur-Bim-Modell.) Eine Doppelconférence von Rot und Grau.

Sein Erzfeind – das Staubkorn

Die Herstellung ist durchaus aufwändig: "Der Washprimer und der Füllgrund sind gerollt (nicht gespritzt) und geschliffen, der Einschicht-Zweikomponenten-Lack ist mit feinen Schriftmalerpinseln, sogenannten Schleppern, die eine Pinselmanufaktur extra für mich produziert, aufgetragen. Es handelt sich also um reine Malerei." Alles klar soweit? Maskieren muss er sich sowieso, der Winter. (Und nicht erst seit Corona.) Um sich vor den Dämpfen zu schützen. Und sein erbitterter Kampf gegen seinen Erzfeind erst. Gegen den Schlüssel? Der den Lack zerkratzt? Falsch. Gegen einen viel kleineren, hinterfotzigeren Schädling: das Staubkorn. Dieses Gfrast kann ihm die perfekte Glätte ruinieren. Sobald der Lack getrocknet ist, sind die Gemälde dafür wetterfest wie – Autos. He, praktisch. Sollte im Wohnzimmer kein "Parkplatz" mehr frei sein, schlägt man den Nagel kurzerhand in die Badezimmerfliesen ein. Oder in die Außenmauer neben der Balkontür.

Ich fahr jedenfalls total auf diesen poppigen Hochglanz-Impressionismus ab. Ob mich ein Polizist, wenn er mich aufhält, deswegen anzeigen kann? Immerhin hab ich keinen Führerschein.