Wie schreibt man über eine Ausstellung, wenn man nicht erwähnen darf, was da zu sehen ist? Am besten gar nicht. Andererseits weiß dann doch keiner, dass es sie gibt, und auf einmal existiert sie wahrscheinlich tatsächlich nicht. Sogar die Identität der Künstlerin oder des Künstlers ist streng geheim. Als ob die Kunst ein Krimi wäre, und sobald jemand spoilert, wer der Täter ist, ist die ganze Spannung weg. (Nicht, dass ich einen Geheimhaltungsvertrag unterzeichnen hätte müssen oder ein Schweigegelübde ablegen, dass ich den Namen mit ins Grab nehmen werde, um niemandem die Überraschung zu verderben.)

Aber sollte man nicht wenigstens ihr oder ihm SELBST verraten, dass sie/er grad in der bechter kastowsky galerie ausstellt? TUT sie/er ja gar nicht. Es hängt lediglich (und so viel darf ich preisgeben) ein Bild von ihr/ihm dort. Der Rest ist gähnende Leere. (Und Gähnen ist ansteckend.) Überall weiße Wände. Und möglicherweise sind die die eigentliche Ausstellung, immerhin konfrontieren sie den Besucher mit den vielen Ausstellungen, die wegen Corona unsichtbar waren oder auf irgendwann später verschoben worden sind.

Welches Bild nimmt man mit auf die Insel?

Zahlt es sich überhaupt aus, wegen eines einzigen Kunstwerks aufzusperren? Na ja, zahlt es sich aus, die Galerie zu füllen und auf den nächsten Lockdown zu warten? Außerdem scheint es im Louvre doch ebenfalls nur die Mona Lisa zu geben. Jedenfalls war man nicht im Louvre, wenn man sich die nicht angeschaut hat, ohne sie zu sehen, wenn man also zum Beispiel kein Selfie mit ihr gemacht hat.

Und das eine Opus in der ausgeräumten Galerie, das keine Konkurrenz ausschalten muss, um die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Stammt definitiv nicht von Leonardo da Vinci und lächelt nicht. Vielmehr ist es vom Galeristenpaar Eva-Maria Bechter und Robert Kastowsky aus der eigenen Sammlung ausgewählt worden, was es wiederum zu etwas Besonderem, Wertvollem macht. Auch OHNE aufliegende Preisliste. Das ist schließlich keine Verkaufsausstellung. Sondern? Konzeptkunst? Ein Experiment? Tja, welches Bild würden SIE auf die einsame Insel mitnehmen, wenn Sie sich für eines entscheiden müssten? (Warum sollte man ausgerechnet ein BILD auf eine einsame Insel mitnehmen, wo es vielleicht nicht einmal Wände gibt? Und sind die anderen zwei Dinge ein Nagel und ein Hammer?)

"Contemplation" – so der Titel der entschlackenden Schau. Der Online-Duden definiert Kontemplation ja erstens als "konzentriert-beschauliches Nachdenken und geistiges Sichversenken in etwas" und zweitens als "innere Sammlung und religiöse Betrachtung; Versenkung". He, damals auf der Expo 2000 in Hannover hat das Künstlerkollektiv Gelatin die Leute gleichfalls dazu gebracht, sich zu versenken, allerdings LEIBHAFTIG, nicht geistig. Wer neugierig auf das "Weltwunder" war, herausfinden wollte, ob es sich bei der unterirdischen Installation wirklich um eine riesige vergrabene Teekanne gehandelt hat (was eine Projektskizze nahegelegt hat), musste tief Luft holen und durch eine wassergeflutete Röhre tauchen, und wenn das der Ausguss war, hätte man theoretisch im Bauch des besagten Gefäßes wieder auftauchen müssen. Um zu erfahren, was auf diesem mysteriösen BILD drauf ist, SOFERN etwas drauf ist, müssen die Schaulustigen dagegen Stiegensteigen, weil sich die Galerie im Mezzanin befindet und nicht unter der Erde, nicht im Keller. Und man muss nicht seine Badesachen anziehen, sondern kann seine Straßenklamotten anlassen. Die einzige Kleidervorschrift ist eine FFP2-Maske.

Schwarzer Kaffee ist besser für die Kühe

Die Ruhe zur Versenkung findet man dennoch hier, die Muße, um kontemplativ in das imposante Andachtsbild einzutauchen, das simpel und komplex zugleich ist, abstrakt ist, und trotzdem kann man nicht ohne Weiteres behaupten, es wäre NICHT figurativ. Zum Nachdenken fordert es einen mit seinem irritierend pittoresken, obskuren Minimalismus sowieso heraus (black pictures matter), wirft existenzielle Fragen auf nach dem Wert der Kunst, des Lebens, der Dinge in der Wegwerfgesellschaft, nach unserem Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Ist eine Koproduktion zwischen Natur und Kunst. Ein natürliches Kunstprodukt quasi. Die Malerei IST bekanntlich nicht tot, diese freilich irgendwie schon, was vor allem am Malgrund liegt. Mehr darf ich jetzt aber NICHT ausplaudern.

Ein Bankerl wäre nett gewesen. Damit man länger durchhält, während man die verstörende Leere auf sich wirken lässt oder versucht zu schauen UND zu sehen und dabei über Probleme sinniert wie: Ob man echt jedes Mal Milch in seinem Kaffee braucht oder es zum Wohle der Kühe nicht gescheiter wäre, man würde ihn schwarz trinken. Oder GLEICH Tee. Was die Kühe mit alldem zu tun haben? Sag ich nicht. Darf ich nicht.