Die Beziehung von Joseph Beuys (1921 bis 1986), dem bekanntesten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa, zu Wien war auf vier Kurzaufenthalte reduziert und trotzdem eng. Jedoch durch den Prozess um die Werke seines "Wiener Blocks" lange überschattet. Darum ist ein kunsthistorischer Fokus hierzulande wichtig, der mit der Retrospektive "Joseph Beuys. Denken. Handeln. Fühlen" von Kurator Harald Krejci gesetzt wird und mit einem Forschungsprojekt verbunden war. Dem Starkünstler mit keinem geringeren Anspruch als durch die Kunst die Gesellschaft zu reformieren, hätte der Ort sicher gefallen. Denn im 21er Haus rückt er einem seiner bekannten Sprüche geografisch näher: "Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt" - nun lassen sie neben diesem auch die Ironie mitspüren, die dem von Jüngern umschwärmten und von Gegnern gehassten Beuys auch in Wien nicht abhandenkam.

1966 hatte ihn Otto Mauer in die Galerie nächst St. Stephan eingeladen. Dort fand im Beisein der Aktionisten, mit denen er als Fluxus-Künstler bereits vernetzt war, 1967 die Aktion "Eurasienstab" statt. Beuys interessierte nicht nur die Randlage Wiens am "Eisernen Vorhang" für seinen Blick über die Schwelle zwischen Ost und West, sondern auch das alternative Lebensmodell der Kommune Friedrichshof von Otto Muehl. Nach Verlust seiner Düsseldorfer Professur bot ihm Oswald Oberhuber eine an der Angewandten an, wie er zuvor Hans Hollein eine Stelle in Düsseldorf vermittelt hatte. In dessen Museum in Mönchengladbach hatte Beuys seine erste große Museumsausstellung und polarisierte mit Filz und Fettecken, die damals als Provokation, wie andere seiner Materialien, heftig quer durch die Medien diskutiert wurden. Die Pflanzung eines Baumes vor der Angewandten nahm das größte kunstökologische Projekt des Künstlers vorweg, das erst nach seinem Tod beendet wurde, die "7.000 Eichen für Kassel".

Ein Porträt von Joseph Beuys aus 1985 in Paris. - © Laurence Sudre / Bridgeman Images
Ein Porträt von Joseph Beuys aus 1985 in Paris. - © Laurence Sudre / Bridgeman Images

In der Ausstellung laufen fünf Filme über wichtige Aktionen neben drei Installationen, einigen Vitrinen und seinen Zeichnungen, die stets am Anfang seines Denkprozesses standen und zum Teil von hoher Poesie sind. Die gelbe Wandfarbe soll mit den Hauptmaterialien, dem Honig und auch der Zitrone, korrespondieren. Trotz Corona gibt es Platz für möglichen Diskurs und die vielen Fotografien - zum Teil von Peter Baum - versuchen die Hauptfigur präsenter zu machen. Über die disparate Aufstellung der Relikte von "Honigpumpe am Arbeitsplatz" (documenta 1977) von "Hirschdenkmäler (1958/
82)" oder "Basisraum Nasse Wäsche" (1979 für das Moderne Museum Wien, damals im Palais Liechtenstein) ist schon so viel gestritten worden, dass die zuständigen Leihgeber Variablen erlauben. Natürlich schwingt in jeder Präsentation Bazon Brocks Attacke mit, man solle ohne Beuys kein Werk mehr von ihm zeigen, was natürlich ein extremer Standpunkt im tatsächlichen Dilemma ist.

Wien-Besuch als Staatsempfang

Joseph Beuys’ Werk "Gib mir Honig" (1979). - © Pixelstorm / Bildrecht
Joseph Beuys’ Werk "Gib mir Honig" (1979). - © Pixelstorm / Bildrecht

Als Beuys 1983 Bundeskanzler Bruno Kreisky traf, war - nach Krejci - sein letzter Wienbesuch eigentlich schon eine Art Staatsempfang. Doch er vermochte die Regierung nicht abzuhalten vor ökologischen Fehlern wie dem Kampf gegen die Besetzer der Hainburger Au und den Bau des Atomkraftwerks Zwentendorf. Damals lief in Kassel bereits die Pflanzung der 7.000 Eichen, die erst nach Beuys’ Tod zu Ende ging. Als Gründungsmitglied der Grünen in Deutschland hatte er das Plakat "Der Unbesiegbare" 1979 entworfen, mit Jägerfigur, die auf Plastilin-Hasen schießt; seine Mitstreiter verstanden ihn nicht. Er wurde schließlich aus der Partei ausgeschlossen.

Den Tieren als Hauptmotiv blieb Beuys treu, dies lässt sich vom Film der Aktion "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" über die Hirsche, Hirschkühe, Bienen, Eisbären und Pferde sowie seine Tierpartei verfolgen. Diese ökologische Komponente macht ihn auch heute noch aktuell, neben anderen, in Sachen Demokratie, eher altmodisch wirkenden kunstpolitischen Aspekten.