Da ist jemand offenbar gut im Wurzelziehen. Die Michaela Bruckmüller muss allerdings eh auch die Finger zu Hilfe nehmen, mindestens, wenn nicht gar den – Spaten. Den Spaten? Nicht den Taschenrechner? Na ja, bei den Wurzeln, auf die SIE steht, handelt es sich halt nicht um Quadratwurzeln. Was zum Beispiel dort in der Ecke gleich im ersten Raum der Galerie Ulrike Hrobsky herumhängt wie ein Gekreuzigter im Herrgottswinkel, sich anthropomorph windet zwischen Leiden und Ekstase, ist vielmehr die im physischsten Sinne des Wortes "leibhaftige" Wurzel einer Artischocke. Denn hier geht’s nicht um Mathematik, sondern um . . . – Botanik?

Vordergründig schon. Dass die Ausstellung freilich nicht einfach ein nüchternes Herbarium ist, eine rein naturwissenschaftliche Sammlung diverser Gewächse (das Interesse der Künstlerin gilt übrigens in gleichem Maße den SICHTBAREN, OBERIRDISCHEN Pflanzenteilen), das macht bereits der Titel der trotzdem sehr lehrreichen Schau klar (die gespickt ist mit lateinischen Namen wie ein botanischer Garten): "Fetisch." Und das ist bekanntlich ein verehrter Gegenstand mit angeblich magischen oder sonstigen Kräften, ein Objekt der heiligen oder weitaus körperlicheren Begierde.

Optischer Aufheller mit fünf Buchstaben: Licht

Quasi durch die Blume wird Existenzielles angesprochen. Wie die Vergänglichkeit. (Bruckmüller: "Es stirbt ja nix umsonst. Es wird ja alles wieder Humus.") "Danse macabre": In diesen geradezu altmeisterlich morbiden Vanitas-Stillleben, wo die diplomierte Fotografin der "Schönheit des Vergehens" nachspürt, ist das Leben ein Tanz mit dem Tod, scheinen die Pfingstrosen, die Ranunkeln oder die Nelken tänzelnd zu verwelken.

Es werde dieser optische Aufheller mit fünf Buchstaben! Pflanzen brauchen ihn genauso dringend (ohne Licht keine Photosynthese) wie die Fotografie. Bruckmüller, die 1971 in Wels "belichtet" wurde (das sogenannte "Licht der Welt" erblickt hat), bevor sie sich umgetopft, nach Wien verpflanzt hat, macht aber definitiv keine KLASSISCHEN Fotos. "Ich kauf immer so alte Scanner auf und modifizier die. Das is mei Kamera." Moment: Sie baut diese Dinger selber um? Heißt das, sie ist technisch begabt? "Das hab ich mir alles mühsam erarbeiten müssen. Von Begabung keine Spur. I tu da herumschrauben." Nachsatz: "Vielleicht is es gscheiter zu sagen: ein optisches Aufnahmegerät." Eine einzige frontale Lichtquelle jedenfalls (die des umoperierten Scanners) pflückt die Blüten (oder gräbt die Wurzeln) dramatisch aus der Finsternis der Dunkelkammer. Mit unglaublicher Schärfe und Plastizität leuchten sie dann auf den Fine-Art-Prints aus einem satten, tiefen, undurchdringlichen Schwarz heraus.

Die Schönheit des Vergehens: Pfingstrosen beim Totentanz (Michaela Bruckmüllers "Danse macabre".) - © Michaela Bruckmüller / Bildrecht, Wien 2021
Die Schönheit des Vergehens: Pfingstrosen beim Totentanz (Michaela Bruckmüllers "Danse macabre".) - © Michaela Bruckmüller / Bildrecht, Wien 2021

Ständig will man hingreifen (wie ein ungläubiger Thomas), weil man nicht fassen kann, dass da wirklich alles flach ist und nicht etwa die flügge gewordenen Artischocken-Samen schlichtweg auf schwarzen Samt geklebt worden sind. Nein, nicht einmal die halbierten getrockneten Artischocken-BLÜTEN ("Cynara divided" aus dem Zyklus "Wild at heart", der die Lebensstadien dieser Kulturpflanze aus der Familie der Korbblütler nacherzählt) sind mit ein paar echten Härchen, mit "Artischockenheu", garniert. Die Haptik ist pure Illusion.

Konzeptuelle Poesie: das Triptychon "sub rosa" ("unter der Rose", wenn man’s wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt), das nach einer höchstens noch bildungssprachlich gebräuchlichen Wendung benannt ist, die so viel bedeutet wie "unter dem Siegel der Verschwiegenheit". Rosenblüten (und Blumen gelten ja als äußerst beredt) werden nach und nach reduziert, wortkarger, bis sie im schweigsamen Schwarz, in der lichtleeren Stille, in der nicht das leiseste Echo eines zarten Rot-Tons nachhallt, verstummen.

Der Fugufisch, der auf den Bäumen wächst

Persönliches teilt Bruckmüller mit dem Besucher ebenfalls. Eine mysteriöse hölzerne Blackbox, die Anklänge an die Camera obscura und an eine alte Plattenkamera vereint, wird zur Guckkasten-Bühne für eine gescannte Erinnerung (die eindrückliche Begegnung mit einer Eibe). Nach dem Tod ihrer Mutter ist die Künstlerin nämlich auf der Hohen Wand im südlichen Niederösterreich plötzlich vor einer Eibe gestanden, und wenn man diesen hochgiftigen, immergrünen Nadelbaum googelt, dieses besonders langlebige Geschöpf, das außerdem häufig auf Friedhöfen anzutreffen ist, stößt man bald auf Überschriften wie: "Die Eibe – Der Baum an der Pforte zur Ewigkeit."

Im schwarzen Kastl wird nun ein "Erinnerungsstück" aufgeführt, hat ein Eibenzweig seinen Auftritt als Glasdruck, als konservierter Augenblick. Die verlockend roten "Früchte" (in Wahrheit fleischige Samenmäntel, Arilli) schwellen so prall aus dem Schatten, man möchte sie pflücken. Kann man natürlich sowieso nicht, aber WENN man es könnte, könnte man daraus (Bruckmüller:) "sogar Marmelade machen. Man darf nur die Samen nicht verletzen. Das ist wie beim Fugufisch". Also besser NICHT versuchen, sie aus dem Bild zu pflücken. Sicherheitshalber.

Überhaupt zimmert Bruckmüller, die beinah Biologie studiert hätte und heute immerhin Zugang zum Arzneimittelgarten der Uni Wien hat, ihren Pflänzchen mit Vorliebe eine Behausung, präsentiert sie in einem geschützten Rahmen, rahmt sie etwa mit alten, pensionsreifen Holzschindeln ein. (Pension? Die WÄREN nicht in Pension gegangen. "Das wär Brennholz worden!")

Die "Radix"-Serie (radix: Lateinisch für "Wurzel"): Angeregt von einer Alraunwurzel aus der Wunderkammer von Rudolf II. (und die Alraune, diese berüchtigte Ritualpflanze, ist legendär für ihre erschreckend menschliche Gestalt), hat sich Bruckmüller auf die Suche gemacht nach der Menschlichkeit der HEIMISCHEREN Wurzeln. Hat diese eigenhändig ausgebuddelt, immer bemüht, die feinen Verästelungen nicht zu verletzen. Löwenzahn, Lattich . . . oh: ein Kukuruz mit burgenländischen Wurzeln! Letztere hat sie zumindest aus einem Feld im Burgenland extrahiert. ("Das war schweißtreibend. Ich bin da a Dreiviertelstunde gekniet und hab mir gedacht: Hoffentlich sigt mi keiner.")

Menschlich: Wurzeln mit Röckchen. ("Melothria" aus der Serie "Radix" von Michaela Bruckmüller.) - © Michaela Bruckmüller / Bildrecht, Wien 2021
Menschlich: Wurzeln mit Röckchen. ("Melothria" aus der Serie "Radix" von Michaela Bruckmüller.) - © Michaela Bruckmüller / Bildrecht, Wien 2021

Modische Wurzelbehandlung

Und bei ihr enden "Wurzelbehandlungen" eben damit, dass sie den fetischisierten Wurzeln Röckchen anzieht, "unter die man gern schauen kann". Tatsächlich. Die seidig glänzenden roten, blauen und violetten "Brokat"-Fleckerln lassen sich lüften (oh, là, là). Wie die transparente Reizwäsche (sexy!), die der Fenchel trägt. Zuerst hab ich mich selbstverständlich geweigert. Aus Gründen der Schicklichkeit? (Eine Wurzel, dieses lichtscheue, gschamige, unterirdische Organ, ist ja an sich bereits eine Intimregion. Nicht, dass sie für das pflanzliche Sexualleben eine Rolle spielen würde.) Blödsinn. Ich wollte mich lediglich nicht blamieren, falls die Fetzerln DOCH fotografiert und nicht real sind. (Weil inzwischen trau ich der Bruckmüller ALLES zu.)

Wie dreidimensionale Voodoo-Püppchen modelliert das Licht die züchtig bekleideten (oder nackerten) Wurzeln aus der Dunkelheit heraus. Hm. Voodoo. Wenn ich voyeuristisch den "Vorhang" hebe und einmal kräftig puste, kriegt womöglich jemand eine Blasenentzündung. Ob ich jetzt wegen Upskirting angezeigt werde? Und ob mich Facebook sperrt, wenn ich meine Handyfotos davon poste?

Was Sie schon immer über Pflanzen wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, Michaela Bruckmüller bringt es kurzerhand UNGEFRAGT ans Licht. Sensationell gut.