Und? Was können die Bilder vom Bernard Frize sonst noch – außer an der Wand hängen? Gut aussehen, zum Beispiel. Noch dazu sind sie bunt, seeehr bunt (schon der einzelne Pinselstrich ist polychrom), und das in den freundlichsten, geilsten Farben, die einem nicht schwer auf der Netzhaut liegen, sondern ohne Zweifel in Frieden kommen.

Ver-stehen muss man hier sowieso nichts. Bloß stehen, nämlich davor. (Vor den Werken, die mit ihrer rationalen Sinnlichkeit und verführerischen Palette in der Galerie nächst St. Stephan die Schaulust wecken.) Und schauen muss man natürlich. (No na.) Vor dem Betrachter haben die aktuellen Bilder des Franzosen (geboren 1954), der in Berlin und Paris lebt und arbeitet, aber offenbar eh keine Geheimnisse. Jedenfalls sind sie leicht durchschaubar, sind sie anscheinend die "Logische Schlussfolgerung" (Ausstellungstitel), die sich aus einer simplen Prämisse ergibt: Alle Pinselstriche sind vertikal, sofern sie nicht horizontal sind. Und diese mit breitem Malgerät gezogenen Vertikalen und Horizontalen werden dann in immer neuen Variationen zu einer geometrischen Harmonie verwoben. Vom einfachen Raster bis zum komplexeren "räumlichen" Gitter.

"Uji": Wie die japanische Stadt? Bunte Farben von Bernard Frize. - © Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder / Markus Woergoetter
"Uji": Wie die japanische Stadt? Bunte Farben von Bernard Frize. - © Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder / Markus Woergoetter

Haarpinsel kriegen keine Läuse

Okay, das längste Opus (über fünf Meter!) ist lediglich SENKRECHT "gestreift", dafür ist es SELBER waagrecht, ein so extremes Querformat, dass es bereits ein Zweiteiler ist, ein Diptychon. Die Malerei versiegelt sich übrigens selbst. (Genial.) Kriegt vom Harz, das dem Acryl beigemischt ist, ein mattes, wachsiges Finish.

Malerisches Stickbild von Natasza Niedziolka ("Zero 1625"). - © Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder / Markus Woergoetter
Malerisches Stickbild von Natasza Niedziolka ("Zero 1625"). - © Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder / Markus Woergoetter

Eine reinrassige abstrakte Kunst also? Andererseits sind die minimalistischen Ein-Wort-Titel überaus realistisch. Sogar "Uji" (eine Stadt in Japan, südlich von Kyoto). Und "Nono"? So heißen ein spanischer, ein brasilianischer und gleich zwei gabunische Fußballer, ein italienischer Komponist und ein Stadtteil der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Lauter Vornamen, Nachnamen, Orte und Sonstiges. "Lark" (englisch für "Lerche") stellt wahrscheinlich trotzdem nicht die Schönheit des Gesangs eines unscheinbaren Singvogels dar, "Marla" ist kein Frauenporträt und "Lice" (Läuse) erzählt keine Geschichte über verlauste Pinsel. Pinsel KRIEGEN meines Wissens keine Läuse, nicht einmal die HAAR-Pinsel. Ein Meister der subtilen Ambivalenz eben. Einer, der behauptet, dass ihn die Farbe "nicht sonderlich interessiert", nur um sich nachher ausgerechnet die attraktivsten aus dem Spektrum auszusuchen.

Die Farbe hängt an der Nadel

Nicht, dass die "Gemälde" von Natasza Niedziolka, die sich wie zwei Fremdkörper "dazugeschummelt" haben, eindeutiger wären. Gestickte Schraffuren aus Baumwollgarn verdichten sich da zu erstaunlich malerischen, vibrierenden Flächen mit sanften Farbübergängen. Und eigentlich sind diese zwei Hybride aus Stickerei und Malerei, aus Wandteppich und Leinwandbild vielmehr die Ausläufer der Einzelausstellung, die die Polin unten im LOGIN hat, im Schaufensterraum der Galerie.

Während in Niedziolkas pittoresker Kunst die Nadel mit meditativer Beschaulichkeit und Ausdauer im Textil ab- und wieder auftaucht, lässt der Titel dieser kleinen Schau ein WEITERES Bild entstehen, eines im Kopf, und dort Steine verspielt übers Wasser hüpfen: "Skipping Stones." (Besser Steine auf einem ruhenden Gewässer als auf Fensterglas.) Eine Nadel ist eine Nadel ist eine Nadel ist kein Delfin, aber manchmal ein Pinsel. Und auch Titel malen sehenswerte Bilder.