Eine begehbare Malerei gab es schon im abstrakten Expressionismus durch die Produktion von Jackson Pollock, der seine Leinwände am Boden bearbeitete und das mit Farbtropfen aus Dosen statt mit dem Pinsel. Hugo Canoilas, der Kapsch Contemporary Art Prize-Träger 2020 aus Lissabon mit Arbeitsaufenthalten und einer Galerievertretung in Wien, macht das für die Besucher des Mumok neu erfahrbar mit einer Ansammlung von ambivalenten Elementarteilen aus diversen Materialien in beeindruckendem Ausmaß.

Der ganze Boden des Ausstellungsraums in der Ebene vier ist von seiner Installation überzogen, ufert an den Rändern aus, dazu bleiben aber Wände und Decke weiß. Das Betreten setzt uns vielen Sinneseindrücken und auch Erinnerungen aus, die bis in die malerischen Membranen der steinzeitlichen Höhlenmalerei zurückreichen.

Empfindungen in der Krise

Es kommt zu einem Art Schwebezustand zwischen Natur und Kunst, aber auch zwischen Technoidem und Organischem, vor allem durch den Wechsel von stofflichen und die malerischen Inseln am Boden und durch die zahlreichen Glasobjekte in Form von Quallen.

Vorsicht ist geboten, nicht über diese fragilen Kunststücke zu stürzen. Wie im Schwemmland an einer Küste oder aber in Sicht auf die Schlieren giftiger Abwässer in der Tiefsee kommt es zu einer Blickrichtung nach unten nicht wie traditionell an die Wände; die Wahrnehmung ähnelt somit dem Überflug mit einer Drohnenkamera. Dazu verstärkt der portugiesische Künstler seine Appelle an soziale Empfindungen in der Krise des Anthropozäns durch eine performative Kollaboration mit den Performerinnen Elsie Lammer und Julie Monot, die im Hundekostüm auftreten und in der bühnenhaften Installation vorführen wie die einst enge Beziehung Mensch-Tier in unserer Gegenwart neu zu denken ist. "Becoming Dog" findet ohne Ankündigung in dieser bunten Katastrophenlandschaft statt und macht das überlegene Riechorgan der Hunde und ihr Schnüffeln am Boden zum Thema, angeregt von Donna Haraways Beschreibung einer "Verwandtschaft" zwischen allen Lebewesen und Lebensformen.

In deren Literatur ist nicht die dominante Erziehung des Hundes durch den Menschen angesprochen, sondern eine Umkehrsicht auf die Koevolution mit allen Konsequenzen, zu Indifferenz und Gefahr in der Beziehung kommt Freude und Spiel. Da tauchen die Aktionen des nomadischen Kunstschamanen Joseph Beuys mit Hasen und anderen Tieren visionär im Gedächtnis auf, da auch diese die gestörte Beziehung Mensch und Tier um 1960 zum Ausgang nahmen, wie es hier der Fall ist.

Die Travestie der Performerinnen fordert zum gemeinsamen Tanz in malerischer Bühnengrotte auf. Damit tauchen auch die seltsam grotesken Höhlenräume auf, die in den toskanischen Villen der Spätrenaissance eingebaut waren und Tier mit Menschen kombinierten. Schon aus dem Tierbrunnen der Grotte in der Villa Castello stürzen Jagdhunde tot heraus, fragwürdige Hierarchien thematisiert auch der von Moosen und Flechten überzogene Riese Appennino des Giambologna in den Gärten der Medici in Pratolino.

Wieder einmal greift unsere krisenhafte Gegenwartsempfindung auf die brüchige Umkehrsicht manieristischer Elementarvisionen bis zum Abjekten zurück. Kommen wir also durch Canoilas auf den Hund im Jahr der Pandemie auf diesen großen tintengetränkten Woll- und Stoffbahnen oder plagt uns noch die Erinnerung an die Hündin Laika, die 1954 von der Sowjetunion in den Weltraum verschickt wurde? Viele Assoziationsketten geraten in Bewegung. Die alte Hierarchie Künstler-Betrachter gerät einmal mehr ins Wanken, so kann auch Kurator Rainer Fuchs die Unsicherheiten in Sachen erweiterter Malereidiskurs passend zur aktuellen physischen und psychischen Unruhe ins Künstlergespräch mit einbringen.

Schön dabei auch die Umkehr der Assoziation Wasser auf eine Kartografie des Sternenhimmels, der Milchstraße, des Andromedanebels, aber auch der Hinweis auf das haptische Sensorium, das diese Materialien auslösen, ganz im Sinn einer Umkehr zur Empathie statt oft kalter posthumanistischer Ansagen in der Kunst.