Artikel auf wienerzeitung.at
Privatsphäre

Die Psyche ist ein David-Lynch-Film

In Michaela Stocks hybrider Galerie "Salon Real/Virtual" lädt uns Veronika Merklein zu einem virtuellen Psychotrip ein: "Der wunde Punkt."

von Claudia Aigner

Seit Corona bin ich eh so viel im Wohnzimmer, warum sollte ich mich also, wenn ich es einmal verlasse, ausgerechnet wieder in eines begeben, in dem ich noch dazu eine FFP2-Maske tragen muss? Na ja, erstens weil das Wohnzimmer im Art-déco-Stil schon allein sehenswert ist (als wäre hier bereits Gustav Klimt herumgeknotzt), und zweitens weil es kein herkömmliches Wohnzimmer ist, sondern der Salon Real, der handfeste Teil dieser echt-virtuellen Hybridgalerie von Michaela Stock, ein gemütlicher Raum mit Sitzgruppe, Kunstfeuer-Kamin und festen Wänden, der sich an jede frühere Ausstellung erinnert.

Ohne Navi durch die Einsamkeit

Auf dem Sofa hat die AKTUELLE Künstlerin, Veronika Merklein (1982 in Deutschland geboren und mittlerweile vorwiegend in Wien aktiv), gleich zwei Mal Platz genommen. Für Kamingespräche. Nein, sie hat nicht mit dem Kamin gesprochen, vielmehr "über das Unaussprechbare" mit Anna Mendelsohn (Performerin wie sie und zudem Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision) und mit der Künstlerin Bernadette Anzengruber "über den porösen Körper im virtuellen Raum". Pandemiebedingt nur für die Kamera. Um freilich den Salon VIRTUAL zu besuchen, den lockdownresistenten Teil, kann man bequem auf der EIGENEN Couch bleiben. Mit dem Handy oder Laptop. Und sich ohne Ansteckungsrisiko rund um die Uhr in der Kunstmatrix herumtreiben.

Der Salon Real ist ein Wohnzimmer mit Gedächtnis. Der erinnert sich an alle früheren Ausstellungen.

(© Copyright: Galerie Michaela Stock)

Bisher konnte man da eher durch das Modell eines potenziellen realen Raums spazieren und sich meist traditionell montierte Bilder ansehen, die virtuelle Fiktion war mehr oder weniger eine Kopie der "wirklichen" Realität, "Der wunde Punkt" von Veronika Merklein, die an der Akademie der bildenden Künste in Wien und der Kunsthochschule in Kassel studiert hat, ist dagegen ein multimediales Gesamterlebnis, eine Installation aus Foto, Video, Text, Sound und Objekt. Kurzum: Es bewegt sich was und es gibt einen Ton. Oder Tön-e, die plätschern und wabern. Für die 3D-Simulationen und entrischen Klänge, die einen auf diesem Psychotrip begleiten, hat sie übrigens die Virtual-Reality-Künstlerin Line Finderup Jensen engagiert ("weil ich in diesem Space schlichtweg jungfräulich bin").

Freistehende weiße Wände ("Ich wollte die nie weiß machen. Weil ich überhaupt keinen Bock auf den White Cube hatte.") inmitten einer unbestimmten, weißen Unendlichkeit. Um einen White Cube (als Synonym für den neutralen Ausstellungsraum) handelt es sich aber definitiv ohnehin nicht. Jedenfalls nicht um einen Würfel. Nicht zuletzt, weil der Plafond fehlt. Und sich das Innen gegenüber dem Außen nicht eindeutig abgrenzt, man sich oft nicht auskennt, ist man noch drin oder bereits draußen im Nichts. Eine beklemmende Einsamkeit, in der man sich verliert, sich ohne Navi orientieren muss.

Wie ein Ego-Shooter, bloß ohne Puffen

Virtuelle Gefilde, ja, trotzdem geht’s in diesen ums wahre Leben, um Verletzungen, Schmerz, Traumata, Ängste. Oder sogar um Leben und Tod, denn immerhin baumelt hier auch eine Leiche herum. Ein depressiver Avatar, der Ähnlichkeit mit der Künstlerin hat, hat sich anscheinend an einem Smiley-Emoticon erhängt und schwebt in der gleichgültigen Leere. Offenbar bin ich eine Sadistin, zumindest hat der Game-over-Avatar meinen Spieltrieb geweckt, hab ich ihm mit dem Cursor, mit dieser virtuellen Hand (völlig ohne Anatomie ist man folglich NICHT) eine gewatscht und ihn zum Rotieren gebracht. (He, fast wie bei einem Ego-Shooter, bloß ohne Puffen. Und der Einzige, den man abknallen könnte, IST bereits tot.) Und nachdem ich Blut geleckt hatte, hab ich den Avatar, Tschuldigung: die Avatar-in, obendrein wild schaukeln lassen (oh, die Fußsohlen sind gar nicht dreckig! – kein Wunder, bei den klinisch reinen Bits und Bytes).

Der Tod als Stillleben: Veronika Merklein ist "Die stille Nachbarin" (2011).

(© Foto: Christian Messner, Courtesy: Galerie Michaela Stock)

Ursprung war die Still-Life-Performance "Die stille Nachbarin" (2011), wo Merklein im Rahmen des Festivals "Tatort Hernals" in ihrer damaligen ebenerdigen, von der Straße aus durchs Fenster einsichtigen Wohnung im 17. Bezirk quasi ein Hinterglasbild geschaffen, sich an einem Smiley-Grinsen aufgeknüpft hat, und dabei war sie eine dermaßen überzeugende Illusionskünstlerin (den Sockel, auf dem sie in anstrengender aktionistischer Passivität gestanden ist, hat sie durch Tarnung praktisch weggezaubert), dass es ihr die Leute (wenigstens die beiden Damen, die die Rettung gerufen haben) tatsächlich abgenommen haben, sie hätte sich allen Ernstes an einem Heliumballon aufgehängt. (Ein signiertes Poster davon, pikanterweise etwas zum Aufhängen, ist in der REALEN Galerie erhältlich.) Der Tod als Stillleben. Nun hab ich beinah ein schlechtes Gewissen, dass ich mit der virtuellen Version der suizidalen Frau von nebenan, die sich in der lebenswertesten Stadt der Welt sauber und diskret umbringt und vorher vermutlich auf die Frage: "Wie geht’s?", stets brav geantwortet hat: "Danke, gut!", unbekümmert gespielt habe wie die Katze mit der erlegten Maus.

Das Video, das nachts gezeigt worden ist (ein Gesicht ringt sich in quälender Langsamkeit ein Lächeln ab – in 7.50 Minuten von null auf Grins), läuft im Salon Virtual ebenfalls. Zunächst meint man: ein Porträtfoto. Bis ein Mundwinkel zuckt. Und am Ende enthüllen sich grauslich gelbe Zähne, blickt man hinter die hübsch geschminkte Fassade, und im ersten Schock denkt man sich vielleicht: "Iiiii, lächle lieber wie die Mona Lisa oder trag gefälligst einen Mund-Nasen-Schutz!" Merklein: "Ich kann mich nur daran erinnern, dass es fürchterlich ekelhaft geschmeckt hat." (Das künstliche Lächeln, das sie sich draufgeschmiert hat.)

So sieht er also aus, der "wunde Punkt" (im Video von Veronika Merklein, Animation: Line Finderup Jensen).

(© Courtesy: Galerie Michaela Stock)

Im virtuellen Raum ein Lackerl machen

Mein "Spielzeug", die erhängte Avatarin, hätte anfangs eine viel bessere Auflösung haben sollen, das hat das Programm allerdings nicht hergegeben, weil "was hätte es gebracht, wenn man die Seite nicht mehr aufrufen hätte können". Und die Künstlerin hat nicht vergessen, wie sie dereinst, in grauer Vorzeit, beim Laden einer Seite "dann zwischendurch Geschirrspülen gegangen" ist. Auch der titelgebende "wunde Punkt", genau genommen ein riesiger wunder KLECKS, hätte erst im Laufe der Ausstellung zu dieser alles beherrschenden, unheimlichen, quecksilbrigen Lacke heranwachsen sollen, die als zähe, gerinnende Flüssigkeit über den virtuellen Boden kriecht wie ein vages Gefühl des Unbehagens.

Dass sie von Anfang an in voller, verführerisch glänzender Pracht da ist, die Lacke, stört freilich nicht im Geringsten. Außerdem erzählt der Trailer zur Ausstellung sowieso mit anschaulicher Sinnlichkeit ihre Schöpfungsgeschichte, lässt aus einem herabfallenden Urtropfen eine Pfütze entstehen, in der sich eine poetische Botschaft spiegelt: "Meine Einsamkeit hat Präfixe / Der Himmel wölbt sich konvex." In der GREIFBAREN Realität würde man natürlich bald an seine budgetären Grenzen stoßen, wollte man so ein gigantisches Lackerl machen, dennoch wird es sich möglicherweise materialisieren: als handliches Multiple. ("So wie man in einem Souvenirshop den Stephansdom kauft.")

Die Performancekünstlerin, die es gewohnt ist, als leibhaftige Ich-Form aufzutreten, mit ihrem Körper Probleme sichtbar zu machen, schlägt sich also erstaunlich gut im "körperlosen" Cyberspace. ("Wenn man Bohnenkaffee trinkt oder Instantkaffee, das sind halt zwei verschiedene Sachen. Man darf von dem einen nicht das andere erwarten.") Und endlich kann sie Einzelbilder aus ihrer David-Lynch-artigen Durational Performance "Erdbeermilch" (2015) zu jener Kinoleinwandgröße aufblasen, die ihnen gebührt. Die Stirnfransen einer Perücke lassen die Protagonistin "erblinden", eine weibliche Hand gräbt sich in ein "Gemälde" aus Marzipan.

Im Grunde ist es ja vollkommen egal, was genau an den zwei Tagen in diesem Hotelzimmer passiert ist (nein, nicht im Zimmer 26 des Lost Highway Hotels, sondern in irgendeinem Zimmer von Magdas Hotel in Wien), dass Merklein Erdbeermilch mit langen Strohhalmen getrunken hat, es "scheußlich süßlich gerochen" hat, sie ihren jeweiligen Gast gefragt hat, ob er übers Essen oder über Angst reden möchte ("und wenn die Leute gesagt haben, sie wollen übers Essen reden, hab ich Mikrowellenkuchen gebacken"), oder dass die Ballone im Hintergrund eigentlich Sprechblasen waren, tagebuchähnliche Aufzeichnungen enthalten haben – die Fotos, die mehr sind als Dokumentation, funktionieren auch für sich allein, transportieren diese albtraumhafte, surreale Atmosphäre. Die Psyche kann eben ein David-Lynch-Film sein. Und leben wir nicht inzwischen ALLE in einem?

Suchbild ohne Oberkörper: Veronika Merklein verstört mit "vollem" Körpereinsatz in "Sitting in the Closet".

(© Foto: Julia Kujat, Courtesy: Galerie Michaela Stock)

Aus dem Ei schlüpft "ein Scheißalkoholiker"

Merklein erzeugt in ihren immer sehr persönlichen, sehr physischen Arbeiten intensive Bilder für düstere innere Zustände und seelische Abgründe. Wie etwa in ihrem höchst verstörenden Opus "Sitting in the Closet", wo sie sich in einer Rumpelkammer voller sanitärem Chaos in eine Badewanne zwängt. Ein Tatortfoto? Mit Frauenleiche? Eventuell zerstückelt? Weil wo ist der Oberkörper? Nach einer Verlusterfahrung FÜHLT sich da scheinbar jemand nicht bloß unvollständig. Genauso dissoziativ ist der bildstarke Monolog, den eine Frauenstimme (die der Schauspielerin Chiara Felicita Ceeh) plötzlich vorträgt, sobald man das Osterei gefunden hat. (Okay, ein UNBUNTES Ei.)

Ein Text, der in seine Grammatik und Semantik zerfällt wie der Raum in seine Wände und dessen Handlung keine Geschichte ist, obwohl eine Ich-Erzählerin existiert und ein Du, das "ein Scheißalkoholiker" ist, eine Beerdigung vorkommt und es ein Ende gibt ("Dann bin ich tot. Normal."). Man lauscht andächtig diesem Ausschnitt aus "Phlegma Loop", einem Konvolut aus Text, Zeichnung, Fotografie und Archivmaterial (im realen Salon werden noch mehr Häppchen daraus serviert), wortmächtig ist Veronika Merklein nämlich überdies. Hier kriegt man halt was geboten.



Mehr auf wienerzeitung.at Kommentare zu diesem Artikel