Schlom hieß der erste Jude in Wien - zumindest der erste, der urkundlich erwähnt ist. Der Babenberger-Herzog Leopold V. holte Schlom als Münzmeister nach Wien, wo er ab 1194 nachgewiesen ist. Sein Ende war grausam - aber nicht untypisch: Einer von Schloms Dienern war Kreuzfahrer gewesen. Er bestahl Schlom, der ihn daraufhin vor Gericht brachte. Der Diener wurde eingesperrt. Seine Frau aber stachelte andere ehemalige Kreuzfahrer an, ihren Mann zu rächen. Daraufhin ermordeten sie Schlom und fünfzehn weitere Personen seines Haushalts im Jahr 1196. Das war zugleich das Ende jüdischer Münzmeister, denn die von Leopold V. in der Folge gegründete Wiener Münzgenossenschaft nahm nur Christen als Mitglieder auf.

Das ist nur eine der vielen Geschichten aus der Frühzeit des Wiener Judentums. Die Judenplatz-Dependance des Wiener Jüdischen Museums vermittelt sie in seiner neuen Dauerausstellung. Entweder versinkt man in ihr und braucht gar einen zweiten Besuch, oder man bleibt in verständnisloser Distanz. Denn diese Ausstellung macht es ihren Besuchern nicht leicht. Vor allem wendet sie sich an ein Publikum, das sich von vorneherein interessiert für mittelalterliche Stadtgeschichte.

Ein mittelalterlicher Schlüssel, gefunden bei Ausgrabungen im ehemaligen jüdischen Viertel Wiens. - © Nafez Rerhuf
Ein mittelalterlicher Schlüssel, gefunden bei Ausgrabungen im ehemaligen jüdischen Viertel Wiens. - © Nafez Rerhuf

Viel Text

Das größte Plus der Schau ist ihr größtes Manko - und umgekehrt: Diese Ausstellung bietet Unmengen an Information, sie kargt aber mit Schauwerten. Fast kommt sie einem vor wie ein Buch, das zu Ausstellungszwecken in Wandtafeln umgewandelt wurde. Man spürt, wie sehr die Ausstellungsmacher mit dem Material, oder vielmehr mit seinem Fehlen, gerungen haben. Ein paar Alltagsgegenstände, ein Schlüssel, ein Grabstein, ein Modell des mittelalterlichen jüdischen Viertels von Wien - viel mehr gibt es nicht zu sehen. Doch: Das Skelett eines Hundes, gefunden in einem Brunnen, lässt vermuten, dass, entgegen den Gerüchten, weniger die Juden die christlichen Brunnen vergifteten als die Christen die jüdischen Brunnen. Der Hund nämlich ist für Juden ein unreines Tier, die Absicht von Gesundheitsschädigung und zugleich Demütigung ist überdeutlich.

Dank dieser Ausstellung erfährt man vieles, was auch dem stadtgeschichtlich Interessierten nicht unbedingt geläufig ist: Dass Juden im Mittelalter und über das Mittelalter hinaus einen großen Teil der fähigen Ärzteschaft stellten, weiß man zwar; in Wien ist allerdings vor 1420 nur ein einziger nachgewiesen: Juda Guntzenhauser.

Juden als Besitzer von Weingärten: Das gab es im mittelalterlichen Wien. Denn nur Juden konnten koscheren Wein keltern, und jeder Schritt der Herstellung musste von einem Rabbiner überwacht werden.

Juden als Geldverleiher - nur ein antijüdisches Stereotyp. Keineswegs, aber in der Schau erfährt man den Hintergrund: Das Kreditgeschäft war Christen untersagt. Umgekehrt waren Juden zahlreiche Berufe verboten. Auch Handwerksberufe durften sie nur für die eigene Gemeinde ausüben. Sonst nämlich herrschte Zunftzwang - und die Zünfte ließen keine jüdischen Mitglieder zu.

Dennoch scheint es zu Beginn der jüdischen Gemeinde in Wien ein gutes Miteinander gegeben zu haben. Erst allmählich bildeten sich die antijüdischen Stereotype, die bei uninformierten und historisch ungebildeten Menschen bis heute nachwirken.

1421 wurde die Synagoge auf dem Judenplatz zerstört - Ausgrabungen haben ihre Fundamente freigelegt, sie sind im Museum Judenplatz zu sehen. Und zum ersten Mal kam es in dieser Gesera in Wien zur systematischen Verfolgung und Ermordung von Juden. Den Befehl dazu hatte Herzog Albrecht V. gegeben. Seine Motive sind unbekannt. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts siedelten sich wieder Juden in Wien an.

Jüdische Geschichte - Wiener Stadtgeschichte. Eine bedeutende Ausstellung - und für jeden bewussten Wiener unverzichtbar.