Es ist der beste Zeitpunkt für eine Retrospektive: diesen Samstag wird Daniel Spoerri, geboren am 27. März 1930 als Daniel Isaac Feinstein in Galati, Rumänien, 91 Jahre alt. Von seinen vielen Kollaborateuren gibt es nur noch ihn und den konkreten Poeten Eugen Gomringer, doch die vielen Kunstformen von Fluxus bis Konzept, die er sich aneignete und verfremdete, sind bis heute frisch und lebendig. Der ausgebildete Balletttänzer verlängert selbst den klassischen Manierismus locker in unsere Tage, in dem er Wunderkammern aus Alltagsgegenständen arrangiert, die er auf Flohmärkten sammelt. Das Kunstforum hat keine Mühen gescheut, Spoerris Werk der letzten 70 Jahre aus Europas Museen und Privatsammlungen zu leihen und einen wunderbaren Rundgang zu ermöglichen.

Kunst für viele

Zwar lebt Spoerri seit 2007 in Wien und Hadersdorf und die von Wolfgang Hahn seit 1961 angelegte Sammlung ist seit Jahrzehnten mit Hauptwerken hier im Mumok, aber die rund 100 Leihgaben kommen von 43 verschiedenen Standorten. Im Eingangsbereich hat Kuratorin Veronika Rudorfer die fiktiven Familienbilder, General und fromme Generalin mit Helmen und Orden, aber auch die strenge holländische Gouvernante mit Teddys gehängt, alte Ölschinken, gespickt mit Bedeutungsträgern, die ihre Welt ins Wanken bringen.

Nicht ohne meine Zigarette: Daniel Spoerris phänomenales "Frühstückstablett, Selbstbedienungsrestaurant, Paris, 1966. - © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021 / Kunstpalast / Horst Kolberg / Artothek
Nicht ohne meine Zigarette: Daniel Spoerris phänomenales "Frühstückstablett, Selbstbedienungsrestaurant, Paris, 1966. - © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021 / Kunstpalast / Horst Kolberg / Artothek

Danach schließen sich Assemblagen an, die weitere Methoden der ironischen Vorgangsweise erklären: arrangierte Flohmarktstücke in Friesen, daneben ein "Rat’s Nest" (1977) mit präparierten Tierleichen in Metall und Stroh, ein makabres Teamwork mit Robert Filliou. Mit ihm und Roland Topor brachte Spoerri in den 1960ern Fluxus-Postkarten in Umlauf. Immer ist der Tod in diesem Werk präsent, doch verbunden mit dem Schalk des Wortspielers - so verwandeln sich Scherben in Fetische und heißen Schutzengel. Neben dem "Fluxus Pegasus" von 1987, dessen ewiges Lämpchen als Inspiration auch in so manchem "Fallenbild" brennt, sind die Künstlerpalletten seine ureigensten Kreationen innerhalb eines offenen Arbeitsfelds, das Barbara Räderscheidt vom "Freundschaftsprinzip" geleitet sieht. Tatsächlich hat Spoerri, neben seinen Tätigkeiten als Tänzer und Regisseur, bereits 1959 beim "Autotheater" mit Jean Tinguely damit begonnen, die Poesie in kinetische Objekte einzufangen.

Nach der Zeitschrift "material" mit konkreten Poeten gab er mit Dieter Roth, Man Ray, Kurt Gerstner und anderen die Edition MAT heraus, voller "Multiples", damals nicht nur eine Erfindung, Kunst für Viele leistbar zu machen, sondern auch ein würdiger Nachfolger der Ready-mades von Marcel Duchamp. Spoerri setzte, als Mitbegründer der Nouveau Réalistes sich und der Gruppe mit dem Plakat "L’Ultima cena" 1970 einen Grabstein aus Papier.

Sehr lebendig erscheint dagegen bis heute die Idee der "Eat Art", die Spoerri in einigen Galerie in Paris und Kopenhagen begann, wo er im "Krämerladen" Lebensmittel als Kunst deklarierte. Später wurden Gastmähler und Bankette abgehalten, deren Reste auf der Tischplatte er als "Tableau piège" (Fallenbild) an die Wand klappte. Aus dem bekanntesten Eat-Art-Restaurant plus Galerie in Düsseldorf ab 1968 sind auch die mit Korrespondenzen und Palindrom-Poesie seines Freundes André Thomkins tapezierten Wände in Teilen erhalten, ebenso viele nach Banketten konservierte Fallenbilder - sie füllen den Hauptraum, daneben findet man die "Zimtzauberkonserven" von der griechischen Insel Symi 1966, wo die Bewohner alles verwerten, die Kunstwerke also Naturmagie bergen.

Gemeinschaftsarbeiten mit Filliou zum Zahn der Zeit geben Einblick in die Wortfallen-Sprachbilder, neben all dem Vergänglichen wie frühen Brotteigarbeiten mit Roth oder den "Fadenscheinigen Orakel", bestickten Tüchern, sind da die Kunst-Kochbücher, Thorazeigeranhäufungen, und die doch sehr haltbaren Bronzen Spoerris ab "Santo Grappa" 1970 bis zu den "Prillwitzer Idolen" 2006/08. Eine davon ist der Abguss eines 1983 vergrabenen und 2003 wieder ausgegrabenen Banketts. Der Giardino Spoerris in der Toskana bildet den Endpunkt der Schaureise durch poetische Traumgefilde.