Worum geht’s hier überhaupt? Und wo genau IST "hier"? Schon letztere Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Wieso nicht? Galerie Hubert Winter. War doch jetzt echt nicht schwer, oder? Und wer’s ganz präzise wissen will: Die befindet sich in der Breite Gasse und diese wiederum im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Okay, die zwei Straßenschilder IN der Galerie verorten die Ausstellungsräume in London. Den vorderen in der Kerbela Street, den hinteren in der Moat Lane. Dabei liegt London nicht einmal mehr in der EU (in Europa aber durchaus noch).

Na und? James Lewis, der ausstellende Künstler, der sich mittlerweile in Wien aufhält, der wurde dort geboren (in London und der EU). Und nimmt man seine Heimat nicht überallhin mit, egal wohin man zieht? Andererseits ist die Postleitzahl auf den Taferln eh falsch. Trap Streets also ("Fallenstraßen"), wie sie Kartografen gern auf ihren Landkarten und Stadtplänen verstecken. Als eine Art Kopierschutz, um später etwaige Plagiate identifizieren zu können. Oder eher Trap POSTCODES. Die Namen stimmen ja schließlich.

Mit dem Straßenschild stimmt etwas nicht. Der Name ist jedenfalls richtig. Dafür ist die Postleitzahl falsch. ("Kerbela Street" von James Lewis.) - © Simon Veres
Mit dem Straßenschild stimmt etwas nicht. Der Name ist jedenfalls richtig. Dafür ist die Postleitzahl falsch. ("Kerbela Street" von James Lewis.) - © Simon Veres

Sogar das Licht ist dreckig

Womit wir wieder bei der ersten Frage wären: Was das Thema der Ausstellung ist. Nämlich offenbar der Raum. Die Zeit ebenfalls. Orientierung generell. Und NOCH so einiges, auch wenn der Titel dieser mit raffinierter Hinterfotzigkeit in die Irre und wieder heraus führenden Schau mit einem einzigen Wort auskommt: "Injury" (englisch für "Verletzung", "Verwundung", "Beschädigung"). Nein, blutig geht’s da nicht gerade zu, allerdings hatte ich ständig das Gefühl, eine Privatsphäre zu verletzen (oder diese würde MICH verletzen – mit ihrem Exhibitionismus). Der mysteriöse, locker acht Kubikmeter große Würfel zum Beispiel. Der fordert einen ja förmlich dazu AUF, handgreiflich zu werden, den transparenten gelben PVC-Streifenvorhang beiseitezuschieben, um das rätselhafte Objekt dahinter genauer in Augenschein nehmen zu können. Ach, besser nicht. Sonst muss man sich wieder die Hände desinfizieren. Reinraum ist das jedenfalls keiner. Sogar auf der Neonröhre, die über einer Box mit so etwas wie einem Labyrinth drin hängt, pickt dick der Dreck.

Labyrinth? Ein Tierversuch womöglich? Werden da Laborratten, noch dazu unter hygienisch bedenklichen Bedingungen, mit Mengenlehre gequält? (Zumal es sich bei besagtem "Labyrinth" um ein sogenanntes Venn-Diagramm handelt, das im vorliegenden Fall die Relationen von gleich FÜNF Mengen veranschaulicht.) Hm. Bewegen tut sich hinterm Vorhang zumindest nix. Außerdem soll das ein Architekturmodell sein. Irgendwie passend, sich dabei von der Mengenlehre inspirieren zu lassen, diesem Teilgebiet der Mathematik, das lauter Beziehungsgeschichten erzählt, weil müssen Gebäude nicht ebenso eine Menge Leute, die etwas miteinander zu tun haben oder nicht, in Räume "einschlichten"?

Beschallt wird man obendrein. Von einem plätschernden Endlos-Sound, der aus dem "Labor" entkommt und die Luft heraußen akustisch "kontaminiert". Angeblich Kaminfeuer (he, wie beim beliebten Bildschirmschoner – halt als Lautsprecherschoner), nur dass das romantische Knistern, der Klang der Gemütlichkeit und des beschaulichen Wohnens, einem bis zur Unkenntlichkeit verfremdet in die Ohren kriecht und weniger einlullt als unruhig macht, besonders zusammen mit den countdownartigen Pieptönen, die für eine ziemlich unentspannte Atmosphäre sorgen. Nicht, dass ich restlos verstanden hätte, wer diese "imaginäre Gegenmacht" denn nun ist, die vom Werktitel angekündigt wird ("Imaginary Counter Power").

Was befindet sich hinter dem gelben Vorhang ? Laut Titel dieses Werks von James Lewis die  "Imaginary Counter Power". - © Simon Veres
Was befindet sich hinter dem gelben Vorhang ? Laut Titel dieses Werks von James Lewis die  "Imaginary Counter Power". - © Simon Veres

Den Körper muss man selber mitbringen

Und die kanaldeckelgroßen "Münzen"? (Zahlen, bitte! In Ordnung: 4800, 22, 33, 900 . . . – genug Zahlen?) Archäologische Funde aus mythisch grauer Vorzeit? Das Zahlungsmittel der Titanen? I wo. Dazu sind sie zu "menschlich", klären immerhin über den Homo sapiens auf (über dessen Anatomie, Körperfunktionen . . .). Die Zahlen stammen nämlich nicht aus dem Geldbörsel, sondern aus der Statistik und diversen sonstigen Quellen. Dass der Verdauungstrakt (und diese äußerst private Information unterliegt seltsamerweise nicht dem Datenschutz) ungefähr 900 Zentimeter lang ist, das sagt freilich nichts darüber aus, wie sich jemand fühlt, der Verstopfung hat oder Magenschmerzen.

Die Möglichkeit der Empathie mit dem vermessenen und statistisch durch und durch erfassten Menschen wird von diesen kreisrunden Aluminiumgüssen ja anscheinend gleichfalls hinterfragt, respektive werden die nüchternen Zahlen irritierend neu kontextualisiert. Aus den 33 Stunden, die das Essen im Schnitt vom Reinstopfen bis zur Ausscheidung unterwegs ist, werden "33 Hours Zen" (Verdauung als Form der Meditation?), aus den zwei Quadratmetern Haut zwei Quadratmeter VERACHTUNG. Und was haben 4800 Wörter mit "Divorce" ("Scheidung") zu tun? Die durchschnittliche Länge der Scheidungspapiere? Knapp daneben. 4800 Wörter sprechen Paare mutmaßlich pro Tag miteinander. Und wenn sie MEHR reden würden (oder weniger)? Würden sie "für immer" zusammenbleiben?

Apropos oral. Eine andere orale Praktik ist übrigens bei der HERSTELLUNG der Gussformen zum Einsatz gekommen: Kaugummikauen. Manche der Wandreliefs erinnern zwar entfernt an Tortendiagramme oder mikroskopische Aufnahmen, es gibt aber auch welche, die etwas von einem abstrakt expressionistischen Pointillismus haben. Nennt man die Platzierung von DNA-Proben (Kaugummis) im öffentlichen Raum eigentlich, in Anlehnung an die Graffiti, "Gummiti"? Plötzlich sehen die "Münzen" mehr wie Kanaldeckel aus. Und ist die Kanalisation nicht das GEDÄRM der Stadt? Eine sehr physische Ausstellung eben. Obwohl man den Körper selber mitbringen muss. Der einzige ist nämlich der des Besuchers, also der einzige, der LEIBHAFTIG anwesend ist.

Kanaldecke oder Münze oder beides? James Lewis' "Gut Flora". - © Simon Veres
Kanaldecke oder Münze oder beides? James Lewis' "Gut Flora". - © Simon Veres

Das Sofa des Neandertalers

Im letzten Raum fängt auf einmal Jim Morrison von den "Doors" an zu singen (na gut, eventuell hat er das lediglich in meinem Kopf gemacht): "Well, show me the way / To the next whiskey bar. / Oh, don’t ask why, / Oh, don’t ask why . . ." Weil dort billiger Whiskey serviert wird. Doch nicht mit Soda, sondern mit Sofa. Einem stark verkrusteten aus dem Pleistozän. (Der Künstler verwendet die inzwischen verjährte Bezeichnung "Diluvium".)

Natürlich ist das Sofa nicht wirklich ein Fossil aus den Tagen des Wollhaarmammuts, es TUT bloß so, als wäre es bereits dermaßen alt, dass ein Neandertaler da drauf das Ende der Eiszeit abwarten hätte können. James Lewis hat es vielmehr mit Gips und Beton in ein erdiges Stück Natur umgeformt, mit organischen Adern und Wurzeln überzogen, einen regelrechten Altar aus dem Sitzmöbel gemacht, diesem Symbol der neuen Häuslichkeit in der "Neo-Normalität" mit Lockdown und Ausgangsbeschränkungen. Und statt die obligaten Kerzen anzuzünden, hat er Gläser gefüllt. Um der Zeit ein Opfer darzubringen? Die trinkt den Whiskey, das "Wasser des Lebens", ja tatsächlich. Jedenfalls muss regelmäßig nachgeschenkt werden, weil die Drinks wundersam verdunsten. In der Pandemie ist selbst die Zeit zur Alkoholikerin geworden. Riechen kann man ihre Fahne trotzdem nicht. Wegen der FFP2-Maskenpflicht. Schade. Was soll’s, auch ohne Aroma plaudert das Opus, bei aller wuchtigen Materialität, subtil über die Vergänglichkeit.

"Zeitlos" ist diese sinnlich intellektuelle Kunst, die was fürs Auge, Ohr und theoretisch sogar was für die Nase ist, folglich definitiv NICHT. Materie und Zeit haben geradezu ein intimes Verhältnis und Lewis erwischt die beiden sowieso dauernd in flagranti. Tja, nichts währt ewig. (Oder wechselt es einfach nur den Aggregatzustand wie der Whiskey?) Und weil alles irgendwann ein Ende hat: aus.